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«Die richtigen Prüfungen kommen erst noch»

Mit dem heutigen Heimspiel gegen Rumänien endet das Jahr 2019 für das Frauen-Nationalteam. Captain Lia Wälti schaut zurück auf eine bewegte Zeit, die Veränderungen und Trauer brachte, und sagt, um was sie die Männer nicht beneidet.

Lia Wälti will mit starken Leistungen dafür sorgen, dass der Frauenfussball mehr Aufmerksamkeit bekommt - vor allem auch in der Schweiz. Bild: Keystone

Gesellschaftspolitisch wird vom Jahr der Frauen gesprochen – aufgrund des Frauenstreiktags und der Erfolge bei den Parlamentswahlen im Oktober. War 2019 auch ein Jahr des Frauenfussballs?

Lia Wälti: Aus internationaler Sicht aufgrund der WM sicherlich. Dass sich etwas bewegt, hat man auch am Wochenende gesehen, als knapp 80_000 Zuschauer im Wembley das Spiel England gegen Deutschland verfolgten. Aus Schweizer Sicht war 2019 weniger ein Jahr des Frauenfussballs, weil wir am Turnier in Frankreich gefehlt haben.

Die WM hat viel Aufmerksamkeit generiert und Diskussionen weit über das Fussballfeld hinaus angestossen. Sind Veränderungen spürbar?

In meinem Alltag in England (Lia Wälti spielt bei Arsenal, die Red.) hat sich nichts geändert. An Medientagen kommen aber mehr Leute als vorher, die Zuschauerzahlen steigen seit Jahren, gelegentlich wird nun auch in Männerstadien mit teilweise über 30_000 Zuschauern gespielt. Das zeigt, dass der Frauenfussball interessiert, wir müssen ihn aber noch besser promoten. Wir haben attraktive Teams in der Liga wie Tottenham, Liverpool, Manchester United oder Arsenal – Namen, die Leute anziehen.

Sind diese Entwicklungen bei Ihnen in der Arsenal-Garderobe ein Thema?

Ja, wobei es spannend ist, wie verschieden es in den einzelnen Ländern zu und her geht. Bei den Holländerinnen ist extrem, was abgeht. Sie können nicht durch den Flughafen gehen, ohne 50 bis 100 Fotowünsche erfüllen zu müssen. Sie erleben eine komplett andere Welt. Bei ihnen ist es ähnlich wie bei den Männern, weil sie in letzter Zeit so erfolgreich waren. Das zeigt, dass es keine Rolle spielt, wie gross ein Land ist oder wie viele Einwohner es hat. In England hingegen sind die Spielerinnen relativ unbekannt.

Wäre so etwas wie in den Niederlanden auch in der Schweiz möglich?

Die Ausgangslage ist eine andere. Holland hat eine unglaubliche Fan- und Fussballkultur, wenn ein Turnier ansteht, ist die ganze Stadt orange. In der Schweiz gibt es zwar auch viele Fans, aber nicht so viele wie in anderen Ländern.

Was bedeutet das für die Schweizer Frauen-Nationalmannschaft?

Mit Erfolg gewinnt man Zuschauer. Wir müssen uns für die Endrunden qualifizieren, damit unsere Spiele live im Fernsehen übertragen werden und das Medieninteresse steigt. Wir müssen den Frauenfussball zu den Leuten bringen, mit unseren Leistungen den Startschuss geben, damit irgendwann die Medienpräsenz auch zwischen den Turnieren nicht verschwindet. Momentan ist es ein extremes Auf und Ab.

Sportlich ist die Mannschaft in der EM-Qualifikation mit drei Siegen in drei Spielen auf Kurs. Wo steht sie?

Wir haben einen guten Start hingelegt und bislang die Pflicht erfüllt. Die Mannschaft hat etwas Zeit gebraucht, auch weil zu Beginn viele Spielerinnen fehlten. Gegen Kroatien (2:0) hat in der ersten Halbzeit sehr vieles gut funktioniert, diese Leistung müssen wir nun regelmässig abrufen. Wir sind sicher weiter als im Januar. Wir haben eine interessante Mannschaft mit vielen jungen Spielerinnen, die bei guten Klubs spielen. Die richtigen Prüfungen kommen aber erst noch.

Seit 2019 wird das Team von Nils Nielsen betreut, der auf Martina Voss-Tecklenburg folgte. Was ist anders?

Fussballerisch nicht viel. Die Philosophie ist ähnlich, wir möchten viel Ballbesitz, schnell nach vorne spielen, viele Torchancen kreieren. Neben dem Platz sind die beiden sehr unterschiedliche Typen. Martina brachte uns die typische deutsche Mentalität bei, auf den Platz zu gehen und immer zu gewinnen wollen. Sie hat uns weniger Verantwortung übergeben. Bei Nils ist mehr Eigenverantwortung gefragt, er legt einen Rahmen fest, alles andere ist uns überlassen.

Wie hat das Team den Rücktritt von Captain Lara Dickenmann verkraftet?

Wir konnten uns daran gewöhnen, weil wir ja bereits im letzten Herbst auf sie verzichten mussten. Lara zu ersetzen ist individuell schwierig. Ihr Rücktritt ist aber auch eine Chance für junge Spielerinnen, eine wichtige Rolle im Team einzunehmen. Eine wie Géraldine Reuteler kann mit ihrem Können in die Fussstapfen von Lara treten.

Mit der Seeländerin Florijana Ismaili verstarb ein Mitglied des Teams im Juni bei einem Badeunfall. Wie sehr beschäftigt das Unglück die Mannschaft noch?

Im Team ist dies kein Thema mehr. Wir haben aber immer eine Kerze und Bilder von Florijana mit dabei. Und wenn jemand das Bedürfnis hat, darüber zu sprechen, kann sie dies jederzeit mit unserer Sportpsychologin tun.

Sie selber haben auch aufgrund einer Knieverletzung ein schwieriges Jahr hinter sich.

Obwohl ich die halbe Saison gefehlt habe und sich die Genesung lange hingezogen hat, überwiegen für mich die positiven Dinge. Ich bin sehr dankbar, dass ich die Komfortzone verlassen und den Schritt zu Arsenal (Im Sommer 2018, die Red.) gemacht habe. Wir sind verdient Meister geworden und jetzt in der Champions League. Eine Verletzung kann einen auch stärker machen, man lernt es zu schätzen, wenn man gesund ist und einem nichts weh tut.

Ihr Arsenal-Klubkollege Granit Xhaka löste vor zwei Wochen eine heftige Debatte aus, als er nach einer Auswechslung ausgepfiffen wurde und darauf mit abwertenden Gesten gegenüber den Fans reagierte.

Es tut mir leid für ihn. Er wurde seit Wochen unfair behandelt, eine solche Reaktion ist menschlich, auch wenn sie vielleicht nicht die richtige war. Ich war teils selbst im Stadion, als er ausgepfiffen wurde. Wenn die Fans nicht hinter dir stehen und dich zum Buhmann für die aktuelle Situation des Klubs machen, löst das in dir etwas aus. Ich hoffe, er kann die richtige Antwort geben und mit Leistung die Fans zurückgewinnen.

Sind solche Debatten die extremen Auswüchse des Männerfussballs?

Den Druck, den die Männer haben, kann man nicht nachempfinden. Ich fordere mehr Fortschritte für uns Frauen in gewissen Bereichen; mehr Zuschauer, mehr finanziellen Support. Aber diese Aufmerksamkeit, welche die Männer haben, ihr Geld und diesen Druck möchte ich nicht. Sie können kaum raus, ohne überall angesprochen zu werden. Dieses Leben kann zwar sehr schön sein, wenn es gut läuft – aber mental sehr schwierig, wenn es schlecht läuft. Interview: sda

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Ein weiterer Pflichtsieg ist gefordert

Im heutigen EM-Quali-Spiel in Schaffhausen gegen Rumänien (19 Uhr) will die Schweizer Frauen-Nationalmannschaft seine weisse Weste bewahren. Den Schweizerinnen ist der Start in die Qualifikation für die EM-Endrunde 2021 in England nach Mass gelungen: drei Spiele, neun Punkte, 9:0 Tore. Die schwierigen Aufgaben in der Gruppe H folgen für das Team von Nils Nielsen aber erst im kommenden Jahr, wenn die beiden Spiele gegen Belgien, den auf dem Papier stärksten Konkurrenten der SFV-Auswahl, sowie die Auswärtsspiele in Kroatien und Rumänien anstehen.

Ein Sieg im Heimspiel heute gegen Rumänien ist Pflicht. «Die Punkte werden uns aber nicht geschenkt», sagte Captain Lia Wälti. «Rumänien kann ein unangenehmer Gegner sein.» Gegen Belgien verloren die Osteuropäerinnen nur 0:1. Nationaltrainer Nils Nielsen zeigte sich vor allem von Captain Florentina Olar beeindruckt, die er aus seiner Zeit in Dänemark kennt: «Sie ist schnell, physisch sehr stark und kann mit ihrem linken Fuss fast alles.»

Die Schweizerinnen treten dennoch als klare Favoriten an, boten sie doch zuletzt Anfang Oktober beim 2:0 gegen Kroatien eine gute Leistung. «Wenn wir diese bestätigen können und noch effizienter im Abschluss sind, dürften wir keine Problem haben», so Wälti. sda

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