Sie sind hier

Abo

Serbien

«Heute bleiben wir nicht zuhause»

Für die ganze Familie Djuranovic aus Biel ist klar, dass Serbien den heutigen Match gegen die Schweiz gewinnt. Warum? «Wir haben das bessere Team», sagt der FC Madretsch-Trainer Duško Djuranovic.

Die Familie Djuranovic freut sich auf das heutige Spiel: Alexander und Marina mit Fahne, Duško, Kristina mit Hund Nala und Jozefina. Bild: Carole Lauener
  • Dossier

Andrea Butorin

Fragt man die Familie Djuranovic, dann ist klar, wer das heutige WM-Spiel gewinnt: 2:1 für Serbien tippen Duško und Jozefina. «Mein Vater sagt bestimmt das Richtige», sagt die 21-jährige Tochter Kristina und schliesst sich dem Tipp an. Einzig die 16-jährige Marina erwartet ein 2:2, weil sie lieber tiefer pokert und sich dann umso mehr freut, falls Serbien den Match für sich entscheidet. Am optimistischsten zeigt sich Alexander Djuranovic, Kristinas und Marinas 10-jähriger Cousin: «4:1 für Serbien!» Er schwenkt schon mal die rot-blau-weisse Flagge mit dem Doppeladler.

«Nala sollte eigentlich ein Schweizer Trikot tragen, sie ist schliesslich die einzige Schweizerin in der Runde», sagt Kristina Djuranovic und streichelt die Malteser-Hündin. Sowohl Kristina als auch Marina hoffen aber, dass es mit dem roten Pass bald auch für sie beide klappt: Seit drei Jahren warten sie schon darauf. Die in der Schweiz geborenen Schwestern möchten hier politisch mitreden können. «In Serbien dürfte ich zwar an Wahlen teilnehmen, aber das wäre für mich moralisch nicht richtig, weil ich nicht dort lebe», sagt Kristina.

Für den 46 Jahre alten Duško und seine Frau Jozefina ist die Einbürgerung kein Thema: «Ich bin zufrieden so», sagt die 47-Jährige. Obwohl sie sich bestens integriert fühlt und fast akzentfrei berndeutsch spricht, steht sowohl für sie als auch für ihren Mann ausser Frage, wo die Heimat ist. Den Töchtern habe sie stets vermittelt, dass sie Botschafterinnen für Serbien und stolz auf ihre Nationalität sein sollen. «Patriotismus ist schliesslich nicht gleich Nationalismus», fügt Kristina an.


Viele Tränen am Anfang
Dabei hat es das Land Serbien Ende der 80er-Jahre, als sowohl Jozefina als auch Duško – unabhängig voneinander und ohne sich zu kennen – in die Schweiz gekommen sind, noch gar nicht gegeben. Doch nach Titos Tod 1980 steuerte Jugoslawien unentwegt auf die Abspaltung der Teilrepubliken und dadurch auch auf den Krieg zu.

Duško Djuranovic folgte 1988 gemeinsam mit seiner Mutter und dem Bruder dem Vater nach Biel. Dieser fand hier Arbeit als Metzger, und der 16-jährige Duško begann, im Schlachthaus zu arbeiten. Harte Akkordarbeit sei das gewesen. Zudem plagte ihn das Heimweh: «Ich habe ein Jahr lang nur geweint.»

Seit zwei Jahren führt Duško Djuranovic nun die gleichnamige Metzgerei an der Murtenstrasse, zuvor war sein Vater dort zehn Jahre lang der Chef. Seine Spezialität sind 200-Gramm-Hamburger, verschiedene Würste und die Balkan-Spezialität Ćevapčići: Allesamt Produkte, die während der WM besonders gut laufen dürften.


Familie ist oft in Serbien
Jozefina Djuranovic ist aus Abenteuerlust in die Schweiz gekommen. «Heute wundere ich mich manchmal darüber, dass ich das gewagt habe, so ganz ohne Sprachkenntnisse.» Ihr Ziel war Adelboden, und so liess sie sich am Bahnhof beim Flughafen Zürich mit viel Mühe den Fahrplan dorthin erklären. Sie fand Arbeit im Pflegebereich. Diesem ist sie, die heute als Pflegedienstleiterin im Alterswohnheim Büttenberg arbeitet, treu geblieben.

Ihren Mann lernte sie 1992 «in einer der damals seltenen serbischen Diskotheken» kennen, und zwar in Meinisberg. Der Krieg war damals schon in vollem Gang, sodass an eine Rückkehr nicht zu denken war. So sind aus den ursprünglich geplanten «ein bis zwei Jahren» in der Schweiz für Jozefina  Djuranovic inzwischen 28 geworden.

Und das Heimweh? Die Familie reist oft nach Serbien, die Töchter haben dort einen eigenen Freundeskreis. Ausgrenzung erleben sie weder hier noch dort. Und doch ist spürbar, dass besonders Duško seine Heimat sehr vermisst. Wenn er dereinst pensioniert ist, möchte er es machen wie sein Vater: Dieser lebt heute grösstenteils in Bosnien, ohne aber das Daheim in Biel aufgegeben zu haben. Sie sei noch nicht so weit, sich darüber Gedanken zu machen, sagt Jozefina zum möglichen Leben nach der Pensionierung, schliesslich habe sie noch rund 20 Jahre zu arbeiten.

Fussball ist für Djuranovics ein mehr oder weniger wichtiges Thema: Duško spielte schon als kleiner Junge, und in der Schweiz schaffte er es nach Stationen in Mett und Lyss im solothurnischen Fulenbach und Oensingen bis in die 2. Liga. Die grosse Karriere blieb ein Traum.
 

Der FC-Madretsch-Trainer
Nach dem Rücktritt als Fussballer machte er die Trainer-Lizenz und übernahm den FK (Abkürzung für Fussballklub) Sloga, einen serbischen Verein in Biel, mit dem er von der fünften bis in die 2. Liga aufstieg. Der Erfolg bedeutete für den Club letztlich das Aus:_Wohl aus finanziellen Gründen gab der Vorstand 2016 den Rückzug bekannt.

Nun trainiert Duško Djuranovic die erste Mannschaft des FC Madretsch. Der Verein feiert nächstes Jahr sein 100-Jahr-Jubiläum und hofft, zu diesem Anlass in einem Jahr um den Aufstieg in die 2. Liga spielen zu können. «Der Aufstieg selbst ist aber gar nicht unbedingt das Ziel», sagt der Trainer.

«Seine» Clubs als Fan sind in Serbien der FK Partizan Belgrad und in der Schweiz der FC Basel. Jozefina Djuranovic verfolgt höchstens die Länderspiele, «mit Serbien an erster Stelle». Psychologiestudentin Kristina sagt, das Interesse, das sie als Kind für den Fussball aufgebracht habe, sei inzwischen geschwunden. Am stärksten teilt Marina, die die Fachmittelschule in Biel besucht, die Leidenschaft ihres Vaters und schaut mit ihm den einen oder anderen Match. Ihr Cousin Alexander kickt bei den D-Junioren des FC Azzurri und hofft: «Wenn ich gross bin, spiele ich bei Bayern München.»


Die stärkere Mannschaft
Warum also gewinnt heute Abend Serbien und nicht die Schweiz?_«Wir haben eine starke Mannschaft», so Duško Djuranovic. Die Kompetenzen und Talente der Einzelspieler schätze er höher ein als die der Schweizer. Ausserdem vermutet er, dass die Homogenität des serbischen Teams bezüglich der ursprünglichen Herkunft der Spieler einen positiven Einfluss auf das Spielengagement haben dürfte.

Der herausragendste Spieler sei Nemanja Matić, bei den Schweizern sei Stephan Lichtsteiner der grösste Kämpfer. Die Schweiz spiele zwar «nicht schlecht», aber Serbien habe die besseren Karten, «sofern im Kopf alles stimmt». Denn in einem seien sich die beiden Teams ähnlich: Gegen vermeintlich starke Gegner spielen sie gut, gegen schwache oftmals schlecht.

Die ganze Familie freut sich bereits auf den Match. «Heute bleiben wir nicht zuhause», sagt Marina Djuranovic. Sowohl sie als auch ihre Eltern, die sich mit Alexanders Familie zusammentun, werden den Match in einem der Bieler Public Viewings schauen.

Nachrichten zu Aktuell »