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Eishockey

EHCB kennt kein Pardon mit Betrügern

Der EHC Biel hat ein zweijähriges Stadionverbot gegen einen Stehplatz-Zuschauer verhängt, der sich mithilfe eines Freundes Zutritt zu den Sitzplätzen verschaffte. Die Überführten kritisieren die hohe Strafe, der Klub befindet sie als gerechtfertigt.

Tissot Arena (Symbolbild). copyright: Keystone

Moritz Bill

In der Regel wird im Online-Fanforum des EHC Biel hitzig über die Leistung oder Nicht-Leistung der Spieler diskutiert. Über die falsche Taktik des Trainers oder die «Blindheit» der Schiedsrichter. Aktuell veranlasst jedoch ein anderes Thema viele Kommentatoren, ihre Meinung kundzutun – und das ist trotz des am Dienstag geglückten Halbfinal-Vorstosses nicht sportlicher Natur. 
Ein User schildert unter dem Pseudonym Gaston einen Vorfall, der sich am Donnerstag letzter Woche während des dritten Viertelfinalspiels zwischen Biel und Ambri-Piotta in der Tissot Arena ereignet hatte, und schliesslich mit einer 300-fränkigen Busse und einem zweijährigen Stadionverbot für Gastons Freund, nennen wir ihn Spirou, endete.

Lieber in der Gruppe als alleine
Und das kam so: Die Familienväter, beide rund 45-jährig, wollen sich das zweite Playoff-Heimspiel zusammen mit weiteren Kollegen ansehen. Spirou ist im Gegensatz zu den anderen ein Gelegenheitsbesucher und deshalb nicht im Besitz einer Sitzplatz-Dauerkarte. Besucht er einen Match, kauft er sich einen Einzeleintritt. Da die Gruppe die Spiele jeweils stehend oberhalb der Sitzplätze im Buvettebereich verfolgt, spielt es für Spirou keine Rolle, wo genau sein Sitzplatz im Stadion liegt. Er gesellt sich jeweils zu seinen Freunden und lässt seinen Platz leer. So, wie das auch die anderen tun. 
Für das Playoff-Spiel versäumt es Spirou jedoch, im Vorverkauf rechtzeitig ein Sitzplatz-Ticket zu ergattern, und muss sich mit einem Stehplatz-Eintritt begnügen. So entsteht die Idee des «Verbrechens», wie Gaston schreibt, denn Matchbesuche würden besonders Spass machen, wenn man in der Gruppe fachsimplen könne. Er schleust Spirou mithilfe eines Sitzplatz-Abos eines weiteren Freundes von den Steh- auf die Sitzplätze. In der Tissot Arena werden die Tickets nur am Haupteingang via Scanner kontrolliert. Der Zugang zu den Sitzplätzen wird danach mit einer Sichtkontrolle gewährt, eine Doppelverwendung wird aufgrund des fehlenden Scanners nicht bemerkt. Spirou verschafft sich den Zutritt ins Stadion mit einem billigeren Stehplatz-Ticket und gelangt dank des Abos eines Freundes, der sich bereits im Sitzplatz-Sektor befindet, auch dorthin.
Während des dritten Drittels wird die Gruppe Männer vom Sicherheitspersonal aufgefordert, ihre Tickets vorzuweisen – Spirou wird ertappt, auf die Stehplätze verwiesen und muss seine Personalien hinterlassen. Am Dienstag erhält er per Einschreiben die Busse und das Stadionverbot, das für sämtliche Eishockey- und Fussballspiele in der Schweiz gilt.
«Ja, wir haben beschissen», schreibt Gaston, er findet das zweijährige Verbot aber «übertrieben» und ein «Verhältnisblödsinn». Zumal die beiden nur dieses eineMal betrogen hätten. Der Grundtenor ist im Forum schnell gefunden: Der Grossteil der User solidarisiert sich mit Gaston und Spirou.

Liga schreibt Strafmass vor
Anderer Meinung ist man selbstredend beim EHC Biel, der in der Tissot Arena Hausrecht hat und Verbote aussprechen kann. Für Geschäftsführer Daniel Villard ist die Strafe gerechtfertigt: «Das war kein Einzelfall, es wird systematisch betrogen. Das ist eine Frechheit gegenüber dem Klub und den zahlenden Sitzplatzzuschauern. Dem wollen wir jetzt Einhalt gebieten.» Deshalb greift der Klub durch, anstatt vorerst Verwarnungen auszusprechen.
Villard lässt auch den Vorwurf der Willkür oder der Unverhältnismässigkeit nicht gelten. Das Strafmass sei von der Liga vorgeschrieben, wie diese bestätigt. Andreas Leuzinger, Sicherheitschef der SIHF, schreibt auf Anfrage: «Beim vorliegenden Vorfall handelt es sich eindeutig um das Erschleichen einer Leistung, welche nach Reglement mit einem zweijährigen gesamtschweizerischen Stadionverbot sanktioniert wird.» Dieser Tatbestand werde immer wieder festgestellt, beziffern will die SIHF die Anzahl der Fälle nicht.

Ein Exempel statuieren?
Es liegt in der subjektiven Beurteilung, ob dieses Strafmass als gerechtfertigt empfunden wird oder nicht. Ein Blick ins Sicherheits- und Ordnungsreglement der SIHF zeigt, dass Überschreitungen von Verboten grundsätzlich mit mindestens zwei Jahren bestraft werden. Macht sich jemand beispielsweise des Diebstahls schuldig oder betritt nicht öffentlich zugängliche Räume, wird in der Regel ein zweijähriges Stadionverbot ausgesprochen. Dasselbe Strafmass gilt, wird jemand des Wurfes eines Gegenstandes auf das Eis überführt. Erfolgt der Wurf gezielt auf Personen, erhöht sich der Ausschluss auf drei Jahre. Je nachdem werden gezielte Gegenstandswürfe gegen Personen als Tätlichkeit bewertet und fallen unter das Hooligan-Konkordat, worauf auch Rayonverbote ausgesprochen werden können. Das Abbrennen von Feuerwerk oder Vandalismus zieht ein Verbot von mindestens drei Jahren nach sich.
Die Vermutung liegt nahe, dass der EHC Biel kein Pardon kennt, weil er an diesem Fall ein Exempel statuieren will, das abschreckend wirkt. Villard widerspricht mit der Begründung, dass nicht der Klub, sondern die Täter den Vorfall publik gemacht hätten. Der EHCB-Geschäftsführer fügt aber an: «Wenn das hilft, die Betrugsfälle einzudämmen, wäre das natürlich schon positiv.» So oder so will der Klub die Kontrollen verschärfen.

Zutrittssystem ist nicht ausgeklügelt
Eine andere Möglichkeit wäre eine effektivere Zutrittskontrolle. Das Aus-Scannen beim Verlassen des Sitzplatzsektors, wie es am grösseren Haupteingang erfolgt, würde indes während eines grossen Zuschaueraufmarsches in den Pausen Warteschlangen nach sich ziehen. Naheliegender wären getrennte Eingänge für das Steh- und Sitzplatzpublikum. Seitliche Zugänge zu den Sitzplätzen waren in der Planungsphase der Tissot Arena eigentlich angedacht gewesen, wurden dann aber zugunsten einer belebten Place Publique verworfen. «Wir überlegen schon lange, wie wir das Zutrittssystem verbessern könnten. Aber das ist nicht ganz einfach», sagt Villard.  Auch, weil sich der Fanshop und eine grosse Buvette im Foyer befänden, zu denen die Sitzplatzzuschauer folglich keinen Zutritt mehr hätten.
Das Betrügen beziehungsweise das Kontrollieren dürfte den EHC Biel demnach auch in näherer Zukunft beschäftigen. An Diskussionsstoff mangelt es rund um den Klub auch in der spielfreichen Woche vor dem Halbfinal-Start nicht.

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