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Filmkritik

"Comme des garçons": Elf Freundinnen müsst ihr sein

Vergnügliche, leichtfüssig inszenierte Fussball-Komödie für den WM-Sommer. Der guten Laune geschuldet, bleiben die Ambitionen auf eine vertiefte Auseinandersetzung mit Geschlechterdiskriminierung aber bescheiden.

Offensivspiel mit Manndeckung: Die furchtlose Stürmerin Emmanuelle und Star des Teams (Vanessa Guide) mit ihrem nicht immer über alle Zweifel erhabenen Trainer und Manager (Max Boublil).

von Sven Weber

Wollte eine verheiratete Frau in Frankreich Ende der 60er-Jahre an einem Fussballturnier teilnehmen, so brauchte sie dafür die schriftliche Einwilligung ihres Ehemannes. Was heute ein Lacher im Kino, war damals unhinterfragter Alltag.

Reims 1969: Der junge Sportjournalist Paul Coutard (Max Boublil), ein frecher Filou und Schürzenjäger erster Güte, hat den Abstieg des (Männer-)Stadtclubs etwas zu flapsig kommentiert und sich bei den Vereinsbossen unbeliebt gemacht.

Als Wiedergutmachung muss er die Attraktion für das jährliche Wohltätigkeitsevent seiner Zeitung organisieren. Wieso also nicht zur Belustigung des Publikums und zum erneuten Ärgernis der Funktionäre ein Frauenfussballspiel auf die Beine stellen? Das Casting läuft flott und es springt sogar noch eine Affäre für Monsieur dabei raus.

Doch schon bald lässt er sich vom Elan und der Hartnäckigkeit der Frauenequipe anstecken. Was als Jux begann, wird plötzlich ernst. Die Hausfrauen, Sekretärinnen und Bauerntöchter haben die patriarchalen Strukturen bis dato hingenommen und kaum in Frage gestellt. Durch die Erfahrung im Team machen sie zum ersten Mal die Erfahrung von Ausbrechen, Selbstbestimmung und Solidarität – müssen aber auch Widerstände parieren.

Das emotionale Potential des Fussballs wird voll ausgeschöpft, die Pointen sitzen. Der Film bleibt in der Sache aber harmlos. Das Patriarchat wird verunsichert und getriezt, aber nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Sorgfältig in Szene gesetzter Retrochic und komödiantischer Schliff lullen ein und lassen leicht vergessen, dass sich in den vergangenen 50 Jahren erstaunlich wenig geändert hat.

Zwar wurden ab den 70er-Jahren zunehmend Frauenteams und eigene Ligen aufgestellt (der Film basiert lose auf wahren Begebenheiten). Fussball ist aber nach wie vor fest in Männerhand und pflegt entsprechendes Unwesen: Von prügelnden Fans über offene Homophobie in den Stadien bis hin zur verstörenden Tatsache, dass eine Fussball-Kommentatorin wie Claudia Neumann (ZDF) in den sozialen Medien dermassen mit Hass und wüsten Drohungen eingedeckt wird, dass ihr Sender sich gezwungen sah, Strafanzeige zu stellen.

Die sportlichen Realitäten sind ebenfalls hart: «Wenn ich ein Mann bei Chelsea wäre, wäre ich Millionärin». Ramona Bachmann, eine der bekanntesten Profi-Fussballspielerinnen der Schweiz, steht beim englischen Traditionsklub Chelsea als Stürmerin unter Vertrag. Sie weiss, dass sie rund 50-mal weniger verdient als ihre männlichen Kollegen, obwohl sie genau so viel leistet. Doch Fussball ist ein Geschäft, das Salär wird vom Marktwert bestimmt – dieser wiederum ist abhängig von einer nach wie vor bescheidenen gesellschaftlichen Akzeptanz. Diese müssen sich die Frauen nach wie vor hartnäckig erkämpfen – wie ehedem die mutigen Pionierinnen in Reims.

Info: Im Kino Rex 2, Biel.

BEURTEILUNG BT-FILMKRITIKER
- Sven Weber: *** (von 5 Sternen)

Stichwörter: Filmkritik

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