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Fussball-WM

Wir alle fiebern mit

1,9 Millionen Menschen haben am Mittwoch das Fernsehprogramm von SRF verfolgt, um der Schweizer Nati beim Einzug in den Achtelfinal zuzuschauen. Viele von ihnen interessieren sich normalerweise nicht für Fussball. Warum sie es jetzt trotzdem tun.

«Man möchte jubeln, und man möchte weinen, selbst wenn man nicht fanatischer Anhänger des Fussballes, auch wenn man nicht selbst Sachverständiger ist.» Ein Matchbericht von 1933. Bild: Susanne Goldschmid
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Jana Tálos

Es ist wieder WM. In etwa so kann man den Zustand bezeichnen, in dem sich Millionen Menschen befinden, seit am Donnerstag vor zwei Wochen der Startpfiff zum Spiel zwischen Gastgeber Russland und der Nationalmannschaft von Saudi-Arabien ertönte. Jede und jeder ist nun Fussball-Experte, erkennt eine Schwalbe auf 100 Meter und weiss genau, wann ein_Spieler ein Goal «auf jeden Fall hätte machen müssen». Alle leiden nun mit, wenn «unsere» Nati auf dem Platz steht, gelbe Karten kassiert («He, das war doch nichts!»), gefoult wird («Mindestens ein Elfmeter!»), oder dann doch noch das alles erlösende Tor schiesst («Goooooooaaal!»).

Aber wie kommt es eigentlich, dass sich an einer WM plötzlich alle für Fussball interessieren? Sogar Menschen, die sonst nicht einmal den Champions-League-Final mitverfolgen?


Für das Gemeinschaftsgefühl
Fakt ist: Wirkliche Studien zum Massenphänomen Fussball-WM gibt es nicht. Dennoch bestätigen sowohl Dietmar Wetzel vom Institut für Soziologie der Universität Bern, als auch Siegfried Nagel vom Institut für Sportwissenschaft, dass sich an einer WM deutlich mehr Menschen für Fussball interessieren, insbesondere eben auch solche, die damit sonst nichts am Hut haben.

Ein Grund dafür sei der soziale Aspekt, den ein solches Grossereignis mit sich bringt: «In unserer hoch individualisierten Welt suchen die Menschen förmlich nach Gemeinschaft, nach dem Gefühl der Zusammengehörigkeit», sagt Soziologe Dietmar Wetzel. Dieses würde bei einem WM-Spiel geschaffen, in der Soziologie spreche man auch von Gefühls- oder Affektgemeinschaften: «Plötzlich feiert man mit Menschen, die man gar nicht kennt, die sich aber in dem Moment über dieselbe Sache freuen, und mit denen man sich solidarisieren kann.»
Ein weiterer Aspekt sei, dass sich an einer WM alle in Gute-Laune-Stimmung befänden. «Das steckt an», sagt Wetzel. «Denn wir alle haben in uns diese Sehnsucht, sich einfach mitreissen zu lassen.» Sportwissenschaftler Siegfried Nagel fügt an, dass man seinen Emotionen bei einem Fussballspiel freien Lauf lassen kann. «Man darf mitfiebern, schreien, rufen, jubeln – das kann man im Kino oder in einem Theaterstück nicht.»


Unmöglich, sich zu entziehen
Ist man einmal mittendrin, ist es denn auch schwierig, sich der Euphorie der Masse zu entziehen. Der Autor eines Matchberichts von der Partie Schweiz-England aus dem Jahre 1933 hat das so formuliert: «Es ist unmöglich, sich auf einem Fussballplatz inmitten einer grossen Menschenmenge der suggestiven Wirkung dieser Masse zu entziehen. Man denkt wie sie, fühlt wie sie; man fühlt Enttäuschung, Trauer und Freude mit ihr. Man möchte jubeln, und man möchte weinen, selbst wenn man nicht fanatischer Anhänger des Fussballes, auch wenn man nicht selbst Sachverständiger ist.»

Und damit nähern wir uns auch schon einem weiteren wichtigen Grund, warum sich Menschen mit ganz anderen Interessen plötzlich für Fussball interessieren: das Nationalgefühl. Jedes Land hat seine Nationalmannschaft und seine Bevölkerung fiebert automatisch mit, wenn ihre Vertreter auf dem Platz stehen. Dass sich diese Begeisterung im Verlaufe eines Turniers durchaus steigern kann, ist wiederum belegt, sagt Sportwissenschaftler Siegfried Nagel: «Eine Studie aus Deutschland hat gezeigt, dass der Nationalstolz bei der Bevölkerung steigt, je weiter ihre Mannschaft in einem Turnier kommt.»

Das zeigt sich nicht zuletzt auch an den Einschaltquoten, oder besser gesagt an den Teilnehmerzahlen bei Public Viewings. Während sich der Zuschauerrekord auf SRF mit 1,9 Millionen Zuschauern im Gruppenspiel gegen Brasilien am Mittwoch lediglich wiederholte, hat sich die Zuschauerzahl in den Public Viewings der Region im Verlauf der Gruppenphase teils sogar gesteigert.

«Beim Spiel gegen Costa Rica waren etwa 3000 Menschen vor Ort», sagt Lukas Hohl von der Firma Eventra, die das Public Viewing auf dem Nidauer Seemätteli organisiert. Bei den vorherigen Schweiz-Spielen seien es etwas weniger gewesen, aber bereits vom ersten zum zweiten Spiel habe sich die Zuschauerzahl gesteigert. Tom Rüfenacht vom Public Viewing «Chez Rüfi» in der Innenstadt spürt die Zunahme vor allem bei der Anzahl reservierter Plätze. «Sie hat sich vom ersten zum dritten Gruppenspiel stetig gesteigert», sagt er.


Einfach mitreden können
Ein weiterer Aspekt, der zum Massenphänomen Fussball-WM beiträgt, ist laut den beiden Experten Nagel und Wetzel auch die Tatsache, dass man mitreden können möchte, wenn am nächsten_Tag im Büro oder auf der Baustelle über die unsägliche Schwalbe von Neymar oder das Traumtor von Xhaka diskutiert wird.

Dieses Bedürfnis, stets auf dem Laufenden zu sein, habe sich in den letzten Jahren noch gesteigert, besonders seit dem Aufkommen der Tippspiele. «Dadurch wird das Spannungsgefühl aufrechterhalten», sagt Siegfried Nagel. Man schaut sich Spiele an, die man sonst vielleicht nicht angeschaut hätte, nur um mitzubekommen, ob man richtig liegt.

Nicht zuletzt ist Fussball während der WM aber auch allgegenwärtig, sagt Dietmar Nagel. «Es wird überall darüber berichtet, am Rande bekommt man es sowieso mit, ob man nun will oder nicht.»


 

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