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Erinnerung

100-Kilometer-Lauf: Ich hasse dich, ich liebe dich!

Die Bieler Lauftage stehen vor der Tür. Eine Zeit, in der bei unserem Redaktor die Erinnerungen hoch kommen. Heute vor drei Jahren hat er den 100er zu Ende gebracht. Als Viertletzter. Rückblick auf eine Grenzerfahrung.

Der Anfang vom grossen Abenteuer: Starschuss zum 100-Kilometer-Lauf 2012. bt/a

Frage der Woche

Welchen Stellenwert geniesst bei Ihnen eine Läuferin/ein Läufer, die/der den 100-km-Lauf erfolgreich besteht?





von Parzival Meister

Ich kann kaum noch stehen. Ich habe Schmerzen. Die Knie schmerzen, die Füsse, die Waden, die Schenkel. Ich bin nicht nur erschöpft, ich bin am Ende. Und trotzdem ist da dieses Glücksgefühl in mir. Ein Gefühl, wie ich es in meinem Leben noch nie gespürt habe. Ich umarme meine Mutter, meine Tochter springt mich an, ich drücke meine Kollegen – und ich habe Tränen in den Augen.

Ich erinnere mich noch genau an den heutigen Tag vor drei Jahren. Es war der  9. Juni 2012, 18.25 Uhr, als ich nach fast 21 Stunden Fussmarsch die Ziellinie vor dem Bieler Kongresshaus überquerte. Als Viertletzter kam ich ins Ziel des 100-Kilometer-Laufs. Und dennoch war ich so stolz, als hätte ich gerade olympisches Gold gewonnen, als mir die Finisher-Medaille überreicht wurde.

Es war eine Schnapsidee. Irgendwann im Winter 2012 diskutierten ich und ein Kollege bei ein paar Gläschen Vieille Prune über unser Alter, beziehungsweise über die bevorstehenden Geburtstage. Die 30 stand damals kurz vor der Tür. Und wir nahmen uns etwas vor: In diesem  Jahr, in dem wir 30 Jahre alt werden, absolvieren wir den 100-Kilometer-Lauf von Biel.

Enthusiastisch startete ich mein Training. Ich fing an zu joggen. Zwei bis drei Mal in der Woche. Ich hatte ein Ziel vor Augen. Vier Monate Zeit, mich auf den 100er vorzubereiten. Leider, muss ich sagen, verflog die anfängliche Euphorie. Und die Trainingsabstände wurden grösser. Dann der grosse Rückschlag: Zwei Monate vor dem Lauf zog ich mir eine Entzündung im Knie zu. Der Doktor verschrieb mir Schonung, kein Joggen mehr.

Auch wenn mir der Ehrgeiz fehlt, ein solches Training langfristig durchzuziehen, habe ich doch eine Charaktereigenschaft, die mich meinen Plan nicht fallen liess: mein Dickschädel. Ich hatte gesagt, ich mache den 100er, also mache ich ihn. Punkt. Ich absolvierte zwei Wanderungen à zirka 20 Kilometer und trainierte zu Hause meine Beine.

Dann war es soweit. Dass ich mies vorbereitet war, wusste nicht nur ich. Aus meinem Umfeld hörte ich nur: Das packst du nie und nimmer. Brich das Projekt ab. Nur meine Mutter machte mir Mut. Egal, ich war nun noch motivierter, das durchzuziehen. Ich schloss mit drei Leuten Wetten ab, dass ich es packen werde.

Und es fing auch ganz gut an. Ich und mein Kollege hatten die erste Etappe, Aarberg, hinter uns. Wir marschierten, von Anfang an. Da ist so ein Halbmarathon keine grosse Sache. Aber schon bei Kilometer 30 fiel ich in mein erstes Loch. Die Blasen wurden immer grösser. Das Knie begann zu Schmerzen. Erste Anzeichen eines „Wolfs“ machten sich bemerkbar.

Von da an war es ein Auf und Ab. Mal ging es mir blendend, mal miserabel. Mal ging es meinem Kollegen gut, mal ging es ihm schlecht. Wir spornten uns an. Lenkten uns mit Gesprächen ab. Wir fanden immer neue Wegbegleiter, lernten viele Leute kennen. Ein paar Kilometer mit einem 70-jährigen Pilger, dann mit einer jungen Walkerin, zeitweise mit einem Wanderverein.


Die Hälfte ist geschafft. Hier konnten wir noch Lachen.

Doch gegen die Abnutzungserscheinungen half nichts von all dem. Bei Kilometer 70 war ich definitiv am Ende. Mein Körper war auf so etwas schlichtweg nicht vorbereitet.  Wegen meinem Knie habe ich Schmerzmittel und Entzündungshemmer geschluckt. Und als mein Wegbegleiter mir offenbarte, er steige aus, sein Bruder hole ihn jetzt ab, fiel ich in ein noch tieferes Loch. Kurze Zeit später war sein Bruder schon da, mit dem Auto, und öffnete mir die Tür. Steig ein, steig ein, brüllte mich mein Körper an. Doch es gab da eben noch diese Stimme: Du hast gesagt, du schaffst das. Also los!

Ich drückte meinen Kollegen und sagte ihm, ich könne jetzt nicht aufgeben. Mein Kopf liess das nicht zu. Also zog ich weiter. Alleine. Emotional total aufgelöst. Ich checkte mein Handy, lass die die vielen Nachrichten von Freunden, die mir Mut zusprachen. Der simple Satz „Ich glaube an dich“ trieb mir die Tränen in die Augen. Ich telefonierte mit Kollegen, ersuchte sie um Hilfe. Ich könne das nicht alleine. Ein guter Freund setzte sich aufs Velo und radelte mir entgegen, um mich den Rest der Strecke zu begleiten. Wir trafen uns in Arch. Und plötzlich war ich wieder voll da. Ich sah Grenchen, meinen Wohnort. Von hier ist es noch ein Katzensprung bis Biel (mit dem Auto jedenfalls). Und ich hatte ja jetzt wieder eine mentale Unterstützung an meiner Seite.

Ich wusste, jetzt nur noch 15 Kilometer. Doch ich merkte auch, dass es eine gefühlte Ewigkeit dauerte, bis endlich das 10-Kilometer-Schild auftauchte. Zwei Mal unendlich dauerte es dann, bis ich beim 5-Kilometer-Schild ankam. Ich war nur noch am Humpeln. Jeder Schritt eine Qual. Hätte ich das Ziel nicht vor Augen gehabt, in diesem Moment hätte ich abgebrochen. Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so am Ende. Mein Begleiter sagte mir, ich müsse mir jetzt nichts mehr beweisen. Aber hey, man kann doch nicht 19 Stunden laufen, und dann so kurz vor dem Ende aufhören. Fünf Kilometer sind eigentlich keine grosse Distanz. Doch in diesem Moment… Ich schleppte mich weiter. Zwei Kilometer vor dem Ziel fiel ich zu Boden. Meine Kollegen halfen mir auf. Mittlerweile hatte ich zwei Begleiter. Ich stützte mich an ihnen ab und torkelte weiter. Es war kurz vor Zielschluss. Noch eine halbe Stunde, dann holt mich der Besenwagen ein. Schneller. Schneller. Zuschauer hatte es natürlich keine mehr, doch hie und da hörte ich ein „hopp hopp“. Unglaublich, wie gut solche Zurufe in diesem Moment tun. 100 Meter vor dem Ziel. Ich liess die Schultern meiner Kollegen los. Ich fühlte keinen Schmerz mehr. Ich fühlte gar nichts mehr. Mein Kopf war leer. Doch meine Beine bewegten sich weiter. Noch eine Kurve – und da war das Ziel. Der Speaker verkündete meinen Namen, Familie und Freunde umarmten mich, ich brach in Tränen aus.


Am Ende - und doch zufrieden. Dieses Bild wurde heute vor drei Jahren aufgenommen.

Kurz darauf setzte ich mich hin. Und ich konnte nicht wieder aufstehen. Die Tage danach ging ich an Krücken. Aber, ich lächelte.

Dieses Wochenende sind wieder Bieler Lauftage. Auf der Teilnehmerliste findet man meinen Namen nicht. Nie wieder. Dafür haben sich tausende andere Läufer eingeschrieben. Und ich ziehe vor jedem einzelnen von ihnen den Hut!
 

Machen Sie eigene Bilder und Videos der Bieler Lauftage? Schicken Sie sie uns an internet@bielertagblatt.ch

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