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Filmkritik

"Loveless": Die Mutter zum Kotzen, der Vater zum Vergessen

Ein Film, der pocht wie eine Ohrfeige am helllichten Tag. In einem Atemzug werden zwei Geschichten erzählt. Jene von Alyoshas Verschwinden, das die lieblosen Eltern schmerzt und befreit. Und – in kalten, schönen Bildern – jene vom Erstarren Russlands.

Abgrundtiefe Verzweiflung: Alyosha (Matvey Novikov). Bald fällt der Junge aus der Welt.

von Nadine A. Brügger

Alyosha (Matvey Novikov) ist im Weg. Seinetwegen haben sie überhaupt geheiratet. Damals, vor zwölf Jahren, ohne sich zu lieben. Seinetwegen leben sie beide noch in der gemeinsamen Wohnung. Seinetwegen erlebt Boris (Alexei Rozin) die Freuden der Vaterschaft mit seiner neuen Flamme nicht zum ersten Mal. Seinetwegen muss Zhenya (Maryana Spivak) im Morgengrauen aus dem Penthouse ihres reichen Lovers herabsteigen. Seinetwegen bleibt ihnen das kleine Stück Glück verwehrt, das doch jedem zusteht.

Regisseur Andrei Zvyagintsev erzählt seine Geschichte mit sauberen, statischen Kameraeinstellungen. Bilder wie auf Instagram. Die Symmetrie schmeichelt dem Auge. Die Handlung läuft durch das Bild, während die Kamera still darauf hält. Beobachtend, lauernd.

Boris als Fixpunkt im Wimmelbild seiner christlich-orthodoxen Firma, die modernste Computer aufstellt, aber für Geschiedene keinen Platz hat. Die schöne Zhenya in der Küche. Parallele Linien, Ausgewogenheit. Ein Prospekt-Bild. «Bist du irgendwie schwach», blafft sie ihren Sohn an. Sie muss fragen, sie sieht es nicht – sie starrt ja pausenlos in ihr Telefon. «Ich bin nicht schwach», murmelt Alyosha, rutscht vom Stuhl und verschwindet für immer.

Zwei Tage dauert es, bis die Eltern merken, dass der Sohn fehlt. Nicht, weil sie ihn vermisst hätten. Aber die Schule hat angerufen. Die Polizei macht von Anfang an klar, dass sie weder Leute, noch Lust hat, den Ausreisser zu suchen. Also wird ein freiwilliger Suchtrupp aufgestellt. Da müssen auch die Eltern mittun. Auf der elterlichen Suche nach dem Sohn sucht die Kamera auch Russlands Identität. Da ist die vergilbte Satellitenschüssel in der Militärsperrzone. Reiche Oligarchen, die in Hochhäusern über dem Pöbel leben. Zerstörte Bushaltestellen. Nachrichten von Krieg, Enteignung und schwindender Demokratie, die keiner hört.

In den Figuren von Zvyagintsev brennt kein Feuer. Nur Begierde glimmt. Nicht nach dem eigenen Glück, sondern nach mehr als dem, was die meisten haben.

Eine Szene reicht, um das Geschick von Regie, Kamera und Schauspielern zu belegen. Pochend und bleibend wie eine Ohrfeige am helllichten Tag. Sie geht so: Die Tür zum Wohnzimmer steht offen. Ein mittiges, helles Viereck im düsteren Bild. Drinnen streiten die Eltern darüber, wer den Jungen nehmen muss. Keiner will. Haben sie nicht beide das Recht auf einen sauberen Strich über dem Neustart? Ob sich ein Heim breitschlagen lässt? Entnervt schlägt Zhenya die Wohnzimmertüre zu. Bewegung im statischen Bild. Im Schatten hinter der Tür steht Alyosha in purer, abgrundtiefer Verzweiflung. Alle Gefühle, die der russischen Gesellschaft fehlen, toben in ihm.

Alyosha, die Jugend Russlands, wird zerrissen von der Ignoranz der Elterngeneration. Ruhig bleibt die Kamera stehen, während Alyosha innerlich zerspringt wie ein Tonkrug.

Zurück bleibt Russland, das auf der Stelle tritt. Versinnbildlicht durch Zhenya, die Monate nach dem Verschwinden ihres Sohnes in einer Russland-Trainingsjacke auf dem Laufband tritt. Um sie herum ist Winter.

Info: Im Rex 1, Biel, nur 12.15 Uhr, Lunchkino.

BEURTEILUNG BT-FILMKRITIKER
- Nadine A. Brügger: **** (von 5 Sternen)
- Mario Schnell: **** (von 5 Sternen)
- Beat Felber: **** (von 5 Sternen)
- Raphael Amstutz: **** (von 5 Sternen)

Stichwörter: Filmkritik

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