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Filmkritik

"The Rider": Cowboy ohne Pferd

"The Rider" ist ein Neo-Western der bestechenden Sorte. Die Regisseurin Chloé Zhao überzeugt mit einem sensiblen und bildgewaltigen Porträt eines jungen indianischen Rodeo-Reiters, der nie wieder reiten darf.

Wie weiter? Es sieht nicht gut aus für Brady Blackburn (Brady Jandreau).

von Beat Felber

Die einen spielen in jeder freien Minute Fussball, andere zieht es Wochenende für Wochenende in die Berge, und dann gibt es noch jene, für die ein Leben ohne Pferde und erst recht eines ohne zu reiten schlicht unvorstellbar sind.

Genau so einer ist Brady Blackburn (Brady Jandreau), ein Nachkomme der Lakota-Sioux, der mit seinem Vater und der Schwester in einem einfachen Trailer im Pine Ridge Reservat in South Dakota lebt. Seit er denken kann, ist Brady einzig an Pferden interessiert – sie sind seine Leidenschaft, über sie definiert er sich.

Eine Schule hat der introvertierte junge Mann nie abgeschlossen, viel lieber steigt er auf Pferde, so wild diese auch sein mögen. Das geht genau bis zu jenem Tag gut, als er bei einem Rodeo abgeworfen und vom Huf des Pferdes so schwer verletzt wird, dass nicht nur von einer Sekunde auf die andere Bradys vielversprechende Rodeo-Karriere ein Ende nimmt, sondern sich sein ganzer Lebensmittelpunkt aufzulösen droht.

Brady heisst nicht nur im Film so, sondern auch im richtigen Leben. Die Geschichte ist seine eigene – der Laiendarsteller spielt sich also selber. Die in China, Grossbritannien und den USA aufgewachsene Regisseurin Chloé Zhao traf ihn bei den Dreharbeiten zu ihrem gefeierten Erstlingsfilm «Songs My Brother Taught Me» über zwei Sioux-Geschwister.

In «The Rider» bilden nun die Geschichte und das Schicksal des einstigen Rodeo-Reiters die Grundlagen für ein dokumentarisch anmutendes Drama. Doch so exotisch für unsereins die Geschichte erscheinen mag – Rodeo-Reiten ist schliesslich nicht jedermanns Sache – Zhao schafft es in ihrem unvergleichlich authentischen Stil, eine sehr universelle Geschichte zu erzählen. Jene nämlich vom Herausgerissenwerden, vom Abschiednehmen von eigenen Mustern, Vorstellungen und Idealen, vom Loslösen von der Vergangenheit, von der Verletzlichkeit des Alltags, vom Ausbrechen und vom Aufbrechen zu neuen Ufern, zu einem neuen Leben.

Es ist ebenso faszinierend wie berührend, den jungen Mann auf seinem vom Schicksal hart auf die Probe gestellten Lebensweg zu begleiten – zu beobachten, wie er Schritt für Schritt zurück ins Leben findet. Denn obwohl er seinen verhängnisvollen Unfall überlebt, kommt dieser für ihn quasi einem Todesurteil gleich.

Nie mehr soll er auf einem Pferderücken reiten, nie mehr dabei die von ihm so geliebte ungezügelte Freiheit spüren dürfen. Doch obwohl sich Brady mit einer Metallplatte im Schädel eine Zeit lang tatsächlich im freien Fall befindet und gar das Schlimmste befürchten lässt, kommt für ihn Selbstmord nicht in Frage. Er will weder seinen alleinerziehenden Vater Willy, gespielt von Bradys echtem Vater Tim Jandreau, seine geistig behinderte Schwester Lilly, gespielt von seiner echten Schwester Lilly, noch seinen nach einem Rodeo-Unfall schwerbehinderten Freund Lane, auch er spielt sich selber, nicht im Stich lassen.

Was bleibt übrig, wenn die eigenen Träume zertrampelt werden und das Leben eine andere Geschichte für dich parat hält? «The Rider» gibt darauf keine lauten und eindeutigen, sondern leise, versöhnliche und wunderbar zärtlich erzählte Antworten.

Info: Im Kino Lido 2, Biel.

BEURTEILUNG BT-FILMKRITIKER
- Beat Felber: **** (von 5 Sternen)
- Raphael Amstutz: **** (von 5 Sternen)
 

Stichwörter: Filmkritik

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