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Filmkritik

"Visages villages": Eine geballte Ladung Charme und Kunstverstand

In viel zu kurzen 90 Minuten begleitet das Publikum die inzwischen 90-jährige Nouvelle-Vague-Legende Agnès Varda und den heute 33-jährigen Fotografen und Street-Art-Künstler JR in einem französischen Road-Movie, das es in sich hat.

Ein Landwirt als Kunstobjekt: Grosse Geschichten verdienen grosse Bilder.

von Sonja Wenger

Mit einem zum Fotostudio umgewandelten Kleinbus fahren die Regie-Ikone Agnès Varda und der Künstler JR für ihr gemeinsames Projekt «Visages villages» – nur mit dem Zufall als Wegbegleiter – durch das ländliche Frankreich. Sie sind auf der Suche nach «Gesichter in den Dörfern» und vor allem nach den Geschichten hinter Bildern, Fotos und Lebensentwürfen jener Menschen, die ihnen unterwegs begegnen.

Dabei inszenieren die beiden Happenings in Dörfern, bei denen Bewohnerinnen und Bewohner mit teilweise riesigen Porträtfotos auf Mauern oder Gebäudefassaden verewigt werden. Sie streicheln dafür liebevoll verschiedene Egos. Sie lassen die Menschen von ihrem Leben erzählen. Und ganz nebenher erschaffen sie so auch jede Menge neue Geschichten, die das Publikum genauso zu faszinieren, wie zu fesseln vermögen.

Wenig überrascht, dass sich während diesen Reisen auch eine tiefe Freundschaft zwischen Varda und JR entwickelt, die geprägt ist von gegenseitigem Respekt, Humor und Lebensweisheit. Wir werden Zeuge, wie sich die gemächliche alte Dame und der energiegeladene Jungspund über ihr Leben und ihre Vorlieben unterhalten. Wir geniessen mit ihnen die Abendstimmung, wenn sie die jeweilige Arbeit des Tages reflektieren. Und wir schmunzeln über die immer neuen Ideen, die sich aus ihren philosophischen Gesprächen und kreativen Auseinandersetzungen ergeben.

«Visages villages» ist ein berührender Dokumentarfilm der seltenen Art, denn man nimmt nicht nur Teil an einem kreativen Prozess, sondern erlebt auch eine emotionale Reise zweier Menschen, die an sehr unterschiedlichen Punkten in ihrem Leben stehen. Was die beiden dabei verbindet, ist ein untrüglicher Riecher für Bilder und Geschichten, eine unersättliche Neugierde und ein schrulliges, aber äusserst sympathisches Wesen.

Auf ihrer Reise suchen Agnès Varda und JR aber nicht nur Spuren, sie hinterlassen auch welche. So gelingt es dem Duo, in jeder Situation immer noch einen alternativen, oft überraschenden Aspekt zu finden. Bestes Beispiel hierfür ist eine Episode, bei der die beiden drei Dockarbeiter im Hafen von Le Havre treffen, die immer wieder für bessere Arbeitsbedingungen streiken. Doch statt einfach die Männer zu porträtieren, ist Varda mehr an den Geschichten von deren Ehefrauen interessiert. Kurzerhand ändert sie das Projekt und löst damit durchaus kontroverse Diskussionen aus. Und selbst vor der Vergänglichkeit zeigen Varda und JR wenig Angst: Als sie es knapp vor dem Eintreffen der Flut schaffen, an der Küste der Normandie ein Grossfoto auf einen Bunker zu kleben, sind sie sich bewusst, dass die Kraft des Meeres ihre Arbeit am nächsten Tag weggewaschen haben könnte. Sie tun es trotzdem.

Dass sie bei ihrer Arbeit hin und wieder kritische Fragen auslösen, gehört natürlich zum Konzept. Sie sei zwar schön, diese Kunst, doch wozu genau ihre Aktionen denn gut sein sollen, wird Varda an einem Punkt im Film von einem Passanten gefragt. «Für die Macht der Vorstellungskraft», antwortet sie nach kurzem Nachdenken. «Wir nehmen uns die Freiheit, uns etwas vorzustellen und fragen dann andere Menschen, ob sie dabei mitmachen.» Nicht mehr. Nicht weniger. Doch der Mann ist überzeugt.

Genauso überzeugend ist «Visages villages». Es ist ein Juwel von einem Film – voller Herz und Poesie. Das Werk inspiriert und fordert, es bringt einen zum Lachen, und hin und wieder rührt es einen gar zu ein paar schönen Tränen.

Info: Im Kino Apollo, Biel. Nur 18.15 Uhr.

BEURTEILUNG BT-FILMKRITIKER
- Sonja Wenger: ***** (von 5 Sternen)

Stichwörter: Filmkritik

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