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Filmkritik

"Deadpool 2": Mit der Brechstange die Lachmuskeln kitzeln

Auch im zweiten Teil wird mit viel Selbstironie ordentlich auf den Putz gehauen. Ohne grosse Hintergrundgeschichte wird ein Gag nach dem anderen abgefeuert. Doch nicht alles in der Superhelden-Persiflage ist auch wirklich lustig.

Deadpool: Der Kerl sieht grimmig aus, ist aber eigentlich ein Witzbold.

von Simon Dick

Superhelden-Filme haben es häufig nicht leicht. Sind sie trotz ernsthafter Geschichte zwischendurch auch mal witzig, wird das kritisiert. Sind sie viel zu ernst und steckt das Abenteuer in einem realistischen Kleid, wird das ebenfalls kritisiert. Wie man es auch dreht und wendet, es gibt immer viel Aufschrei bei einigen Fans, die sich persönlich beleidigt fühlen und sowieso immer alles besser wissen.

Antiheld Deadpool hüpft von Anfang an ganz klar in die selbstironische Spassecke, setzt auf ein dichtes Gagfeuerwerk und Humor unterhalb der Gürtellinie. Das ist seine grosse Stärke, gleichzeitig aber auch seine grosse Schwäche.

Rückblick: Wer ist nochmal dieser Deadpool? Der ehemalige Soldat Wade Wilson (Ryan Reynolds, weilt momentan auf dem Höhepunkt seiner Schauspielkarriere) litt an Krebs und nahm im ersten Teil an einem gefährlichen Experiment teil, um sein Leben zu retten.

Doch die Prozedur misslang und er wurde zum Mutant mit unglaublichen Selbstheilungskräften. Selbst abgetrennte Gliedmassen wuchsen wieder nach. Der Krebs wurde zwar in Schach gehalten, aber sein Körper dadurch total entstellt. Mit seinen übernatürlichen Fähigkeiten ging er, wie es sich für einen frischgebackenen Superhelden gehört, auf die Jagd nach bösen Buben.

Der Verbrechensbekämpfer Deadpool schwebt jetzt eigentlich auf Wolke Sieben. Mit seiner Vanessa (Morena Baccarin, bekannt aus den Serien «Homeland» und «Gotham») könnte es nicht besser laufen. Die beiden Turteltauben sind sogar bereit, Nachwuchs zu zeugen. Doch irgendwie kommt dann doch alles anders und die Vergangenheit holt den Sprücheklopfer ein. Cable (Josh Brolin, durfte im letzten Superhelden-Film «Avengers: Infinity War» den Böswicht Thanos spielen) ist der Gegenpart in diesem Film und macht mit allerlei Technik-Gadgets und wuchtigen Handfeuerwaffen Jagd auf den maskierten Rächer. Warum genau, soll hier natürlich nicht verraten werden, auch wenn der Fortlauf der Handlung schon von Weitem ersichtlich ist.Um was es eigentlich geht, spielt auch keine Rolle. Denn in erster Linie müssen ganz viele Sprüche, Genre-Anspielungen und Fäkalhumor auf die Zuschauer herunterprasseln, die dann auch ganz schön von der kaum erwähnenswerten Geschichte ablenken. Es folgt ein Kuddelmuddel.

Der Film hüpft und rennt zwischen pseudodramatischen Ereignissen und Kalauern hin und her, kommt selten zur Ruhe und schiesst mit witzigen, aber plakativen Salven nervös um sich. Das ist unterhaltsam, aber oft auch anstrengend.

Der erste Teil tat der Superheldenlandschaft gut. 2016 kam er zum richtigen Zeitpunkt ins Kino, um dem cineastischen Einheitsbrei entgegenzuwirken. Die Genre-Persiflage wurde mit offenen Armen empfangen. Was er bereits in den Comics schaffte, gelang ihm auch auf der grossen Leinwand. Mit viel Selbstironie und dem regelmässigen Einbezug der Zuschauer, indem er die vierte Wand durchbrach, sorgte Deadpool für eine wohltuende Eigenständigkeit.

Diese Eigenständigkeit ist zwar immer noch vorhanden, kann aber nicht mehr vom Überraschungseffekt profitieren. Wie bereits beim Erstling schafft es die Geschichte nicht, trotz oft ernstem Unterton, zu berühren. Auch wenn es um seriöse, manchmal sogar sozialkritische Themen geht, es lässt einem alles kalt. Warum die Macher es in der Fortsetzung mit einer Brechstange nochmals versuchen, bleibt ein Geheimnis.

Was sonst noch bleibt? Eine Aneinanderreihung von Gags, wobei vielleicht jeder zehnte wirklich richtig zündet. Manchmal muss man sich ab dem Gesehenen ein bisschen fremdschämen und manchmal schüttelt man auch einfach nur den Kopf. Die Montage mit Zeitlupeneffekten, wuchtigem Soundrack und blutigen Zweikämpfen, bei denen erneut regelmässig Körperteile durch die Lüfte fliegen, sind durchaus unterhaltsam, sofern man sich auf sowas einlassen möchte. Doch man hat sie halt auch aufgrund ihrer Beliebigkeit schnell wieder vergessen.

Bereits wie beim Vorgänger nimmt auch die Fortsetzung die Superhelden-Thematik ordentlich auf die Schippe. Wenn Deadpool etwa seine eigene Superhelden-Truppe formiert und das Ganze im totalen Chaos endet, darf sich der Film selber gratulieren. Es gibt weitere unzählige Seitenhiebe auf Comic-Charaktere, Film-Universen und die Populärkultur. Wer mit dem Thema nicht bewandert ist, wird wenig mit dem Film anfangen können. Die besten Gags, das sei hier am Schluss noch verraten, flimmern übrigens erst nach dem Abspann über die Leinwand. Also bitte sitzen bleiben.

Info: In den Kinos Beluga, Rex 1/2 und Cinedome, Biel;auch in Grenchen und Lyss.

BEURTEILUNG BT-FILMKRITIKER
- Simon Dick: *** (von 5 Sternen)
- Roger Duft: *** (von 5 Sternen)
- Mario Schnell: ** (von 5 Sternen)

Stichwörter: Filmkritik

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