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Gleitschirmfliegen

Mit jedem Vogel steigt das Glücksgefühl

Dominik Breitinger ist beim Superfinal in Brasilien auf dem 87. Rang gelandet. Der Bürener trainiert nun für seine WM-Premiere in Nordmazedonien. Am liebsten mit seinen Verbündeten. 

Dominik Breitinger während des Superfinals des Weltcups im brasilianischen Baixo Guandu. zvg

Patric Schindler
Vor eineinhalb Jahren hat Dominik Breitinger den internationalen Durchbruch als Gleitschirmpilot geschafft. In Disentis nutzte er den Heimvorteil und flog auf den zweiten Rang, was bis heute seine beste Klassierung im Weltcup ist. Ende 2017 erreichte er den 5. Rang am Weltcup in Guayaquil (Ecuador). Auch in dieser Saison zeigte der 27-Jährige, dass er mit den Besten der Welt mithalten kann. Am Weltcup im bulgarischen Sopot verpasste er das Podest mit Platz 4 nur knapp und löste das Ticket für den Weltcup-Superfinal, der im März im brasilianischen Baixo Guandu ausgetragen wurde. In zehn Tagen bestritt der Bürener, der seit Kurzem in Worben wohnt, neun Läufe und wurde im Schlussklassement 87. «Das ist natürlich nicht das Resultat, das ich mir vorgestellt habe», sagt der Seeländer, der es somit verpasste, seine ausgezeichnete Form des Weltcups von Bulgarien zu bestätigen. Dort flog er in drei von sechs Läufen in die Top 5, einen Lauf gewann er sogar. Lediglich drei Punkte fehlten ihm im Gesamtklassement für einen Podestplatz. «Ich wollte die gute Form mit nach Brasilien nehmen, aber im Nachhinein war ich zu offensiv geflogen. Zu oft flog ich eine eigene Linie, was sich schliesslich nicht auszahlte.» Es wäre wohl besser gewesen, mehr mit der Gruppe mitzufliegen. «Wenn man diese Taktik wählt, ist die Chance grösser, gute Resultate zu erzielen. Wer es aber ganz nach vorne schaffen will, muss vermehrt auf eigene Rechnung fliegen.»


Normalerweise dauert der Weltcup eine Woche. Am Superfinale sind es jeweils zehn Tage. «In den ersten Läufen war das Wetter nicht so gut, sodass wir lediglich 60 bis 70 Kilometer weit geflogen sind. Nach der Hälfte des Wettkampfes wurden die Wetterbedingungen immer besser. Wir konnten sogar über 100 Kilometer weit fliegen und waren während eines Laufes rund drei Stunden in der Luft.» Vor den Läufen müssen die Gleitschirmpiloten die Route bis ins Ziel genau studieren und sich an die sogenannten Wegpunkte halten. «Im Prinzip ist es wie ein Orientierungslauf in der Luft», sagt Breitinger.


In der Luft hat es viele Freunde
Gleitschirmläufe sind Distanzflugwettkämpfe. Je nach Wetter und Bedingungen des Geländes setzt der «Tasksetter» kurz vor Wettkampfbeginn die Strecke fest, die es zu meistern gibt. Für die Flugaufzeichnung und als Navigationshilfe steht das GPS (Global Positioning System) zur Verfügung, in dem der Kurs programmiert wird und es dem Piloten permanent erlaubt, seine aktuelle Position, Flugrichtung und Geschwindigkeit abzulesen. Nach einem Lauf werden die Daten vom Computer ausgewertet. Die Tagesaufgabe hat gewonnen, wer  schliesslich als Erster die Ziellinie überfliegt.


Wer stundenlang in der Luft ist, wird immer wieder von Vögeln begleitet. «Das war auch in Brasilien der Fall und ist völlig ungefährlich», sagt Breitinger. Sie betrachten uns nicht als Feinde. Im Gegenteil. Sie begleiten uns oftmals beim Fliegen.» Und manchmal können sie sogar über Sieg oder Niederlage entscheiden. «Sie zeigen uns an, wo es die beste Thermik gibt», sagt Breitinger. Für Gleitschirmpiloten sind Vögel also oftmals die Pacemaker, quasi das Pendant zu den Hasen im Laufsport. «Sie fliegen nicht immer voraus, manchmal sind sie oberhalb des Gleitschirms oder nebenan. Es macht immer wieder Spass, mit ihnen zu fliegen.» Am Superfinale in Südamerika hatte Breitinger bis zu vier Stunden das Vergnügen, einen Tourguide um sich zu haben. «Stundenlang in der Luft zu fliegen ist nicht eine körperliche, sondern eine mental grosse Herausforderung. Ich muss immer fokussiert darauf sein, dass ich die Thermik perfekt erwische und vorne dabei bin, ohne dass ich die Sicherheit beim Fliegen vernachlässige», sagt das Mitglied des Delta- und Gleitschirmclubs Biel. Denn auch in einem Lauf habe die Sicherheit Priorität, sagt der Elektro-Ingenieur, der trotz eines 100-Prozent-Pensums schon ein paar Mal bewiesen hat, dass er in die Weltspitze fliegen kann.


Der Jura-Rekordhalter
Entspannen kann sich Breitinger beim Streckenfliegen. Sein längster Distanzflug führte ihn ins Wallis. 298 Kilometer glitt er durch die Luft. Rund elf Stunden dauerte dieser Flug. Bei dieser Variante des Gleitschirmfliegens ist er in der Regel mindestens doppelt so lange in der Luft wie an einem Wettkampf im Weltcup. Im Jura, einem seiner bevorzugten Fluggebiete, ist er oft anzutreffen. Im letzten Jahr stellte er mit 240 km gar einen Jura-Strecken-Rekord auf. Seine Route führte ihn vom Weissenstein über Frankreich und wieder zurück auf den Weissenstein. Neuneinhalb Stunden dauerte dieser Flug. Ein paar Energieriegel und zwei Liter Wasser reichten aus, um sich zu verpflegen. Wer eine solch atemberaubende Aussicht geniessen kann, kommt offenbar kaum zum Essen und zum Trinken.

Das weitere Programm
Dominik Breitinger wird von nun an vor allem Wettkämpfe in der Schweiz bestreiten. Im Weltcup geht es für ihn vom 8. bis am 16. Juni in China weiter. Zwischen dem 5. und dem 17. August wird der Seeländer in Nordmazedonien erstmals an einer WM teilnehmen. Vom 18. bis am 25. August finden die Schweizer Meisterschaften in Disentis statt. pss

 

Stichwörter: Dominik Breitinger

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