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WM 2018

Die «reiche» Schweiz spielt gegen die «arme»

Der aus Costa Rica stammende Adolfo Madrigal und seine beiden Töchter aus Biel werden heute Abend den mittelamerikanischen Staat anfeuern. Obwohl über 9000 Kilometer zwischen den beiden Ländern liegen, haben sie laut den dreien mehr gemein, als man denkt.¨

Melanie, Adolfo und Selina Madrigal (von links) spüren während der WM ihre costa-ricanischen Wurzeln noch stärker. Bild: Matthias Käser
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Hannah Frei

Zuerst die Niederlage gegen Serbien, dann diejenige letzten Freitag gegen Brasilien: Für Adolfo Madrigal und seine beiden Töchter Melanie und Selina aus Biel ist das Spiel Costa Rica gegen die Schweiz heute Abend die letzte Hoffnung. Obwohl Adolfo seit 27 Jahren in der Schweiz lebt und seine Töchter in Biel geboren und aufgewachsen sind, wird er heute Abend nicht die Schweiz, sondern Costa Rica anfeuern. «In diesem Land bin ich geboren und aufgewachsen. Daher schlägt mein Herz für Costa Rica», sagt er. Der 67-Jährige will die Hoffnung nicht aufgeben, dass sein Heimatland an der Fussballweltmeisterschaft nun endlich auch einmal siegen könnte.


Wegen der Liebe geblieben
Adolfo Madrigal stammt aus Heredia, einer Stadt in der Nähe der costa-ricanischen Hauptstadt San José. Wegen seiner Arbeit bei der costa-ricanischen Botschaft kam er 1991 in die Schweiz. Eigentlich hätte er nach den vorgesehenen vier Jahren wieder zurückgehen wollen. Aber dann kamen die Liebe und zwei Töchter, weshalb er sich entschloss, in der Schweiz zu bleiben.

Heute lebt er von seiner Frau getrennt und seine beiden erwachsenen Töchter wohnen gemeinsam in der Bieler Innenstadt. Adolfo ist seit zwei Jahren pensioniert. Seine ältere Tochter Melanie arbeitet als Pflegefachfrau im Pflegeheim Senevita Wydenpark in Studen. Für das Spiel am vergangenen Freitag gegen Brasilien hat sie extra freigenommen.

Mit Flaggen und einem costa-ricanischen Baseball-Cap ausgerüstet, haben die drei das Spiel beim Public Viewing in Nidau verfolgt. Schwester Selina Madrigal arbeitet als kaufmännische Angestellte, zurzeit bei der Feldschlösschen Getränke AG in Biel.
Schon in seiner Kindheit hat Adolfo Madrigal den Fussball geliebt, ob beim selber Spielen, oder von der Zuschauertribüne aus. «Fussball spielt man in einem Team, mit viel Emotionen und Herzblut. Jedes Spiel ist daher einzigartig», sagt er. Heute schaut Adolfo Madrigal besonders gerne Fussball mit seiner Tochter Melanie. Und das gehört laut ihr auch zur Lebensart der Costa-Ricaner. «Bei uns ist Fussball die wichtigste Sportart», sagt sie.

Während der WM seien in Costa Rica gar alle Läden, alle Lokale oder Institutionen geschlossen, wenn ein Spiel ihrer Mannschaft läuft. Und alle Bewohner würden sich in den Strassen treffen, um gemeinsam zu feiern und das Spiel zu schauen. «Es ist fast wie an der Bieler Braderie», sagt Melanie Madrigal.

Ihre Schwester Selina hingegen ist abgesehen von der WM wenig interessiert an Fussball. «Doch wenn Costa Rica oder die Schweiz sich für eine solch wichtige Meisterschaft qualifizieren, werde auch ich vom Fan-Fieber angesteckt», sagt sie.


Zwischen Stuhl und Bank
Im November waren die drei zum ersten Mal gemeinsam in Costa Rica. Dort haben sie auch die WM-Qualifikation zusammen geschaut. Dass Costa Rica ausgerechnet in der gleichen Gruppe wie die Schweiz spielt, gefällt Melanie Madrigal jedoch keineswegs. «Da auch Brasilien in dieser Gruppe ist, mussten wir uns schon damals damit abfinden, dass entweder die Schweiz oder Costa Rica nicht weit kommen wird», sagt sie.

Gerne hätte sie die beiden Länder gemeinsam zumindest im Achtelfinale gesehen. Beim Spiel heute Abend wird sie Costa Rica jedoch etwas mehr anfeuern als die Schweiz. Ihre Schwester Selina Madrigal fühlt sich zwischen Stuhl und Bank in Bezug auf das Spiel heute Abend. Aber auch sie würde lieber Costa Rica jubeln sehen. «Ich kann mir vorstellen, dass die Schweizer bei einer Niederlage weniger lang traurig wären als die ‹Ticos›», sagt sie.

Grundsätzlich seien die drei aber nur schon glücklich, dass es Costa Rica bis nach Russland geschafft hat. Dies hätten sie sich vor den Qualifikationsspielen nicht einmal zu träumen gewagt. Denn im Vergleich zu den anderen grossen Fussballnationen in Süd- und Mittelamerika liegt Costa Rica eher hinten in der Rangliste. Und schon durch die Teilnahme an der WM profitieren laut Adolfo Madrigal nicht nur die Fussballfans, sondern auch die Wirtschaft.

Der Tourismus ist einer der Haupteinnahmequellen von Costa Rica. Bei der letzten WM vor vier Jahren habe das mittelamerikanische Land laut Melanie Madrigal in der Schweiz an Bekanntheit gewonnen. «Und wenn Costa Rica in diesem Jahr wieder gut spielt, wird es wohl wieder zu mehr Tourismus führen und damit zu mehr Einnahmen für das Land», sagt sie.


Die Schweiz Mittelamerikas
Die Berge, die politische Neutralität und die Demokratie, das alles findet man laut Adolfo Madrigal nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Costa Rica. «Die beiden Länder haben mehr gemeinsam als viele Schweizer denken würden», sagt er. Es gibt gar einen Distrikt im mittelamerikanischen Land, der «La Suiza» heisst. Und Tochter Melanie habe bei ihrem letzten Besuch in Costa Rica schwarz-weisse Freiburger Kühe gesehen.

Aus diesen Gründen wird Costa Rica oft als die Schweiz Mittelamerikas bezeichnet. Laut Selina Madrigal habe sie sich, anders als in den ärmeren Nachbarländern Costa Ricas, dort immer sicher gefühlt. Dass die beiden Länder gar nicht so verschieden sind, habe sie sofort gespürt, als sie vor zwei Jahren zum ersten Mal dort war. «Mir kam alles so bekannt vor, als wäre ich schon einmal dort gewesen», sagt sie. Ihr Vater fasst dies folgendermassen zusammen: «Ich bin in der armen Schweiz geboren, und dann in die reiche Schweiz gezogen.»

Falls Costa Rica nicht weiterkommen wird, ist die Schweiz aber Adolfo Madrigals zweiter Favorit. Hier fühle er sich heute sogar mehr zuhause als im mittelamerikanischen Kleinstaat. Denn in den letzten 25 Jahren habe sich Costa Rica so stark verändert, dass er das Land manchmal kaum wiedererkenne. «Für mich ist alles neu, wenn ich in mein Heimatdorf in Costa Rica reise», sagt er. Der Flughafen, die Menge Touristen, die Arbeitsweisen und gar die Häuser. Deshalb freue er sich nach einer Costa-Rica-Reise auch immer darauf, wieder in die Schweiz zurückzukommen.


Mit Costa Rica verbunden
Die ältere Tochter Melanie Madrigal ist nun bereits sechsmal nach Costa Rica gereist, das erste Mal als kleines Kind. Mit ihrem Vater sprechen die beiden meist spanisch. Ihre Heimat ist jedoch ganz klar die Schweiz. Trotzdem fühlen die beiden jungen Frauen eine starke Verbundenheit mit dem über 9000 Kilometer entfernten Land.

Diese Verbundenheit sei für sie während der WM-Zeit noch stärker spürbar. «Zurzeit bin ich besonders stolz darauf, costa-ricanische Wurzeln zu haben», sagt Melanie Madrigal. Denn sie kenne nur wenige Costa-Ricaner im Seeland. An der WM entdecke sie dann ihresgleichen mit der costa-ricanischen Flagge in den Händen bei einem Public Viewing oder in den Bieler Strassen. «In solchen Momenten fange ich an, mich meiner kulturellen Wurzeln zu besinnen und diese stärker zu spüren», sagt sie. Auch die Tatsache, dass Costa Rica gegen die Schweiz spielen wird, verstärke diese Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft.

Wenn die drei über Costa Rica sprechen, beginnen sie sofort zu schwärmen, von der Vielfalt der Früchte, den wilden Tieren und den Pflanzen. Und doch gibt es etwas, was sie am Leben in Costa Rica nicht mögen: der frühe Sonnenuntergang. Bereits um 18 Uhr muss man dort im Dunkeln zu Abendessen. «Zudem grilliert dort niemand, nur Schweizer Auswanderer», sagt Selina Madrigal. Deshalb sei sie froh, das Spiel heute Abend noch bei Sonnenlicht und einer gemeinsamen Grillade in Biel und nicht im Dunkeln in Costa Rica schauen zu können.

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