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„Krawattenzwang“

Sport (Olympia) zeitversetzt – ein Seich

Im persönlichen Blog berichtet Bernhard Rentsch, publizistischer Leiter der Gesamtredaktion und Chefredaktor „Bieler Tagblatt“ wöchentlich über Erlebnisse im privaten wie im beruflichen/gesellschaftlichen Leben – dies immer mit einem Augenzwinkern. Heute: Sport (Olympia) zeitversetzt – ein Seich.

Krawattenzwang: Bernhard Rentsch
  • Dossier

Längst habe ich mich daran gewöhnt – und finde es sehr praktisch: Zeitversetzter TV-Konsum. Kein Stress, um pünktlich vor dem Gerät zu sitzen, ganz gezielt suchen, was persönlich interessiert, und problemloses Nachgucken von Verpasstem. Ich möchte es nicht mehr missen.

Beim Sport funktioniert das aber für mich nicht. Auch nicht, wenn die Topanlässe – wie momentan aus Pyeongchang – mitten in den Nacht übertragen werden. Der Gwunder ist am morgen früh zu gross, die diversen Newskanäle sind zu dominant: Es ist fast nicht zu verhindern, die Ergebnisse zu kennen. Und dann interessieren mich Gesamtübertragungen nicht (mehr). Zusammenfassungen, Kommentare und Interviews hingegen schon.

Mit Live-Dabeisein ist es zudem schwierig. Olympia ja, aber mitten in der Nacht den Wecker stellen – da sind die Prioritäten zugunsten des Schlafs recht schnell gesetzt. Ausser…: Ja, ich geb’s zu. Die Abfahrt der Männer wollte ich mir beim ersten Versuch live „antun“. Ich stellte mir vor, anschliessend bei den Diskussionen um Olympia-Gold von Beat Feuz kompetent mitreden zu können und dabei gar als „Feuz-Livegucker-Held“ zu gelten. Zweimal leider nein: Das erste Rennen wurde verschoben, Feuz platzierte sich dann zudem zwar erfreulicherweise auf dem Podest, aber zwei waren schneller. Kein Aufstehen mehr, kein Nachschauen – irgendwie fehlt so das Olympiafieber.

Noch schlimmer ist es, wenn bei anstehenden Entscheidungen das Smartphone in der Nähe liegt. Weil live am TV eben nicht exakt live ist, sondern immer eine kurze Zeitverzögerung festzustellen ist, „wissen“ die Newspusher (zum Teil vor Ort, zum Teil auf andern Kanälen live unterwegs) bisweilen den Ausgang eines Rennens oder eines Spiels schon kurz vor mir – und teilen mir dies mit. So ist der Sieger bekannt, wenn er sich „bei mir“ erst im entscheidenden Endspurt befindet. Oder der Torjubel ertönt irgendwo, wenn „mein Penaltyschütze“ erst Anlauf nimmt.

Ganz sooo toll sind die technischen Möglichkeiten halt nicht in jedem Fall!


brentsch@bielertagblatt.ch

Twitter: @BernhardRentsch

 

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