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Samstagsinterview

«Die Lauberhornrennen waren für mich wie ein Wimbledon-Final»

Nach 21 Ausgaben war Schluss: Die Lauberhornrennen finden heuer ohne die Stimme von Speaker Dagobert Cahannes statt. Der Grenchner arbeitet noch seinen Nachfolger ein, morgen wird er dann verabschiedet und geehrt. Mit dem BT blickt Cahannes zurück auf die vielen Begegnungen in all den Jahren.

Dagobert Cahannes. Foto: Raphael Schaefer

Interview: Bernhard Rentsch

Dagobert Cahannes: Seit Mittwoch erklingt am Lauberhorn, «Ihrem» Skiweltcup-Berg, die Speakerstimme von Rainer Maria Salzgeber. Fehlt der Klang der eigenen Stimme nicht?
Dagobert Cahannes: Ich bin an sich ein sehr rationaler Mensch, der auch mal etwas zurücklassen kann. Es gibt also keine grossen Tränen.

Dennoch, ganz ehrlich: Auch bei einem Speaker schwingt immer eine Portion Selbstdarstellung und Selbstinszenierung mit. Der Schritt ins Ungehörte ist nicht ganz ohne?
Nochmals: Ich bin nicht einer, der sich in den Vordergrund drängt. Ganz bewusst habe ich auch nie das Kameralicht gesucht, sondern mich eher im Hintergrund aufgehalten. Das habe ich auch bei meiner Tätigkeit als Medienbeauftragter der Solothurner Regierung so gehandhabt. Ich bin der Typ, der sich im Restaurant so hinsetzt, dass er eher nicht gesehen wird.

Nicht ausweichen können Sie akustisch: Mit Ihrer Stimme wurden Sie – zumindest hinter dem Mikrofon – als Speaker zu einer Marke. Macht das stolz?
Ich bin mir schon bewusst, dass ich über eine geeignete Mikrofonstimme verfüge und damit eine gewisse Bekanntheit erlangt habe. Dazu gibt es eine lustige Anekdote: Auf dem Weg zu einer Sportveranstaltung hatte ich mich verfahren und musste mich irgendwo im Nirgendwo nach dem Weg erkundigen. Eine sehr betagte Bauernfrau, die mich ganz bestimmt noch nie gesehen hatte, half mir weiter – und sie erkannte meine Stimme von ihren Besuchen am Schwingfest.

Und wenn jemand Ihre Stimme oder Ihre Arbeit als Speaker nicht so toll fand?
Wer glaubt, alle würden ihn gut finden, ist gewaltig auf dem Holzweg! Ich wurde nur einmal persönlich bei einem OK angefeindet, fand dann aber heraus, dass der Absender eigentlich mit der Solothurner Regierung nicht zufrieden war und seinen Frust auf diesem Kanal loswerden wollte.

Reaktionen zu Ihrem Ostschweizer Dialekt gab es nie?
Nur einmal, ganz am Anfang meiner Speakerlaufbahn: An einem Stabhochsprung-Meeting mitten in Bern störte sich einer, weil nicht Berndeutsch gesprochen wurde. Die gleichen Kritiken sind gegen den Walliser Dialekt von Salzgeber am Lauberhorn zu hören. Diese Zuschauerinnen und Zuschauer stellen aber fest, dass sich «Salzi» in Wengen der schriftdeutschen, französischen und englischen Sprache bedienen muss.

Womit wir wieder in Wengen sind: War Ihr Rücktritt als Speaker nach 21 Jahren freiwillig?
Absolut. Auch aufgrund meiner gesundheitlichen Probleme habe ich meinen Rücktritt bereits seit Längerem mit dem OK besprochen. Eigentlich sollte nach 20 Einsätzen Schluss sein, es gab dann wegen noch offenen Nachfolgefragen eine Zugabe. Ich werde in diesem Jahr 69 Jahre alt – da ist es Zeit, kürzerzutreten. Ich helfe nun noch beim Einarbeiten meines Nachfolgers. Dabei bin ich stolz, einen so bekannten Mann wie Rainer Maria Salzgeber an meiner Position zu wissen. Ich unterstütze ihn da, wo er will. Dann bin ich weg.

Was werden Sie nach dieser Abschiedswoche in Wengen vermissen?
Es gab enorm viele wertvolle Begegnungen und Bekanntschaften. Ich kenne mittlerweile jeden pensionierten Polizisten, der während den Renntagen in Wengen hilft, nach dem Rechten zu schauen. Am meisten fehlen wird mir aber mein engstes Team. Wir haben über Jahre eine Zusammenarbeit aufgebaut, die weit über den Job hinausgeht. Wir waren ja auch immer eine Woche lang zusammen – dies ist ein grosser Unterschied zu anderen Aufträgen, bei denen der Einsatz in der Regel nur einige Stunden dauerte.

Worauf können Sie verzichten?
Da gibt es eigentlich nichts, was mich störte. Es gibt auch niemandem, dem ich nicht mehr unbedingt begegnen möchte. Ausser vielleicht: Kein Freund wurde Body Miller – aber mit dem amerikanischen Exzentriker hatten eigentlich fast alle ihre Mühen. Er war kein zugänglicher Typ und hatte stets spezielle Wünsche.

Wie viel haben Sie eigentlich als Speaker verdient?
Das Speakern war für mich immer ein Hobby. Neben Unterkunft und Verpflegung war ich stets mit einem kleinen Honorar und einer vernünftigen Spesenentschädigung zufrieden. Viele Helferinnen und Helfer sind bei Sportveranstaltungen ehrenamtlich im Einsatz – weshalb sollte sich da der Speaker eine goldene Nase verdienen? Da war ich immer konsequent. Die Pauschale galt dann immer auch für sämtliche Vorbereitungsarbeiten, die mich häufig während des ganzen Jahres oder im Fall des Lauberhornrennens zumindest die ganze Skisaison lang beschäftigten. Wie das andere handhaben, weiss ich nicht.

Sie sprachen von vielen wertvollen Begegnungen und Bekanntschaften. Dazu gehören auch viele prominente Persönlichkeiten. Wer bleibt Ihnen besonders in Erinnerung?
Da gibt es unzählige – und ich würde vielen unrecht tun, wenn ich Einzelne herausstreiche. Zwei Erinnerungen mit Topsportlern sind mir aber besonders in Erinnerung geblieben. Zum einen der Abschied des zweifachen Wengen-Siegers Stephan Eberharter. Nach der Siegerehrung der Abfahrer ist es üblich, dass die Rennfahrer sofort verschwinden, um rasch die Heimreise antreten zu können. Der Österreicher Eberharter kehrte aber wenig später auf die Bühne zurück – mitten in die Auslosung für den Slalom. Etwas überrascht fragte ich ihn, ob er etwas verloren habe. Sein «nein, ich habe vergessen, mich von dir zu verabschieden» liess mich dann doch etwas verdutzt zurück. Oder zum anderen Marcel Hirscher, dessen kräftiger Händedruck unverwechselbar ist – der aber für meine arthrose-geplagten Finger etwas zu stark ist. Der Weltcup-Überflieger erinnert sich seit vielen Jahren daran und begrüsst mich rücksichtsvoll nur mit der entgegengestreckten Faust. Solche Details vergesse ich nie.

Was ist die wichtigste Aufgabe eines Speakers an einem Skirennen?
Er ist Repräsentant und Stimme des OK – es ist die einzige Möglichkeit für das OK, mit allen Involvierten entlang der Strecke in Verbindung zu bleiben. Dazu gehört auch eine gewisse sittliche Reife, einer meiner Lieblingsausdrücke.

Was meinen Sie damit?
Es ist die Mischung aus Seriosität und Information mit einer Prise Humor. Ich bin bekannt für den einen oder andern träfen Spruch. Dieses Stilmittel muss man aber sehr dosiert einsetzen. Als Speaker ist man nicht Moderator oder Unterhalter. Und Humor verstehen ohnehin nicht alle gleich. Es braucht auch immer Respekt vor den Aktiven, und zwar vor allen. Die gute Laune des Publikums darf zum Beispiel nicht nachlassen, wenn ein schneller Österreicher ins Ziel kommt. Da hat man als Speaker eine wichtige Aufgabe.

Sie waren in vielen Sportarten am Mikrofon. Gibt es Unterschiede bei den Einsätzen im Fussball, Reitsport, Schwingen oder Skifahren?
Beim Schwingen konnte ich während meinen insgesamt neun Einsätzen am Eidgenössischen eine gewisse Tradition aufbauen und einen eigenen Stil hineinbringen. Beim Skirennen geht alles sehr schnell, es braucht viel Konzentration. Parallel zum Speakern hört man am Funk der Rennleitung und am Funk des OK mit. Bei einem Rennunterbruch zum Beispiel muss man sehr schnell reagieren. Überall gilt, dass man nicht zu viel spricht. Als Speaker darf man sich nie in den Mittelpunkt stellen. Man ist nicht wichtiger als die vielen Helferinnen und Helfer. Am Lauberhorn habe ich jeden Morgen als Erstes die Helfenden begrüsst und ihnen gedankt.

Zum Skisport gehört das Risiko von Unfällen und Verletzungen. Wie gingen Sie mit der Tatsache um, im Rahmen eines Krisenmanagements eine wichtige Rolle zu übernehmen?
Bei Grossveranstaltungen wie dem Lauberhornrennen gibt es ein sehr professionelles Sicherheitskonzept. Alle möglichen Fälle sind erkannt und organisatorisch vorbereitet. Die entsprechenden Durchsagen sind im Vorfeld aufgenommen, um in hektischen Situationen Fehler zu vermeiden. Da hat dann auch nicht mehr der Speaker den Lead. Ansonsten gilt wieder: sittliche Reife. Bei Stürzen stellen wir sofort die Musik oder Werbung ab und heizen sicher nicht zusätzlich die Stimmung an. Kommuniziert werden aber nur gesicherte Informationen, bis der Fahrer im besten Fall mit Handzeichen Entwarnung geben kann oder die Rennleitung das Rennen wieder freigibt. Wirklich dramatische Situationen wie der Todesfall des jungen Österreichers Gernot Reinstadler 1991 gab es während meinen Einsätzen aber zum Glück nie.

Andererseits ist es wohl verpönt, zu sehr als Landsmann der Schweizer aufzutreten und sich bei einem Sieg eines Einheimischen überschwänglich zu freuen?
Als Speaker ist man neutral und würdigt jede Leistung mit Respekt. Skirennen-Zuschauer und -Zuschauerinnen gelten generell als sehr fair, da gibt es nie Probleme. Da werden Athleten aller Nationen angefeuert und bejubelt.

Welches waren Ihre liebsten Speakereinsätze?
Ich durfte an sehr vielen tollen Anlässen dabei sein. Die Lauberhornrennen waren mein Höhepunkt als Speaker. Es war für mich jeweils wie ein Wimbledon-Final. Also quasi die Krönung meiner Laufbahn.

Gibt es einen Anlass, bei dem Sie gerne einmal als Speaker mitgewirkt hätten, für den Sie den Zuschlag aber nie erhielten?
Ich hatte das Glück, die schönsten Anlässe – auch im Ausland – mitgeprägt haben zu können. Es fehlt mir nichts und ich kann sehr zufrieden abtreten.

Man wird Sie gar nicht mehr hören?
Nein, ich habe per Ende letzten Jahres alle Mandate abgeschlossen.

Wie konnten Sie Ihre berufliche Tätigkeit als Medienbeauftragter der Solothurner Regierung und die Speakertätigkeit verbinden?
Grundsätzlich gab es da immer eine klare Trennung zwischen Beruf und Hobby. Die Speakeraufträge habe ich auch alle in meiner Freizeit ausgeführt und allenfalls mit Ferien oder Überzeit kompensiert. Natürlich konnte ich gegenseitig viel profitieren. Meine Rolle hinter dem Mikrofon lehrte mich vieles, das ich dann auch den Solothurner Politikerinnen und Politikern mitgeben konnte. Das eine oder andere Problem in Bezug auf Öffentlichkeitsarbeit wurde so vermieden. Dabei erinnere ich mich gerne an meinen Einstieg in Solothurn am 1. April 1997: Wegen spezieller Wahlkonstellationen wollte die Regierung einen unpopulären Entscheid bis nach einem zweiten Wahlgang zurückhalten. Ich war überzeugt, dass diese Zurückhaltung der falsche Weg ist und konnte die Regierung dann zu sofortiger Kommunikation überzeugen. Diese Haltung prägte alle meine beruflichen und nebenberuflichen Tätigkeiten. Nur so wird intern wie extern das Vertrauen bewahrt. Glaubwürdigkeit ist ein kostbares Gut, das auf korrekte Kommunikation angewiesen ist.

Sie wirken auch mehr als drei Jahre nach der Pensionierung äusserst engagiert – wie konnten Sie sich vom Berufsleben lösen?
Ich hatte sehr viel Respekt davor, nicht loslassen zu können. Deshalb habe ich mir selber einen politischen Infostopp während vier Monaten verordnet. Ich habe in dieser Zeit keine Zeitungen gelesen und Anfragen direkt an meine Nachfolgerin weitergeleitet. So glückte der Schritt weg vom Job gut.

Und nun haben Sie auch den kompletten Rückzug als Speaker bestätigt. So richtig loslassen scheinen Sie aber nicht zu können: In Grenchen haben Sie mit dem Feierabend-Talk «Ganz unger üs» ein neues Betätigungsfeld gefunden. Weshalb?
In der aus meiner Sicht verunglückten SRF-Dokumentation «Die schweigende Mehrheit» wurde Grenchen in ein derart schlechtes Licht gerückt, dass ich reagieren wollte und musste. Zusammen mit Kurt Gilomen habe ich spontan den Talk «Ganz unger üs» ins Leben gerufen. Wir unterhalten uns vom Oktober bis März jeden zweiten Mittwoch des Monats mit spannenden Gästen aus dem Sport- und Musikbereich. Das ist insbesondere Imagearbeit für Grenchen und orientiert sich an früheren Stammtisch-Gesprächen. Wir wollen ganz bewusst keine Politiker, Vertreter von Religionen oder Initiativkomitees als Gäste. Bisher waren die Veranstaltungen ein Erfolg. Wenn sie nicht mehr gefragt sind, hören wir sofort auf.

Einen Dagobert Cahannes im echten Ruhestand – wird es das einmal geben?
Ich glaube nicht. Bezüglich meines Gesundheitszustandes nehme ich mir zwar die nötige Zeit für Ruhe. Aber einen kompletten Rückzug? Wohl kaum. Die Katze lässt eben das Mausen nicht.
 

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