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Filmkritik

"Lady Bird": "Anders" ist meistens genau richtig

Der Film ist eine Ode ans Aufwachsen und Anderssein, an die Abgrenzung und die Liebe. Die Geschichte einer rebellischen Tochter, ihrer Mutter und all den Menschen, die man «das Umfeld» nennt. Dazu schickt uns Greta Gerwig direkt in die 90er-Jahre.

Die Einsamkeit ist allgegenwärtig: Lady Bird (Saoirse Ronan).
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von Nadine A. Brügger

Weg mit Mauer, eisernem Vorhang und Schulterpolstern. Jetzt kommt Coca Cola für alle, dazu Tattoohalsbänder, «Friends» und die Spice Girls: In den 90er-Jahren schien die Welt in Ordnung. Und – Hand aufs Herz – so lange ist das doch eigentlich noch gar nicht her. Rollte die Welle der Trauer um Kurt Cobain nicht eben erst über die Welt grungier Teenager?

«Lady Bird» führt schnurstracks dorthin. Dieser Weg zurück lässt einen erst realisieren, wie weit die 90er-Jahre doch schon zurückliegen. Aus den Teenagern sind Banker geworden, Verkäufer, Sänger, Bauern oder Elektriker. Davon, wie aus jungen Leuten Erwachsene werden, erzählt Schauspielerin Greta Gerwig in ihrem Regie- und Drehbuchdebüt «Lady Bird».

Ein bisschen ist es, auch wenn sie das vehement abstreitet, ihre Geschichte. Die Geschichte einer jungen Frau aus Sacramento, die auf eine katholische Schule geht. Während dem Gebet träumt sie von New York, nach der Schule jagt sie Jungs. Zumindest hinter ihren geschlossenen Augen.

«Lady Bird ist alles, was ich als Teenager hätte sein wollen», sagte Gerwig in einem Interview über ihre Protagonistin. «Sie ist rebellisch und frech, färbt ihre Haare pink, fantasiert, träumt und widerspricht den Lehrern. Sie will nicht gefallen, sondern geniesst das Anderssein.»

Lady Bird heisst eigentlich Christine (Saoirse Ronan) und lässt sich nichts bieten. Weder von den Eltern noch von den Schwestern an der katholischen Schule oder der Welt überhaupt. Als Zeichen ihrer Eigenständigkeit weigert Christine sich, ihren Taufnamen übers Windelalter hinaus zu tragen. Sie nennt sich also Lady Bird, bringt mässig gute Noten nach Hause, hat aber umso grössere Träume. Die handeln von einer glorreichen Zukunft in der Ferne und davon, irgendwann in dem herrschaftlichen Haus zu wohnen, an dem ihr Schulweg vorbei führt. Sie handeln vom Abschlussball mit ihrer besten Freundin und davon, endlich zu der Gang der Tollsten zu gehören. Von Sex mit dem geheimnisvollen Einen (Timothy Chalamant), dem Sprengen von Kleinstadtgrenzen und dem Beginn eines Lebens, das auf jeden Fall anders ist als das des arbeitslosen Vaters und der hart arbeitenden Mutter, die nur das Beste will und in Lady Birds Augen doch das meiste falsch macht.

«Lady Bird» ist die Geschichte einer jungen Frau, die besonders ist, weil wir das alle sind. Aber es ist auch die Geschichte des feinen Bandes zwischen Mutter und Tochter. Besonders, weil eng. Manchmal unerträglich, weil so wahnsinnig unabdingbar. Während die Mutter (Laurie Metcalf) sich in der Tochter auch mal wiedererkennt, will diese am liebsten alles sein, ausser ihrer Mutter ähnlich. Damit ist «Lady Bird» mehr als eine Coming of Age-Geschichte. Es ist eine Generationengeschichte.

Eine Zepterübergabe der Generation Kalter-Krieg und Bausparkonto zu jener, die die Vornamen der Backstreet Boys auswendig kennt und irgendwann zu den ersten Digital Natives zählen wird. Zu jener Generation also, die heute zu bestimmen beginnt, wie die Welt übermorgen wird. «Lady Bird» ist eine Geschichte. Aber er ist auch ein Ausflug in die Vergangenheit. Unsere Vergangenheit.

Info: Im Kino Rex 1, Biel. Nur 12.15 Uhr, Lunchkino.

BEURTEILUNG BT-FILMKRITIKER
- Nadine A. Brügger: **** (von 5 Sternen)
- Raphael Amstutz: **** (von 5 Sternen)
- Roger Duft: *** (von 5 Sternen)

 

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