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Bieler Lauftage

Ein trauriger Tag und der Blick auf 2021

Laufsport 61 Mal seit 1959 hat der Bieler 100-km-Lauf stattgefunden. Unzählige Geschichten wurden geschrieben. Und die neuste und hoffentlich einmalige Episode ist bitter: Erster Ausfall wegen Corona. Ein Augenschein beim Start- und Zielgelände.

Läufer, Helfer und Funktionäre hoffen auf 2021. Bildquelle: Bieler Tagblatt/Mattia Code

Beat Moning
Um 22 Uhr am Startort, um 5 Uhr oder später wieder im Ziel, dazwischen unterwegs an Orten, an denen die Läufer auf ihrem beschwerlichen Weg mit Applaus begleitet werden. Das gehört zum jährlichen Programm vieler Personen rund um den Bieler 100-km-Lauf.
5. Juni 2020 – es ist ein trauriger Tag für den traditionsreichen Laufsport, für viele 100-Kilometer-Läufer, die fortan erklären müssen, dass sie in diesem Coronajahr die Strecke nicht meistern konnten.
Mitte März wurde der Anlass von den Organisatoren schweren Herzens abgesagt. Rechtzeitig, um hohe Kosten im Vorfeld vermeiden zu können. 520 Männer und 124 Frauen hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt gemäss Datasport über die 100 Kilometer angemeldet. Dazu 50 Stafetten in diversen Kategorien und viele weitere Läuferinnen und Läufer auf den restlichen Strecken. Eine Serie wird für manchen Sportler unterbrochen, Jubiläen können nicht bestritten und abgefeiert werden.
Der Worbener Fritz Nikles zum Beispiel wäre nach einem Unterbruch zum 15. Mal an den Start gegangen. «Ich hatte zuletzt einige Operationen, konnte aber nach meiner Pensionierung wieder gut trainieren. Ich wollte mir beweisen, dass es mit 66 Jahren noch möglich ist.» Nun muss auch er sich gedulden.
Debütantin muss warten
Um 17 Uhr treffen sich verschiedene Läufer, Funktionäre und OK-Mitglieder zu einem Spontantreff, Wetter hin oder her. Das Bedauern ist gross. Auch für die über 70-jährige Rosmarie Marolf, die den 100er schon 33 Mal absolviert und sich 35 Teilnahmen zum Ziel gesetzt hat. So oder so hätte sie nicht starten können. Die Bielerin stürzte vor einem Jahr nach der Zielankunft von einer Sitzbank und musste sich einer Rückenoperation unterziehen. «Ich habe mich noch nicht erholt und brauche nun einfach Geduld.» An der Zielsetzung aber hat sich nichts geändert. 2021 geht es zum 34. Lauf. Viel vorgenommen hat sich Trix Käch, die über Jahre in verschiedenen Funktionen bei den Lauftagen im Einsatz stand. Im letzten Jahr noch als Speakerin. «Ich bin mit dem 100er sozusagen aufgewachsen. Jetzt wollte ich ihn unbedingt einmal selber bestreiten.» Aus diesem Debüt wird vorerst nichts, dabei wäre sie nach zwei Verletzungen gut vorbereitet gewesen. «Diverse Streckenabschnitte habe ich zurückgelegt. Mein Plan stand fest. Am Tag der Absage habe ich geweint und auch dieser heutige Tag ist traurig.» Sie blickt nun wie viele andere auf 2021.
Kein Esplanade-100er
Wie Matthias Klotz, der beste Bieler Läufer der Gegenwart. Der Vierte von 2014, nur drei Minuten hinter dem Podest, will positiv bleiben. Aber: «Ich glaube, ich sitze an diesem Freitag um 22 Uhr einfach auf der Kongresshaus-Treppe und trinke ein Bier», sagte er im Vorfeld. Vor ein paar Wochen kündete er noch an, mit Kollegen 100 Kilometer auf der Esplanade zu laufen. «Die Bedenken, dass wir uns da plötzlich in einer zu grossen Gruppe treffen würden, waren aber zu gross.»
Ein Seeländer Sieg?
Inzwischen ist es kurz vor 22 Uhr. Die Spannung steigt, die Anspannung bei den Läuferinnen und Läufern ist in diesem Moment spürbar. Wäre spürbar. «Die Stille stellt keine Fragen, aber sie kann uns auf alles eine Antwort geben», lautet ein Zitat. Die Antwort in diesem Moment: Es gibt keine Lauftage 2020, keinen 62.100-km-Lauf von Biel nach Biel, keine magische «Nacht der Nächte», keine Überraschungssieger, keinen Jubel im Ziel, kein volles Festzelt.
Dennoch steht bis Redaktionsschluss die Frage im Raum: Kommen doch noch einige Unentwegte und starten inkognito? Auf Facebook wurde es da und dort angekündigt. Wenn auch eher in einer Umgebung nahe der eigenen Haustüre. Denn unterwegs von Biel nach Biel wartet niemand, auch kein Verpflegungs- oder Sanitätsposten, auch kein Besenwagen.
Um 23 Uhr liefen sie los
Unentwegte gab es in der Tat. Darunter mit Rolf Thallinger, der 2017 das Rennen in knapp siebeneinhalb Stunden gewonnen hatte, auch ein Seeländer Spitzenläufer. Sowie Ramon Casanovas, der vor einem Jahr in 8:07 guter Achter wurde. Los sei es gestern Abend um 23 Uhr, nach Redaktionsschluss, gegangen. Inklusive Begleiter auf Zweirädern.
Und wer hätte das Rennen nun gewonnen, wenn Corona nicht gewesen wäre? Ein Seeländer hätte es durchaus sein können. Thallinger, oder doch zum ersten Mal Klotz, der sich damit einen Lebenstraum erfüllen würde? Oder zur Überraschung aller ein Aussenseiter? Ramon Casanovas (Biel), Stephan Gerber (Lyss) und Andreas Zinni (Aarberg) figurierten 2019 immerhin in den Top 20.
Hoffen wir nun auf die Bieler Lauftage vom 10. bis 12. Juni 2021, auf den 62. Bieler 100er nach einem Jahr des virusbedingten Unterbruchs.

 

 

Wie viele Bundesgelder für die Lauftage?

Klar komme in dieser Woche neben der sonst schon vorhandenen Wehmut etwas mehr Trauer auf. «Es ist wie eine stark gebremste Euphorie», sagt Fränk Hofer, operativ für die Bieler Lauftage zuständig, zu diesen Tagen, in denen die Bieler Lauftage mit gegen 5000 Läuferinnen und Läufern aller Kategorien hätten über die Bühne gehen sollen. Mit dem Zusatz: «Als Unternehmer ist es ein Killer.»
Schnell kommt Hofer denn auch auf das Finanzielle zu sprechen. Die aufwendigen Eingaben beim Bund für eine Entschädigung sind inzwischen getätigt. Die Bieler Lauftage gehören ohne Zweifel zu jenen Anlässen, die zum Handkuss kommen müssten. Es geht letztlich um einen Ausfall von gegen 100 000 Franken. «Ich spüre viel Solidarität, wenn es um die schon einbezahlten Startgebühren geht», so Hofer. Dass es aber auch Läuferinnen und Läufer unter den rund 1000 Personen gibt, die ihr Startgeld zurückhaben möchten, kann der Geschäftsführer  ebenso verstehen. Noch aber kann das OK keine Versprechungen abgeben. Eine Rückerstattungen, oder Teil-Rückerstattung, hängt davon ab, in welcher Höhe der Bund die Ausfälle kompensieren wird.
Euphorie lässt Hofer in dieser Angelegenheit ebenso wenig aufkommen wie beim Faktum, dass er da und dort darauf hingewiesen wurde, dass einzelne Athleten den 100er am gestrigen Tag in Angriff nehmen wollten. «Dazu konnten wir nun wirklich nicht aufrufen. Das wäre ein kontraproduktiver Akt in dieser heiklen Angelegenheit, in der es auch um die Zukunft der Bieler Lauftage geht.»
Übrigens: Ein virtueller 100-km-Lauf stand nur kurz zur Diskussion. «Wir haben intensiv darüber diskutiert, ob es eine alternative Form geben könnte.» Und das OK sei einstimmig zum Schluss gekommen, dass man nichts riskieren wolle. «Wir wollen nicht Läufer auf 100 Kilometer schicken, ohne dass wir die ganzen Sicherheitsvorkehrungen garantieren können. Wir sind der Meinung, dass all der Aufwand, der betrieben wird, uns auch in die Pflicht nimmt und wir ebenso bei einem virtuellen Rennen für die Sicherheit der Teilnehmer verantwortlich sind. Und da sind 100 Kilometer einfach sehr speziell», so Fränk Hofer zu dieser Thematik. bmb

Kommentare

jost.rindlisbacher

Ja das Läufer Herz Blutet. Und die Stimmung vor dem Kongresshaus um 22 H war dementsprechend gedämpft.


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