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Der Mann im Ohr ist bislang der WM-Star

Stell dir vor, es ist WM in Russland und fast niemand spricht über den Videobeweis. Der ehemalige Lysser Fifa-Schiedsrichter-Assistent Martin Iseli sagt, was der Weltfussballverband besser macht als die Bundesliga.

Die Schiedsrichter überzeugen an dieser WM. copyright: keystone
  • Dossier

Patric Schindler

Seit dem Anpfiff zur Fussball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien ist klar, dass es nie mehr an einer WM ein Wembley-Tor geben wird. Nie mehr kann am grössten Fussball-Turnier der Welt darüber diskutiert werden, ob der Ball nun von der Latte in vollem Umfang hinter die Linie gesprungen ist oder nicht. Die Torlinientechnik teilt dem Schiedsrichter umgehend mit, was Sache ist. Vier Jahre später folgt nun der nächste Schritt, um den Fussball gerechter zu machen.  Der Video Assistant Referee (VAR) feiert in Russland seine WM-Premiere.

Nachdem in der abgelaufenen deutschen Bundesliga-Saison der VAR erstmals getestet wurde und fast jedes Wochenende für Kritik sorgte, ist es seit dem Eröffnungsspiel vor acht Tagen in Russland erstaunlich ruhig. So ruhig, dass sich nicht einmal jene Kritiker zu Wort melden, die im Vorfeld des Turniers den VAR als noch zu wenig ausgereift taxiert haben. Manche Fussball-Experten warnten sogar vor einem Chaos, auf das sich die Fifa einstellen müsse. Der Testlauf in der Bundesliga sollte als abschreckendes Beispiel dienen, so die Kritiker. Die Uefa will den VAR noch prüfen und verzichtet zurzeit in seinen Wettbewerben auf den Einsatz dieses technischen Hilfsmittels. Falls das Experiment an der WM erfolgreich sein wird – schliesslich ist erst eine von vier Turnierwochen vorbei – dürfte es wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis auch an Europameisterschaften und in den kontinentalen Klub-Wettbewerben der VAR eingesetzt wird.

Ein Airbag für die Schiedsrichter
Martin Iseli, der frühere Ausbildungschef der Schweizer Schiedsrichter-Assistenten, war von Beginn weg für den Einsatz des Videobeweises. «Ich ziehe bislang eine sehr positive Bilanz dieses technischen Hilfsmittels. Im Gegensatz zur Bundesliga kommt der Videobeweis an der WM_nur dann zum Einsatz, wenn es sich wirklich um einen klaren Fehlentscheid handeln könnte. Der VAR dient quasi als Airbag für den Schiedsrichter», sagt der Lysser. Die selektionierten Unparteiischen seien bestens geschult und über eine längere Zeit auch vorbereitet worden. «Es ist ja nicht so, dass die Fifa dieses Hilfsmittel erstmals in einem seiner Wettbewerbe einsetzt. Getestet wurde es schon öfters an anderen Turnieren.»

Was die Bundesliga betrifft, müsse man schliesslich berücksichtigen, dass es sich um eine Testphase handelte. «In Deutschland wird man sicher die richtigen Schlüsse aus der ersten Saison mit dem Videobeweis ziehen. Dann wird er auch weniger umstritten sein», ist Iseli überzeugt.

Dass die Fifa von Beginn weg kommunizierte, dass der VAR nur bei Torsituationen, Penaltyentscheidungen, Roten Karten und Spielerverwechslungen bei Gelben Karten zum Einsatz kommt, habe sich nun ausbezahlt. «Wichtig ist, dass der Videobeweis nicht wegen einem Dutzendfoul in Erscheinung tritt.» Zudem habe der Weltfussballverband nicht nur mit den Unparteiischen auf dem Platz, sondern auch mit der Auswahl der 13 Video-Assistenten ein gutes Händchen gehabt hat. «Nicht jeder gute Schiedsrichter auf dem Rasen ist auch ein guter Video-Assistent», sagt Iseli.

Jeder VAR hat an der WM pro Spiel im sogenannten Operation Room, der sich in Moskau befindet, drei weitere Unparteiische als Unterstützung zur Verfügung. Letztlich entscheidet der Video Assistent Referee aber selber, ob er mit dem Schiedsrichter auf dem Rasen Kontakt aufnimmt, damit dieser eine Situation auf dem Monitor am Spielfeldrand nochmals überprüft, was an dieser WM bislang selten der Fall gewesen ist. In Moskau stehen den Unparteiischen 33 Kameraperspektiven zur Verfügung. «Das mag zwar gut tönen, aber man darf nicht vergessen, dass der VAR unter grossem Zeitdruck steht. Auch er kann mit seinen Assistenten nicht unzählige Male die Zeitlupe laufen lassen», sagt der ehemalige Fifa-Schiedsrichter-Assistent Iseli, der heute noch als Inspizient im Nachwuchsbereich im Einsatz steht.

Dresscode im Operation Room
Was macht ein guter VAR aus? «Er muss wie ein Schiedsrichter auf dem Terrain eine Spielsituation genau erkennen und relativ schnell einen Entscheid fällen.» Bislang habe die Kommunikation zwischen dem Schiedsrichter und dem VAR sehr gut geklappt. Iseli begrüsst es, dass die vier Unparteiischen im Operation Room in Moskau nicht in irgendwelchen Kleidern dort sitzen, sondern in Schiedsrichter-Trikots zu sehen sind. «Damit wird auch ein Zeichen gegen aussen gesetzt, dass das VAR-Team ein Teil des Spiels ist», erklärt der Seeländer. Pierluigi Collina, einer der besten Unparteiischen aller Zeiten und heute Schiedsrichter-Chef bei der Uefa, meinte kürzlich mit einem ironischen Unterton, dass die Unparteiischen vor den Monitoren auch schwitzen und es deshalb sinnvoll sei, wenn diese in Schiedsrichter-Trikots arbeiten würden.

Iseli glaubt nicht, dass die Schiedsrichter dank dem VAR mit weniger Druck als früher in ein Spiel hineingehen. «Der Druck ist trotz dieses Airbags genau gleich gross. Schliesslich muss am Schluss der Unparteiische auf dem Platz die Entscheidung treffen.» Unter den Unparteiischen habe er bislang keine kritischen Stimmen bezüglich des Videobeweises gehört. «Es kann doch nicht sein, dass die ganze Welt zu Hause vor dem Fernseher einen Fehlentscheid sieht, aber die Unparteiischen auf dem Rasen hingegen nicht. Wenn man ein technisches Hilfsmittel hat, das den Fussball gerechter macht, muss man es einsetzen.» Wann der VAR in der Super League erstmals zum Einsatz kommt, sei schwierig abzuschätzen. «Wohl frühestens in ein bis zwei Jahren», sagt Iseli. Und heute Abend, im Spiel zwischen Serbien und der Schweiz, hofft der Lysser, dass am Schluss bei seinem prognostizierten 2:0-Sieg der Schweiz über das Spiel und nicht über die Unparteiischen auf dem Rasen in Kaliningrad oder im Operation Room in Moskau gesprochen wird.

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Wer hat grünes Licht für den VAR gegeben?
Erst diesen Frühling hat das International Football Association Board (Ifab) den Videobeweis ins Regelwerk als Option aufgenommen. Jeder Turnierorganisator kann somit selber entscheiden, ob er das elektronische Hilfsmittel verwenden will. Der Ifab beschliesst Regeländerungen äusserst selten. Das Gremium gilt als konservativ, deshalb ist die Einführung des VAR nicht selbstverständlich. Die Ifab besteht aus vier Vertretern der Fifa sowie jeweils einem Vertreter von England, Nordirland, Wales und Schottland. Um neue Regeln einzuführen, braucht es eine Dreiviertel-Mehrheit. pss

Stichwörter: Martin Iseli

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