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100-km-Lauf

Nach der Nacht der Nächte kommt der lange Tag

Sie sind die wahren Helden der Bieler Lauftage: Jene Teilnehmer, die unter der gleissenden Sonne und mit dem Besenwagen im Rücken trotz nie enden wollender Strapazen ihren über 20-stündigen Marsch bis ins Ziel durchhalten.

Überglücklich am Ziel: Nach 100 Kilometern treffen Antoine Meyer und on Andri Lutz (rechts) noch vor Zielschluss am Samstagabend gegen 19 Uhr mit dem Besenwagen im Rücken beim Bieler Kongresshaus ein. Bild: Tanja Lander
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Francisco Rodríguez

D ie allgemein als Nacht der Nächte bezeichneten 100 Kilometer von Biel fordern den Läuferinnen und Läufern alles ab. Doch genau genommen beginnen die richtig grossen Strapazen erst dann, wenn der Tag längst angebrochen ist. Während die Schnelleren ihr Rennen bei kühleren Temperaturen absolvieren konnten, sind die Breitensportler noch irgendwo auf der Strecke unter der gleissenden Sonne am Schwitzen. Als wäre die Distanz nicht schon Herausforderung genug, muss nun auch gegen die immer grössere Hitze angekämpft werden. Und dies teilweise bis am Abend. Um 19 Uhr ist Zielschluss. Wer nicht innerhalb der vorgegebenen Zeitlimite von 21 Stunden wieder vor dem Kongresshaus in Biel eintrifft, ist unterwegs vom Besenwagen eingeholt und aus dem Rennen genommen worden.

Noch keine derartige Sorgen muss sich Paul Zbinden machen. Der 72-jährige Aargauer überquert die Ziellinie in einer Zeit von 19 Stunden und 40 Minuten. «Ich habe heisse Füsse, aber ansonsten fühle ich mich gut und bin glücklich, zum 13. Mal den Bieler Hunderter geschafft zu haben», meint Zbinden zufrieden. Seinen ersten 100-km-Lauf habe er 1964 beendet, die dafür nötige Ausdauer hole er sich mit der regelmässigen Teilnahme an Volksmärschen. «Nächstes Jahr komme ich sicher wieder nach Biel.» Zu den Diskussionen im OK über eine mögliche Anpassung des legendären Laufs meint er nur: «Lasst ihn bitte so wie er ist.»

Dem Hunderter laufen nicht nur Teilnehmer davon, es kommen handkehrum auch neue dazu. Einige Minuten nach Zbinden erreicht Robert Matthews gleich bei seiner ersten Teilnahme das Ziel. Der 48-jährige Amerikaner aus dem US-Bundesstaat Missouri wechselt beim Anblick der applaudierenden Menschen vom Geh- in den Laufschritt. Am Ende ist er des Lobes voll für den Hunderter. «Ein sehr schöner Lauf, alles ist wunderbar organisiert und die Verpflegung klappt super.» Er sei über Facebook auf Biel aufmerksam geworden und ist einfach begeistert.

Während Zbinden und Matthews auch nach 20 Stunden einen relativ fitten Eindruck hinterlassen, sind viele von Schmerzen gezeichnet. Ein Läufer benötigt auf den letzten Metern Unterstützung, einem anderen wird auf die Tragbare geholfen, wo sich die Sanitäter kurz um ihn kümmern. Noch grösser als die körperlichen Beschwerden ist die physische Belastung. Im Bestreben, als Finisher in die Annalen der Bieler Lauftage einzugehen, muss auf die Zähne gebissen werden. Am Ziel entladen sich bei einigen die Emotionen. Alain De Paoli bricht in Tränen aus. Der Franzose, der im Juli 69 Jahre alt wird, hat soeben seinen 30. Hunderter gemeistert. Nachdem er etwas getrunken und sich gefasst hat, schwärmt er in den höchsten Tönen von der Strecke und den Organisatoren. «Eine wunderschöne Landschaft und viele reizvolle Dörfer, ich werde nächstes Jahr wieder kommen, sofern es die Gesundheit zulässt.»

Viele Teilnehmer kommen aus dem Ausland, für andere ist es ein Heimrennen. So auch für den Bieler Alfred Ryser. «Willkommen zuhause», ruft die sympathische Speakerin dem Finisher zu. Aus Freude wirft dieser seine Schirmmütze in die Höhe. Nachdem er die Ziellinie eigentlich schon überschritten hatte, muss er noch einmal zurückgehen, um das Cap vom Boden aufzuheben. Diese paar Extra-Meter nach 100 Kilometern sind auch noch zu bewältigen.

Die letzte halbe Stunde ist angebrochen. Der Zielschluss rückt immer näher. Nach dem Luxemburger Yves Kreis, schafft es auch der jüngste Hunderter-Bezwinger Leo Lauener ins Ziel. Der Burgdorfer ist in dieser Austragung der einzige Finisher mit Jahrgang 2001 und wird entsprechend gefeiert.

Auf einmal geht ein Raunen durch das Publikum an der Zentralstrasse. Hinter dem Kongresshaus erscheint der Besenwagen, ein olivgrüner Puch-G-Geländewagen der Schweizer Armee. Am Heck ist gut sichtbar ein Besen befestigt. Das symbolträchtige Vehikel ist ein paar Minuten zu früh da und hält kurz an. Zwei Läufer überholen es und biegen auf der Zielgeraden ein, wohlgelaunt den Zuschauern zuwinkend. War Lauener der letzte von insgesamt 822 Einzelläufern, die den Hunderter zu Ende geführt haben, gebührt dem Militär-Patrouillen-Duo «Les Dzozets» die Ehre der allerletzten 100-km-Absolventen vor dem Besenwagen.

Als Angehörige der Armee geniessen Antoine Meyer und Jon Andri Lutz vom Militärfahrzeug patroulliert die letzten Meter ins Ziel. Die Uhr bleibt bei 20:34 Stunden und 42 Sekunden stehen. Damit sind die Bieler Lauftage 2018 offziell zu Ende. Nicht nur für Meyer/Lutz, die erstmals in Biel teilgenommen haben und nun mit ihrer Finisher-Medaille um den Hals im Verpflegungszelt etwas Kühles trinken. «Es war schon sehr hart, die Erschöpfung hat sich immer mehr bemerkbar gemacht», sagt Lutz, der in Villars-sur-Glâne wohnt. Sein Kollege Meyer aus St-Légier pflichtet ihm bei und ergänzt: «Vor allem die langen Passagen im Flachen bieten keine grosse Abwechslung und sind deshalb psychisch ermüdend.»

Am Ende hat aber auch dieses Duo sein Vorhaben in die Tat umgesetzt und noch vor Zielschluss Biel erreicht. Trotz der vielen Kilometer in der brütigen Sonne, was die Langsameren zu den wahren Helden der Bieler Lauftage macht. «Ich war das letzte Mal hier», sagt von den Strapazen gezeichnet Lutz. Eine unmittelbar nach Beendigung des ersten Hunderters absolut nachvollziehbare Aussage, die mit abklingenden Schmerzen und genügend Schlaf noch von manch einem 100-km-Bezwinger revidiert worden ist.

Weitere Beiträge und viele Bilder zu den 
Bieler Lauftagen über den Direktlink
www.bielertagblatt.ch/lauftage

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