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Filmkritik

"The Insult": Wegen so etwas gibt es Krieg

Wie etwas Kleines eigentlich etwas Grosses ist und ein ganzes Land in Aufruhr bringt, zeigt der oscar-nominierte "The Insult". Ein Lehrstück in Sachen Eskalation.

Wie weiter? Toni (Adel Karam, links) und Yasser (Kamel El Basha) können nicht aus sich heraus.

von Raphael Amstutz

Unscheinbarer könnte die Situation kaum sein: Toni (Adel Karam), Besitzer einer Autogarage und bald Vater, giesst in Beirut Pflanzen auf seinem Balkon. Durch ein kurzes, dünnes Abflussrohr, illegal montiert, tropft etwas Wasser auf Yasser (Kamel El Basha), Vorarbeiter auf einer Grossbaustelle im Quartier. Das ist alles. Eigentlich könnte der Film hier bereits zu Ende sein.

Der Hintergrund der beiden Männer birgt aber grössten Zunder: Toni ist libanesischer Christ, Yasser palästinensischer Flüchtling.

Yasser steigt kurzerhand auf die Leiter und ersetzt das Rohr, Toni zerschmettert es gleich wieder. Die Stimmung erhitzt sich, die Luft knistert. Schliesslich stösst Yasser hervor: «Blöder Arsch». Der hitzköpfige Macho Toni explodiert, beleidigt nun seinerseits den Handwerker. Das ist der Auftakt einer von aussen kaum nachvollziehbaren Kettenreaktion.

Können sich die beiden nicht einfach entschuldigen, über den alltäglichen Vorgang milde lächeln und gemeinsam ein Bier trinken gehen? Nein.

Eine Spirale der Eskalation beginnt zu drehen, kommt in Fahrt wie ein Schwungrad. Halbherzige Entschuldigungen werden abgelehnt, ehrgeizige Anwälte aufgeboten. Und plötzlich steht das Land in Flammen und die Frage stellt sich: Gibt es ein Monopol auf das Leiden? Gibt es eine «richtige» Sicht auf die Geschichte?

Wie grotesk das alles ist, zeigen immer wieder kurze Dialoge. So sagt Tonis Vater einmal: «Er wollte Deinen Abfluss reparieren und Du beleidigst ihn.» Toni antwortet: «Sie haben das Land ruiniert und Du hilfst ihnen?»

Ein anderes Mal fragt Tonis hochschwangere Frau erschöpft: «Was ist aus uns geworden?» Toni antwortet: «Ich lasse die Sache nicht ruhen. Ich bin nicht Jesus, der die andere Wange hinhält.»

Wir spulen zurück: Einige Spritzer Wasser nässen das Hemd eines auf der Strasse vorbeilaufenden Mannes. Das ist alles. Nein, ist es eben nicht.

Was der Hass schürt, ist die Vergangenheit und die Gegenwart des Libanons. Es gibt unzählige Wunden aus den Zeiten des Bürgerkrieges, die nicht verheilt sind, Medien und Politiker nützen die Ängste der Menschen, benachteiligt zu werden, für ihre Zwecke aus. Ein Anwalt sagt vor Gericht: «Wir sind hier im Nahen Osten. Das Wort ‹beleidigend› entstand hier.»

Ziad Doueiri hat einen starken Film realisiert. Eindringlich gespielt, punktgenau geschrieben, mit den Gerichtsverhandlungen als vibrierendes Zentrum. Dort erleben wir beklemmende Momente, während denen die beiden Anwälte (es sind Vater und Tochter, was als zusätzlicher Brandbeschleuniger wirkt) mit jedem rhetorischen Kniff versuchen, Oberwasser zu bekommen.

Schuldig werden Menschen alleine wegen einer ethnischen Zugehörigkeit, eine Entschuldigung ist nichts anderes als das Zeichen von Schwäche. Ein Blick auf die Welt zeigt: Wer meint, das sei nur im Nahen Osten so, irrt. Jederzeit kann überall etwas explodieren.

«The Insult», bei den diesjährigen Oscars als bester nicht-englischsprachiger Film nominiert (gewonnen hat schliesslich «Una mujer fantástica»), ist ein Lehrstück in Sachen Konflikteskalation, zeigt aber auch eindrücklich: Versöhnung ist immer möglich. Manchmal braucht es dazu einen stotternden Motor.

Info: Im Kino Rex 2, Biel.

BEURTEILUNG BT-FILMKRITIKER
- Raphael Amstutz: **** (von 5 Sternen)

- Mario Schnell: **** (von 5 Sternen)

Stichwörter: Filmkritik

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