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Fussball

Neben dem Fussballplatz wird wieder gebrüllt und die Schiris stehen unauffällig im Mittelpunkt

Derbys sorgen in den Regionalligen immer wieder für überhitzte Gemüter. Das BT hat sich zum Saisonstart in Biel und Orpund unter die Zuschauer gemischt und Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede zwischen Stadt und Land festgestellt. Und die Schiedsrichter sind unverzichtbar. Sie haben einen undankbaren Job, werden beleidigt und beschimpft. Wie erlebt eigentlich ein Spieler den Spielführer?

Anderes Ambiente, ähnliche Stimmung: Sowohl in Biel zwischen Besa und Azzurri (oben) wie auch bei Orpund gegen Aurore greift das Publikum verbal ein. Copyright: Olivier Sauter / Bieler Tagblatt

von Moritz Bill

Es dauert eine gefühlte Ewigkeit. Dann, nach 20 gespielten Minuten, ist er das erste Mal zu hören. Der Ausruf, der Wochenende für Wochenende auf jedem Regionalfussballplatz zigmal aus den Kehlen der Zuschauer dringt: «Schiri!» Gemeint ist damit natürlich der Schiedsrichter, der soeben einen Fehlentscheid getroffen haben soll - wenn es nach dem Urteil des schreienden Zuschauers geht. Die Unparteiischen haben es nicht leicht in den unteren Ligen (siehe Text weiter unten). Wenn dann noch ein Derby ansteht, gehören überhitzte Gemüter zu einem Regionalfussballspiel wie die Bratwurst und das Bier.

Das 2.-Liga-Recontre zum Saisonauftakt zwischen den beiden Bieler Stadtklubs Besa und Azzurri bildet an diesem Sonntagnachmittag aber über lange Zeit eine Ausnahme. Derbystimmung kommt zu Beginn der Partie kaum auf. Zum einen trudeln die Zuschauer erst nach dem Anpfiff nach und nach auf den Längfeld-Platz ein. Zum anderen präsentiert sich das Wetter im Gegensatz zu den letzten Wochen nicht von seiner besten Seite, weshalb das Stadtderby mit rund 160 Zuschauern vor einer eher dürften Kulisse ausgetragen wird.

 

Das Fussballspiel als Treffpunkt

Der Hauptgrund für diese verschlafene Stimmung liegt aber am Geschehen auf dem Platz. Zu überlegen ist das Heimteam Besa, als dass auf den Rängen Hektik ausbrechen würde. Bereits in der sechsten Minute geht das Team von Trainer Philipp Eich in Führung und dominiert Azzurri nach Belieben. «Die Kräfteverhältnisse waren bald einmal klar. In engen Derbys ist die Explosionsgefahr viel grösser», sagt der Besa-Trainer. Kaum lassen die Platzherren etwas nach und lassen die Italo-Bieler besser ins Spiel kommen, wird es aber, wie eingangs erwähnt, rund um den Platz lauter. Und als kurz vor der Pause erstmals zwei Spieler verbal aneinander geraten, überträgt sich der aggressive Ton auch auf die Tribüne.

Das Publikum auf den orangen Sitzen, die früher nebenan im alten Eisstadion standen und nun auf dem Längfeld quasi ihren zweiten Frühling erleben, ist durchmischt. Auffällig sind die Männer im jungen Alter, wie sie in dieser Anzahl auf den ländlichen Plätzen nicht anzutreffen sind. Die Spiele dienen den Biel-Albanern auch als Treffpunkt. Die Azzurri-Anhänger haben sich hingegen mehrheitlich auf den Bänken hinter dem Tor einquartiert. Vereinzelte «Allez les bleus»-Rufe sind zu hören, mit dem «Schiri» legen sich die Tifosi verbal kaum an.

 

Auzzuri-Spieler lauter als Tifosi

Dafür werden die Azzurri-Spieler auf dem Platz laut - sie hadern vor allem mit sich selbst. Die ohnehin auf diese Saison hin schon auf vielen Positionen veränderte Equipe (siehe BT vom Freitag) besteht wegen Abwesenheiten und Verletzungen zur Hälfte aus Spielern der zweiten Mannschaft. Das Zusammenspiel funktioniert dementsprechend nicht wunschgemäss. Dennoch halten die Gäste überraschend lange Zeit mit. Vor der Pause gleicht Michael Scire mit einem schönen Volley zum 1:1 aus und nach dem Seitenwechsel vergeben «die Blauen» mehrere Konterchancen. «Schade, gelang uns das 2:1 nicht. Sonst hätte das Spiel auf unsere Seite kippen können», so der Torschütze, der ansonsten mit der zweiten Garde spielt. Den Biel-Albanern gelingt erst nach einer Stunde das vorentscheidende 2:1, nach dem 3:1 kurz vor Schluss ist die zwischenzeitliche Unruhe im Publikum endgültig verflogen.

Sein Team hätte schon viel früher für die Entscheidung sorgen müssen, sagt Besa-Coach Eich nach dem Spiel. Doch wie auch beim Gegner fehlten ihm mehrere verletzte Stammspieler. «Dennoch müssen wir disziplinierter werden und nach einer Führung dürfen wir nicht nachlassen», fordert Eich für die kommenden Partien.

Richtige Derbystimmung erwartet der Besa-Trainer gegen den auf diese Saison aufgestiegenen FC Prishtina Bern. Zwar handelt es sich dabei weder um ein Stadt- noch um ein Seeland-Derby. Doch für die beiden albanisch geprägten Klubs hat dieses Spiel genauso einen Nachbarschaftsduell-Charakter. Dann dürfte es keine 20 Minuten dauern, ehe ein echauffierter Zuschauer lautstark auf sich aufmerksam macht.

 

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Unauffällig im Mittelpunkt

 

von Anthony Schwab

Zum Auftakt der neuen Saison spielt der Viertligist SC Aegerten Brügg auswärts gegen den FC Besa Biel. Spielanpfiff ist um 16 Uhr. Anderthalb Stunden vor Spielbeginn treffe ich mit meinen Mannschaftskollegen auf der Sportanlage Längfeld in Biel ein. In der Garderobe ziehen wir uns um. Währenddessen erklärt uns unser Trainer, wie wir heute spielen und er gibt uns letzte taktische Anweisungen auf dem Weg. Etwa eine halbe Stunde vor Spielbeginn erscheint der Schiedsrichter in der Garderobe. Nachdem alle herzlich gegrüsst und sich kurz vorgestellt hat, bittet er den Captain, nach vorne zu kommen. Der Captain liest unsere Namen herunter. Als mein Name ertönt, stehe ich auf und zeige dem Spielleiter mein Trikot. Dieser wirft noch einen kurzen Blick auf meine Schuhe und Beinschoner, bevor er mit einem kurzen Nicken das OK gibt. Nachdem alle Spieler aufgerufen wurden, wünscht der Schiedsrichter ein gutes Spiel und verlässt die Garderobe wieder.


Wer tut sich das an?

Seit nunmehr 18 Jahren spiele ich beim SC Aegerten-Brügg Fussball. Mittlerweile kenne ich die Abläufe vor einem Spiel, die meistens immer gleich sind. Einziger Unterschied: Es ist fast immer ein anderer Schiedsrichter auf dem Platz. Klar, nach 18 Jahren kennt man den einen oder anderen. Trotzdem gibt es immer wieder welche, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Auch den heutigen Schiedsrichter kann ich nirgends einordnen.

Fünf Minuten vor Spielbeginn ertönt ein lauter Pfiff. Es ist das Zeichen, nach draussen zu gehen und sich für das Spiel bereit zu machen. Bevor wir in Reih und Glied das Spielfeld betreten, bittet uns der Schiedsrichter, dass Trikot in die Hose zu stecken. Etwas, dass ich bis heute nicht verstehe. Muss das denn wirklich sein? Es ist keine festgeschriebene Regel. Einige Schiedsrichter nehmen es genauer, andere nicht. Es ist aber etablierter Anstand, das Trikot bei Spielbeginn in die Hose zu stopfen. Hinter dem Schiedsrichter laufend betreten wir das Spielfeld Richtung Mittelkreis. Sämtliche Spieler schütteln sich die Hände und wünschen sich ein faires und gutes Spiel, auch dem Schiedsrichter. Danach bittet der Schiedsrichter wieder beide Captains zu sich, um die Platzwahl und das Anstossrecht per Münzwurf zu bestimmen. Dann pfeift der Schiedsrichter das Spiel an, endlich geht es los.

Der Schiedsrichter, auch Spielführer oder Unparteiische genannt, kontrolliert bei einem Fussballspiel die Einhaltung der Fussballregeln. Ich habe mich schon immer gefragt, wer sich das freiwillig antut. Der Schiedsrichterposten ist ein undankbarer Job. Er wird beschimpft, beleidigt und in extremsten Fällen sogar attackiert. Er kann seine Sache noch so gut machen und doch wird er vor allem von der Verlierermannschaft oft kritisiert. Das Ziel eines Schiedsrichters muss es also sein, möglichst unauffällig das Spiel zu leiten, also der oft genannten Regel «der Schiri ist Luft» gerecht zu werden. Wenn nach dem Spiel keiner über den Schiedsrichter spricht, hat er gute Arbeit geleistet.


«Schiris» sind auch nur Menschen

Und dennoch ist der ewig kritisierte Spielführer unverzichtbar. Ohne ihn gibt es kein Spiel. Doch was ist die Motivation eines Schiedsrichters? Die Vermutung liegt nahe, dass viele Unparteiische in den unteren Ligen es nur des Geldes wegen machen. Es sind auffällig viele junge Schiedsrichter, die an den Wochenenden jeweils die Spiele leiten. Pro Spiel erhält ein 3.- und 4.-Liga-Schiedsrichter in der Regel um die 100 bis 120 Franken. Ein schöner Nebenverdienst, wenn man bedenkt, dass seine Arbeit nach etwa zwei Stunden getan ist. Andere wiederum geniessen die Rolle, eine leitende Funktion einzunehmen, der Chef auf dem Platz zu sein und Entscheidungen treffen zu können.

Oft spielen Schiedsrichter selber Fussball oder haben es zu einem früheren Zeitpunkt getan. Möglicherweise haben sie als Spieler selbst den Schiedsrichter beschimpft und haben nun ein schlechtes Gewissen. Die Schiedsrichter stehen in den Spielen jeweils unter sehr grossem Druck, da sie innert Sekundenbruchteilen eine Entscheidung fällen müssen. Sie verstehen häufig mehr von der Sportart als die meisten am Spielfeldrand und doch lassen wir Spieler unseren Frust oft an ihnen aus. Als Spieler vergisst man oft, dass auch sie nur Menschen sind und ihnen Fehler unterlaufen, so wie auch wir Fehler im Spiel machen. Deshalb lobe ich den Schiedsrichter manchmal auf dem Platz, nachdem er eine richtige Entscheidung getroffen hat – das heisst zu unseren Gunsten...

Das Spiel gegen Besa Biel haben wir mit 6:0 gewonnen. Es war ein relativ ruhiges Match für den «Schiri», er stand kaum im Mittelpunkt. Er hat seine Sache folglich gut gemacht.

 

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«Mach doch dä»

 

von Anthony Schwab

Es ist Samstag, 16 Uhr, auf dem Sportplatz Aare in Orpund. Die 3.-Liga-Mannschaften des FC Orpund und des FC Aurore Biel laufen unter leisen Applaus der Zuschauer hinter dem Schiedsrichter in Reih und Glied auf den Fussballplatz ein. Der Himmel ist bewölkt, doch es fällt kein Regen. Mit 20 Grad herrscht perfektes Fussballwetter. Rund 50 Zuschauer haben sich an diesem typischen Fussballsamstag beim Fussballplatz getroffen, um sich das erste Spiel der Saison anzusehen. Nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Lande ist der Fussball allgegenwärtig, vor allem im Seeland. Fast alle Fussballplätze befinden sich hier etwas ausserhalb des Dorfes, eben auf dem Lande. Der Sportplatz des FC Orpund bildet keine Ausnahme: Rund 100 Meter von der Aare entfernt liegt der grüne Rasenplatz, umgeben von Ackerfeldern und Bäumen. In der Ferne ist ein grosser Bauernhof zu sehen, auf dessen Weideplatz sich zwei Pferde gegenseitig beschnuppern. Trotz dieser idyllischen Umgebung geht es auf dem Fussballplatz um alles. Die Mannschaften schenken sich nichts und wollen mit einem Sieg in die Meisterschaft starten.

Grosse Stimmung ist in Orpund keine auszumachen. Die Zuschauer verfolgen das Spiel seelenruhig und trinken gemütlich ihr Bier und essen ihre Bratwurst. Einzig die Spieler oder der Trainer sind zu hören, die Spielanweisungen geben. Das soll aber nicht heissen, dass es auf dem Land nicht zu hitzigen Diskussionen kommen kann. Fast bei jedem Verein gibt es den sogenannten «scharf Egge», das heisst Zuschauer, die bei strittigen Szenen, Fehlentscheidungen des Schiedsrichters oder bei verpassten Torchancen ihres Heimteams ihre Meinung lautstark kundtun. «Das isch klar Offside gsi Schiri» oder «Mach doch dä» sind nur einige Ausrufe, die bei einem regionalen Fussballspiel zu hören sind. Oft sind es vor allem ältere Herrschaften, die früher ebenfalls im Klub spielten, denen der Verein am Herzen liegt.

Mittlerweile hat es angefangen zu regnen. Pünktlich um 17.45 Uhr pfeift der Schiedsrichter das Spiel ab. Der FC Aurore Biel hat Orpund mit 3:1 geschlagen. Die Zuschauer, die kein Bier in ihren Fingern halten, applaudieren. Ein Spieler holt in der Buvette ein Harass Bier. Sie haben es sich verdient. Auf dem Weg in die kleine Garderobe diskutieren die Spieler mit den Zuschauern über den Match. Der König Fussball vermag auch über die Stadtgrenzen hinaus die Menschen zusammenzubringen.

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