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Curling

Sie weiss, wie man WM-Gold gewinnt

Vor einem Jahr ist die Porterin Marisa Winkelhausen vom Spitzensport zurückgetreten. Im November ist sie an der EM als Ersatzspielerin aufs Eis zurückgekehrt und will nun an der WM erneut aufs Podest.

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Patric Schindler

Handynummern von Seeländer Curlerinnen können Gold wert sein. Vor einem Jahr hat Silvana Tirinzoni, der Skip des CC Aarau, die vom Spitzencurling zurückgetretene Bielerin Melanie Barbezat angerufen, um sie für ein langfristiges Projekt aufs Eis zurückzuholen. Barbezat, die eigentlich ihre Karriere als Physiotherapeutin vorantreiben wollte, war bereit, nochmals national und international anzugreifen. Mit Erfolg. Im November wurde Barbezat mit den Aargauerinnen Vize-Europameister. Kurz vor diesen kontinentalen Meisterschaften nahm das Team Tirinzoni erneut Kontakt mit einer Seeländer Curlingspielerin auf. Dieses Mal war es Marisa Winkelhausen, die die Aargauerinnen auf dem Radar hatten. Die Porterin nahm das Angebot an, als Ersatzspielerin nach Tallinn zu fahren. In Estland konnte sie neben und mit einem Einsatz auch auf dem Eis mithelfen, den Aargauerinnen die Silbermedaille zu sichern.


Und nun weilt die vor einem Jahr vom Spitzensport zurückgetretene Winkelhausen schon wieder an internationalen Titelkämpfen. Im dänischen Silkeborg will sie in dieser Woche mit dem CC Aarau, der an der WM als Schweizer Nationalteam auftritt, eine Medaille gewinnen. Dabei sahen die Pläne der heute 30-Jährigen vor einem Jahr noch ganz anders aus. «Ich wollte mich auf mein Betriebswirtschafts-Studium konzentrieren und mir zudem genügend Zeit für andere Dinge im Leben nehmen. Denn wer heute in der Schweiz in einem ambitionierten Team spielt, das auch international Erfolg haben will, hat nicht mehr viel Freizeit», sagt Winkelhausen. Der Zeitpunkt des Rücktritts war aber auch aus einem anderen Grund nachvollziehbar, denn die meisten Curlingteams planen in Olympia-Zyklen. Bis zu den nächsten Olympischen Spielen 2022 in China hätte sie sich im Frühling 2018 nochmals für vier Jahre Spitzencurling verpflichten müssen. «Dieses Engagement wäre nicht nur lange, sondern auch mit einem hohen Aufwand verbunden gewesen. Deshalb war es richtig, zum damaligen Zeitpunkt mit dem Spitzencurling aufzuhören. Ich habe danach mein Leben so eingerichtet, dass ich gar keineZeit mehr habe, viel zu trainieren und Wettkämpfe zu bestreiten.»


Kaum Curling gespielt
In der Zeit zwischen ihrem Rücktritt im Frühling des letzten Jahres und der Anfrage der Aargauerinnen im vergangenen November habe sie nicht mehr oft Curling gespielt. Dennoch war sie nochmals bereit, wenn auch nur als Ersatzspielerin, ein Team an einem internationalen Turnier zu unterstützen. «Ich rechnete nach meinem Rücktritt nicht mit einer Anfrage und hatte auch nicht viel Zeit darüber nachzudenken, ob ich nochmals aufs Eis zurückkehren soll oder nicht», sagt die Porterin. Sie sah im neu zusammengesetzten, aber routinierten Team genügend Potenzial, um international vorne mitspielen zu können. «Es freute mich sehr, mit diesen Spielerinnen an der EM Silber gewonnen zu haben», so Winkelhausen.


Damals wusste sie noch nicht, dass sie ein paar Monate später erneut als Ersatzspielerin im zurzeit stärksten Schweizer Frauenteam gefragt ist. Im Februar wurde der CC Aarau Schweizer Meister und löste somit das Ticket für die Weltmeisterschaft in Dänemark. Winkelhausen musste also erneut die Koffer packen, um für die Schweiz im Ausland Kurs auf Edelmetall zu nehmen. Die Chancen, dass sie als Ersatzspielerin wie auch schon an der EM im November zum Einsatz kommen wird, stehen bei zwölf Partien, die die Round Robin umfasst, gut. Als Ersatzspielerin müsse sie sich im Prinzip genau gleich vorbereiten, wie alle anderen Spielerinnen auch. «Ich weiss es noch aus meiner langjährigen Zeit als Stammspielerin, wie wichtig es ist, dass man eine Ersatzspielerin an internationalen Titelkämpfen hat, auf die man jederzeit zählen kann und die das Team von aussen unterstützt», sagt Winkelhausen. Sie habe schon damals die fünfte Spielerin nicht einfach als Ersatz, sondern als Bestandteil des Teams angesehen. «Selbst wenn die Ersatzspielerin an einem Turnier nicht oder kaum zum Einsatz kommt, kann sie einiges für den Erfolg des Teams beitragen», sagt Winkelhausen. «Mir fehlt zwar das Training, aber Curling hat auch viel mit Erfahrung zu tun», ergänzt die Seeländerin.


Eine starke Bank
Routiniert ist Winkelhausen allemal, denn das Schweizer Team hat mit ihr die Weltmeisterin von 2015 als Ersatzspielerin aufgeboten. Besser kann man also eine Bank nicht besetzen. Sie weiss, was es braucht, um bei internationalen Titelkämpfen die Konkurrenz stehen zu lassen. «Wichtig ist, dass man während einer WM immer nur auf das bevorstehende Spiel fokussiert ist und sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Es sind viele Spiele, und da kann es nicht immer nur rund laufen», so Winkelhausen. Man müsse in den entscheidenden Phasen mental bereit sein und die maximale Leistung abrufen können. «Auch wenn man an einer WM spielt, darf man sich nicht allzu viel Druck machen und sollte auch zeigen, dass man Spass am Spiel hat.»


Winkelhausen verfolgt die Spiele an der WM auch in taktischer Hinsicht, um allenfalls Inputs zu geben. Dies sei nicht nur in den Vor- und Nachbesprechungen der Fall. Auch wenn das Team ein Time-out nimmt, ist Winkelhausen mittendrin statt nur dabei. So kann sie auch während des Spiels dem Team mir ihrer Routine beratend zur Seite stehen. Die vier Spielerinnen des CC Aarau bestreiten nach der EM mit der WM erst das zweite grosse internationale Turnier in dieser Konstellation. «Das Team ist zwar sehr routiniert, aber dennoch befindet es sich im Prinzip immer noch in einer Kennenlern-Phase», sagt Winkelhausen.


In diesen Tagen denkt sie immer wieder an die WM 2015 zurück. Damals gewann sie mit dem Team Baden Regio mit Skip Alina Pätz, die nun mit Melanie Barbezat, Esther Neuenschwander und Skip Silvana Tirinzoni als CC Aarau die Schweiz vertritt, im japanischen Sapporo überraschend Gold. «Es ist ein tolles Gefühl, an diesen Erfolg zurückzudenken. Ich stelle aber auch fest, wie sehr sich das Curling in diesen vier Jahren entwickelt hat. Die Spielerinnen müssen in einer noch besseren physischenVerfassung sein, um international vorne mitzuspielen», erklärt Winkelhausen.


Wird sie wieder angerufen?
Ab nächster Woche hat wieder ihr Studium Priorität und Curling wird in den Hintergrund rücken. Gut möglich, dass in der nächsten Saison vor internationalen Titelkämpfen wieder ihr Handy klingelt und ihr Know-how auf und neben dem Eis gefragt ist. Ob sie sich dann wieder als Ersatzspielerin zur Verfügung stellt, kann sie zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. «Mein Fokus liegt nun ganz auf dieser WM», sagt die frühere Weltmeisterin aus dem Seeland.

Stichwörter: Marisa Winkelhausen

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