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Mittendrin statt nur dabei

Das Anforderungsprofil der Fifa für die Volunteers liest sich wie ein Jobinserat eines Headhunters, der einen neuen Direktor zu suchen hat. Nur ein kleiner Auszug davon, was dann wirklich zur Anwendung gekommen ist:

Bild: Susanne Goldschmid
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Die Kandidaten sollten ein Studium mindestens begonnen haben, über sehr gute Englischkenntnisse und wenn immer möglich schon über Erfahrungen von einem anderen Grossanlass verfügen. Die Einsatzmöglichkeiten in den Bereichen Akkreditierung, Ticketing, Medien, Informationstechnik, Hospitality, Catering, Sprachdienste, Marketing, Teamservices sind zwar sehr vielfältig, aber ausser einem Essensgutschein und eine gefühlte Nähe zu den Spielen und deren Besuchern gibt es keinerlei Entschädigung. Der Grossteil der im Einsatz stehen freiwilligen Helferinnen und Helfer sieht kein einziges Spiel der WM live.

Nur ein kleiner Teil der notwendigen 15 000 Volunteers konnte aus dem Ausland rekrutiert werden. Die grössten Delegationen stammen aus Mexico und Ägypten, 60 Prozent sind junge Frauen, die meisten zwischen 17 und 25 Jahren alt. Diejenigen ausgewählten russischen Volunteers, welche vor allem Aufgaben mit Fankontakt zugewiesen erhielten, profitierten im Vorfeld der WM von Intensivsprachkursen, erhielten ein Handy und freien Internetzugang. Wenn dann Anliegen von Fans weder mit Google Maps noch mit Google Translator befriedigt werden können, steht den Volunteers immer noch die Option einer Hotline zur Verfügung. Der geübte Umgang mit den sozialen Netzwerken ist bei dieser Generation unterdessen auch in Russland eh Normalität und insbesondere die jüngsten WM-Besucher tauschten ihre Facebook-, Instagram- und Twitter-Koordinaten mit den Volunteers rege aus. Auch die meisten Polizisten greifen bei Hilfestellungen auch auf ihre Handys oder sogar Tablets zurück und kompensieren die mangelnde Verständigung elektronisch. Die nächst höhere Fifa-Staff-Stufe bilden dann die Stewards, welche in der Regel die Volunteers anweisen und führen. Verbreiten die Volunteers noch mehrheitlich gute Laune, entweder aus eigenem Antrieb oder als Teil ihres Pflichtenhefts, hört der Spass auf der Vorgesetztenstufe definitiv auf. Es wird offensichtlich, dass Russland alles daransetzt, die WM ohne den geringsten gröberen Zwischenfall über die Bühne zu bringen.

Spätestens auf der Stufe der Sicherheitskräfte ist mit Missachtungen oder sogar Verstössen mit den Verantwortlichen nicht mehr gut Kirschen essen. Hier werden die Sicherheitsvorschriften ohne jede Diskussion und Ausnahme rigoros durchgesetzt, ohne aber je unfreundlich oder laut zu werden und ohne diese stoische russische Ruhe auch nur annähernd zu verlieren.

 

Info: Hermann Vögtli, Präsident des Curling-Clubs Touring Biel, verfolgt die WM in Russland vor Ort. In unregelmässigen Abständen berichtet er von seinen Erlebnissen. Am Freitag, 15. Juni, erschien im BT das Porträt «Ein Curler reist dem Fussball hinterher» über Hermann Vögtli.

 

 

Stichwörter: WM 2918, Volunteer, Russland, Biel

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