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Filmkritik

"Hereditary": Weitergereichtes Familiengrauen

Der junge Regisseur Ari Aster serviert mit "Hereditary" einen Horrorfilm, der schleichend, aber stetig, unter die Haut geht. Mit Toni Collette und Gabriel Byrne ist das Werk zudem hochkarätig besetzt. Das Ende spaltet derweil die Gemüter.

So sieht pure Verzweiflung und Schmerz aus: Annie Graham (Toni Collette). 

Roger Duft

Ein Erbe ist doch eigentlich nichts Schlechtes. Und wenn es zu Ärger führen könnte, dann schlägt man es einfach aus und das Problem ist erledigt – könnte man meinen.

«Hereditary», so der Titel des Regie-Erstlings von Ari Aster, bedeutet «erblich». Und wer sich nun überlegt, in welchem Zusammenhang das Wort im Deutschen oft verwendet wird, der ahnt schon: Es gibt Vererbungen, die lassen sich nicht ausschlagen, auch wenn man dies noch so gerne tun möchte. Sie sind angeboren oder hängen am Stammbaum, und sind somit ein Teil des Erben selber.

Als Miniatur-Künstlerin Annie Graham (Toni Collette) ihre Mutter Ellen verliert, ahnt sie noch nicht, welche Ereignisse dies für sie, ihren Mann Steve (Gabriel Byrne) und die beiden Kinder Charlie (Milly Shapiro) und Peter (Alex Wolff) in Gang setzen wird.

Annie weiss um die Familiengeschichte und die mentalen Störungen, die in ihrer Ahnenlinie bereits zu mehreren Todesfällen geführt haben. Als sich im Haus immer merkwürdigere und beängstigende Dinge ereignen, beginnt sie, in ihrem Nachlass zu forschen.

Was sie dabei zu Tage fördert, wirft nicht nur das Licht auf eine Familientragödie, sondern öffnet scheinbar die Pforten für eine unheimliche Präsenz aus ihrem Stammbaum, die von ihr und ihrer Familie Besitz zu ergreifen scheint.

Der 31-jährige Regisseur Ari Aster liefert mit «Hereditary» seinen ersten Langspielfilm ab, nachdem er insbesondere mit seinen Kurzfilmen «The Strange Thing About The Johnsons» (2011) und «Munchhausen» (2013) bewiesen hat, dass er mit dunklen Geschichten innerhalb von Familien bestens umzugehen weiss. Dies kommt nicht von ungefähr, schliesslich gab es auch in Asters Familiengeschichte einige Schicksalsschläge.

Filme wie Roman Polanskis Schocker «Rosemary’s Baby», Nicolas Roegs Horror-Drama «Don’t Look Now» oder Jack Claytons Schwarz-Weiss-Grusler «The Innocents» – sie alle standen offensichtlich Pate bei Asters finsterer und furchteinflössender Abstraktion eines klassischen Familiendramas. Und wer Dan Curtis’ «Burnt Offerings» gesehen hat, der wird sich im Haus der Grahams schon bald unheimlich heimisch fühlen.

Denn genau wie diese Filme, beginnt auch hier eigentlich alles ganz harmlos. Aber je länger die Handlung fortschreitet, umso mehr rollt das Grauen in sanften Wogen heran, kommt beim Zuschauer dieses unbehagliche Gefühl auf, dass hier irgendwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Die Steigerung ins wahrhaft Grauenhafte geschieht so unmerklich, dass man mehrfach von plötzlich eintretenden Wendungen eiskalt erwischt wird.

Dass Aster dabei eine ganz eigene Bildsprache findet, sieht man bereits in der ersten Einstellung, die die durchaus berechtigte Frage nach dem Realitätsbezug des Darauffolgenden aufwirft. Nur so viel: Annies Miniaturen haben bald eine sehr wichtige Nebenrolle.

Apropos Rollen: Toni Collette wird bereits als mögliche Kandidatin für eine Oscar-Nominierung gehandelt. Ihre Darstellung der Annie ist so intensiv, dass man auf ihr durch die Unglaublichkeit der Ereignisse grausig verzerrtes Gesicht oft kaum mehr schauen mag.

Gabriel Byrne ist als realitätsbezogener Ehemann zwar zurückhaltend, aber sehr präsent. Und auch die beiden Jungdarsteller Milly Shapiro und Alex Wolff halten mit ihren gestandenen Schauspieler-Kollegen locker mit. Gut, es gibt Momente, da würde man Sohnemann Peter ob seinem weinerlichen Getue gerne mal durchschütteln – genau so soll es aber auch sein.

Wenn «Hereditary» nach 127 Minuten sein Ende findet, so werden wohl nicht alle glücklich sein. Weniger (wovon, sei hier nicht verraten) wäre vielleicht mehr gewesen. Dies tut aber dem Genuss und der Wirkung dieses klassischen und dennoch sehr modernen Horrorfilms nur wenig Abbruch.

Man wird auf jeden Fall ein paar Gedanken daran verschwenden, welches Erbe die eigene Familie wohl bereithält –und ob man es notfalls ausschlagen kann, oder ob es eben doch angeboren ist.

Info: In den Kinos Rex 1 und 2 und Cinedome, Biel.

BEURTEILUNG BT-FILMKRITIKER
- Roger Duft: **** (von 5 Sternen)
- Simon Dick: ** (von 5 Sternen)

 

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