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Serienkritik

"Tiger King": Tiefe Einblicke in eine verstörende Welt

Die Dokumentarserie "Tiger King" lässt auf Netflix in menschliche Abgründe blicken. Das ist befremdlich und skurril, aber auch zutiefst unterhaltsam.

Schillernde Persönlichkeit: Joe Exotic liebt seine Raubkatzen. Doch die glänzende Fassade bröckelt.
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von Simon Dick

Blondierte Vokuhila-Frisur, ein omnipräsenter Schnauz, glitzernde Kleidungsstücke und ein Cowboy-Revolver an der Hüfte sind die Markenzeichen von Joe Exotic, dem selbst ernannten Tiger King. Eine schillernde, aber sympathische Persönlichkeit möchte man auf den ersten Blick meinen. Ein Typ made in America, der die hochgelobte Freiheit in den USA wörtlich nimmt und ein Paradebeispiel für das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist.

Joe Exotic besitzt einen Privatzoo, in dem Tiger, Löwen und andere Grosskatzen gehalten werden. Diese verkauft er für sehr viel Geld an Privatpersonen, lässt Kinder und Erwachsene Selfies mit Tigerbabys machen, leiht ein Tier schon mal für Hollywood-Projekte aus und holt sich immer mehr von diesen stolzen Raubtieren auf sein grosses Gelände. Sein Geschäft boomt. Eine eigene Youtube-Show, Musikvideos und allerlei abgefahrene Projekte machen ihn zu einem gefeierten Star.

Wo liegt also das Problem? Nun, Joe Exotic landet im Gefängnis. Das ist der Ausgangspunkt dieser siebenteiligen Dokuserie. Wie kommt er dort hin, was genau wird ihm vorgeworfen und warum muss er sich plötzlich mit einer grossen Welle der Empörung auseinandersetzen? Der Weg dorthin zeigt die von Netflix produzierte Serie «Tiger King». Und dieser Weg könnte abstruser nicht sein.

Die zu Beginn harmlos wirkende Serie wird langsam aber sicher zu einer True-Crime-Geschichte, in der immer mehr kuriose Gestalten auftauchen, unglaubliche Dinge passieren und bei der der Kopf der Zuschauerin, des Zuschauers regelmässig geschüttelt wird. Zwischen Lachanfällen und weit geöffneten Augen wird man durch die Folgen getrieben und weiss am Schluss gar nicht so recht, wie man mit alldem umgehen soll. Es geht um Drogenmissbrauch, Waffenfetischismus, Tierquälerei und andere Themen, die aus dem Privatzoo einen Mikrokosmos zimmern, der so abstrus wird, dass man seine Augen kaum davon abwenden kann.

Das ist das grosse Erfolgsgeheimnis von «Tiger King». Das erzählte Drama ist aus dem Leben gegriffen und schockiert uns zusätzlich durch diesen klaren Blick in eine seltsame Welt, die wir uns hier in Europa gar nicht vorstellen können. Gleichzeitig werden unsere Lachmuskeln stark in Anspruch genommen. So pendelt die Serie zwischen Klamauk und harten Szenen hin und her. Die Spannungskurve steigt und steigt und wenn man das Gefühl hat, auf dem Höhepunkt dieser Dramaturgie angekommen zu sein, holen die Macher nochmals aus und präsentieren einen nächsten Schock.

So unterhaltsam und spannend die Serie auch ist, sie hinterlässt Lücken und lässt viele Fragen offen. Das Thema Tierquälerei wird angesprochen und zwischen den Zeilen erwähnt, doch eine starke Gewichtung bleibt aus, da die illustren Figuren jederzeit in den Fokus gerückt werden. Viele Menschen werden als Staffage benutzt, um den Unterhaltungswert in die Höhe zu treiben. Eine tiefe Charakterstudie gibt es nur für die Hauptfiguren. Doch auch diese werden teilweise zu wenig beleuchtet und hinterlassen einen faden Beigeschmack. Die selbst ernannte Tierschützerin Carole Baskin beispielsweise, die ebenfalls einen Privatzoo besitzt und dort Tiere eingesperrt hat, wird plötzlich im Zusammenhang mit einem möglichen Mord vor die Kamera geholt, ohne dass es für den Zuschauer eine definitive Aufklärung gibt. Viele mögliche Wahrheiten kollidieren mit Unwahrheiten und lassen ein verschwommenes Bild zurück. Auch der Lebenspartner von Joe Exotic hinterlässt ganz viele Fragezeichen und wird in manchen Szenen bewusst als weiteres Spektakel vorgeführt.

«Tiger King», die Serie läuft bei uns unter dem Namen «Grosskatzen und ihre Raubtiere», wurde schnell zu einem Phänomen. Innerhalb kürzester Zeit wurde die Serie mit ihrem Aushängeschild Joe Exotic zu einem Netflix-Hit. Das Internet, vor allem die Sozialen Medien sind voll mit Anspielungen und Huldigungen. Die Regisseure Eric Goode und Rebecca Chaiklin haben Joe Exotic, seine Mitarbeiter sowie Zoo-Konkurrenten während gut fünf Jahren mit Kameras begleitet. Die Macher haben nach dem erfolgreichen Start Ende März gleich nachgedoppelt. In Rekordzeit wurde eine Zusatzepisode aus dem Boden gestampft. Darin begeben sich die meisten Protagonistinnen und Protagonisten nochmals vor die Kamera, um ein Interview mit dem Schauspieler und Komiker Joel McHale zu geben, und erzählen von ihren Erfahrungen nachdem «Tiger King» veröffentlicht wurde. Auch diese Bonusfolge wurde wie wild angeklickt und zeigt, dass der Hype immer noch ungebrochen ist. Sogar eine zweite Staffel scheint möglich zu sein. Denn die Macher haben so viel Videomaterial gesammelt, dass es locker für weitere Folgen ausreicht. Für neue Unterhaltungswerte wäre also gesorgt. Aber auch für weitere Blossstellungen und Anschuldigungen.

Wie sehr die Serie auch die BT-Filmkritikerinnen und -Filmkritiker entzweit, zeigt die Sternchenrubrik.

Die Bewertungen der BT-Filmkritikerinnen und BT-Filmkritiker:
Simon Dick **** (von 5 Sternen)
Dominic Schmid *** (von 5 Sternen)
Sonja Wenger ** (von 5 Sternen)

 

Stichwörter: Serienkritik

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