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"In den Gängen":

Von Menschen und Gabelstaplern

Kleine Verschnaufpause zwischen dem letzten Actionkracher und der nächsten Marvel-Comic-Verfilmung gefällig? Der deutsche Film ist eine kleine, sanfte Kinoperle über eine Welt, die es so eigentlich nicht mehr geben dürfte.

Die grossen Fragen im Grossmarkt: Bekommt Christian (Franz Rogowski) die Getränke-Palette unbeschadet wieder herunter? Und was genau läuft da eigentlich mit Marion von den Süsswaren (Sandra Hüller)? Bild: zvg

von Sven Weber

Es gibt dort die Mayonnaise in 10-Kilogramm-Kübeln, Teigwaren und Süssigkeiten in der Grosspackung. Und natürlich Getränke en gros und dementsprechend günstig. Ein abgelegener Grossmarkt neben der Autobahn im mitteldeutschen Nirgendwo. Auch hier, wie in den normalen Einkaufszentren von den Kunden kaum wahrgenommen (es sei denn, man sucht etwas), sind Mitarbeiter ameisengleich damit beschäftigt, die Auslagen zu bestücken, die hinterlassene Unordnung der Kundschaft zu tilgen, Abfälle zu entsorgen, ohne Unterlass in Tages- und Nachtschichten.

Die beruflichen Anforderungen sind überschaubar in diesem namenlosen Betrieb, der sich sonderbar zeitlos anfühlt. Ein blauer Arbeitskittel, drei Kugelschreiber in die Brusttasche, Namensschild und ein Cutter, dann kann es für den Neuen, Christian (Franz Rogowski), losgehen. Bruno (Peter Kurth), der alte Hase, nimmt sich seiner an und führt ihn mit viel Geduld ein in die Arbeit mit Harassen, Paletten und Gabelstapler, zeigt ihm die kleinen Tricks und Kniffe. Und dann ist da noch Marion (Sandra Hüller) aus der Süsswarenabteilung, gleich neben dem Getränke-Rayon von Christian. Wenn er sie sieht, hört er das Meer rauschen.

Wenn Marion mit Christian, dem Frischling, am Kaffeeautomaten flirtet, fehlen ihm die Worte. Sowieso wird nicht viel gesprochen. Es bleibt bei Anspielungen, kaum ausgesprochenen Sehnsüchten oder Plattitüden der Arbeitswelt. «Ohne Dampf kein Kampf» ist das Fazit der Rauchpause, «bist ein guter Mann» das höchste Kompliment. Dann gehen alle wieder stumm ihren monotonen Verrichtungen nach, es dominieren die surrenden Geräusche von Kühlaggregaten und Gabelstaplern.

«In den Gängen» ist kein Film der schnellen Schnitte. Unter zehn Sekunden bleibt es selten. In langen, ruhigen, sorgfältig gestalteten und bleich ausgeleuchteten Einstellungen wird das unspektakuläre Treiben in der riesigen Halle eingefangen, häufig während der Nachtschicht, wenn die Regale wieder aufgefüllt werden – eine virtuose Inszenierung trivialer Arbeitsroutinen, fast schon dokumentarisch anmutend. Die klassischen Spannungsmomente sind rar, der Höhepunkt an Suspense in diesem Film: Schafft Christian die Gabelstaplerfahrer-Führerscheinprüfung im ersten Anlauf?

Es sind andere Qualitäten, die einen hineinziehen: Ein Augenschein in den verborgenen Mikrokosmos liebenswerter Existenzen, auch auf die Gefahr hin, sich manchmal wie ein Voyeur zu fühlen. Ein kleines Universum für sich, der Arbeitsplatz als Ersatz für die private Leere, ein surreal anmutender Gegenentwurf zur anhaltenden Digitalisierung und Effizienzsteigerung in menschenleeren, von Robotern bewirtschafteten Lagerhallen.

Es fasziniert die Kunst der Andeutung und der Mut zur Auslassung. Ein kurzer Einblick in ein paar Leben, die mit der Wende in Ostdeutschland den Anschluss verloren haben – dann ist man auch wieder weg, ohne Anspruch auf eine Auflösung oder ein klärendes Ende. Man kann das erstaunlich gut aushalten.

Info: Im Kino Rex 1, Biel. Nur 12.15 Uhr, Lunchkino.

BEURTEILUNG BT-FILMKRITIKER
- Sven Weber: **** (von 5 Sternen)
- Raphael Amstutz: *** (von 5 Sternen)


 

Stichwörter: Filmkritik

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