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Biel

Sei darauf vorbereitet, nicht vorbereitet zu sein

Der BT-Praktikant David Schnell beschäftigt sich nicht nur mit dem Schreiben, sondern ist auch ein begeisterter Fotograf und Filmer. Diese Woche veröffentlichte er sein neues Musikvideo. Er erzählt, was dabei alles schiefgegangen ist.

Kamera, Action: Die Bieler Musiker Aware Generation 777 bei den Dreharbeiten für «Lies». zvg/Pascal Mezenen

S onntag ist für viele der Tag, an dem sie entweder ihren Rausch ausschlafen oder sich entspannen, um sich auf die kommende Arbeitswoche einzustellen. Teilweise auch beides. Nicht so für mich. Neben Vollzeitbeschäftigung bei einer bekannten Regionalzeitung, man rate, habe ich noch meine eigenen Projekte. Zusätzlich zu Fotoarbeiten sind auch Videoarbeiten Teil dieser Nebenbeschäftigung.

Meine letzte Produktion machte ich für den Song «Lies» von Aware Generation 777, genauer gesagt für die beiden Bieler Musiker Scholar X und G Mello, die Teil der Formatierung sind. In besagtem Video behandeln sie ein stark gesellschaftskritisches Thema. Es geht darum, dass die kommende Generation in einer Welt aufwachse, in der sie mit Lügen und Halbwahrheiten zugeschüttet wird. Bebildert sind die Texte mit einem Video, das ein Gefühl von Imperfektion und starken Kontrasten vermittelt. Beide Strophen sind von Grund auf anders aufgebaut. So spielt der erste Teil von Scholar X nur in alten, imposanten Bauten, während die zweite Strophe von G Mello sich auf enge Gänge, das Moderne und Graffitis konzentriert. Durch das ganze Video zieht sich ein drittes Szenario. Diese hängt mit einem Nachrichtensprecher zusammen.

Zeitmanagement versus Kater

Wie eingangs erwähnt, beginnt mein Sonntag um 10.30 Uhr im Studio von «Telebielingue». Freundlicherweise hatte man sich bereit erklärt, mich dort drehen zu lassen. Beim Eintreffen vor Ort ist erst mal Warten angesagt — aufgrund fehlender Kommunikation war mir zu dem Zeitpunkt nicht bewusst, dass die Techniker erst später kommen. Als die freundliche Frau vor Ort eintrifft, erklärte sie mir alles Wichtige. Kurz darauf bin ich drehbereit. Nur etwas fehlt — die Protagonisten.

Eine weitere Stunde später sind alle vor Ort. Offenbar nutzten sie ihren bisherigen Sonntag zur Kater-Kur. Bereits hinter dem eigentlichen Zeitplan, der vorsichtshalber grosszügig bemessen wurde, legen wir los. Die Aufnahmen beanspruchen einiges an Zeit und mehrere Anläufe, bis alles wie gewünscht abläuft.

Im Fernsehstudio sind vier Szenen geplant: Einstellung Nummer eins ist über unserem «Nachrichtensprecher» während seiner Moderation, der anschliessend von Scholar X aus dem Bild geschmissen wird. In Einstellung zwei sieht man Scholar X, wie er den Refrain singt. Am Schluss der Aufnahme wird er von einem Sicherheitsbeamten aus dem Bild gezerrt. In Teil drei und vier sieht man, wie die Protagonisten den Nachrichtensprecher und den Sicherheitsmann aus dem Bild jagen und das Studio wieder übernehmen. Die Idee dahinter ist, dass über dieselben Kanäle, welche die kritisierte Beeinflussung zeigen, die Wahrheit verkündet wird. Diese werden bei einem späteren Dreh auf einem Fernseher flimmern, vor dem Kinder sitzen und diese Medien konsumieren.

Nach den Aufnahmen im Fernsehstudio flaniert die Drehcrew ein Gebäude weiter. Vom Communication Center direkt ins ebenfalls englisch bezeichnete X-Project. Hier entstehen zwei weitere Aufnahmen. Dank der Anschaffung eines sogenannten Gimbals, eine mit Motoren betriebene Stabilisierung für die Kamera, können ausgeklügelte und komplizierte Kamerabewegungen angenehm und flüssig aufgezeichnet werden.

So beginnt eine der Aufnahmen mit Blick auf ein Gemälde, dreht sich anschliessend während einer Abwärtsbewegung um 180 Grad und zeigt den zweiten Künstler, G Mello, wie er mit der Kamera vor der Nase und der Truppe im Rücken der Kamera nachläuft, die sich rückwärts durch den Gang bewegt.

Das war vielleicht ein Akt. Zusätzlich zu der vier Kilogramm schweren Kamera und Gimbal kam ein rund drei Kilo schweres, zweckentfremdetes Stativ, um die Kamera auf die richtige Höhe zu heben. Nicht abstellen, wie man es prinzipiell mit einem Dreibein gerne macht, sondern in der Hand haltend. Damit war es noch lange nicht vorbei mit Fitnesstraining.

Auf Nimmerwiedersehen

Nachdem diese Aufnahme im Kasten ist, begeben wir uns in das Untergeschoss des X-Projects. Während wir eine kurze Essenspause einlegen, steht eben genanntes Stativ während rund zehn Minuten unbeaufsichtigt am nächsten Drehset — und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Glück im Unglück, dass zumindest die Kamera samt Gimbal in Sicherheit war. Wenn etwas mühsam und unnötig ist, dann Material, das vom Set geklaut wird. Vor allem wenn dies jemandem gehört, der kostenlos aushilft. Andererseits sollte man immer das Material im Blick behalten. Teure Lektion. Ein kleiner Trost bleibt. Ohne Befestigungsplatte, die noch an der Kamera montiert war, bringt das beste Stativ nicht viel.

Bisher wäre der Zeitplan, zwar mit grosser Verspätung, nach wie vor aufgegangen. Da aber nun jede Minute langsam so wertvoll wird wie ein Fabergé-Ei, bringt die von mir veranlasste Suchaktion nach Stativ ohne Stativplatte leider keinen Erfolg, sondern einen nur noch knapperen Zeitplan ein.

Was schon von früheren Drehs bewusst war, bestätigte sich auch heute wieder: Sei darauf vorbereitet, nicht darauf vorbereitet zu sein. Improvisation und schnelle Entscheidungen sind gefragt. Aber trotzdem, es wird Zeit, weiter zu drehen. Am aktuellen Set drehen wir in einem Treppenhaus, das nur von hinten beleuchtet wird. Das bringt die Schwierigkeit mit sich, dass die dunklen Stellen im Bild kaum erkennbar sind. Wer schon einmal ein Foto von jemandem gemacht, der die Sonne im Rücken hat, weiss, wovon ich rede.

Ein Rennen gegen die Zeit

Als auch diese Szenen eingefangen sind, muss alles schnell gehen: Der nächste Termin steht in Solothurn an. Denn: Es ist 16.30 Uhr, in weniger als einer Stunde geht die Sonne unter. Die nächsten Aufnahmen finden draussen statt. Tendenziell wenig Zeit, aber es würde knapp reichen. Also auf zu den Autos und los — aber wo ist der Schlüssel? Unser Nachrichtensprecher, der sich mittlerweile als Chauffeur betätigt, findet ihn nicht mehr. Nach einer weiteren Suchaktion stellt sich heraus, dass ein anderer den Schlüsselbund versehentlich für seinen eigenen gehalten hat und in seiner Jacke hatte — Hoppla. Nochmals Glück gehabt. Jetzt aber los!

Nach 20 Minuten Fahrt nach Solothurn parkieren wir in der Tiefgarage hinter der St. Ursen-Kathedrale an und haben noch 15 Minuten Sonnenlicht. Also direkt zu der Treppe vor dem weissen Gotteshaus mit den goldenen Schriftzeichen, die dem geplanten Bild Tiefe verschaffen soll. Kamera anschalten und drehen, jede Sekunde ist wertvoll.

Solche Situationen sind das Letzte, das man sich wünscht, wenn man in Personalunion Aufnahmeleitung, Regisseur und Kameramann ist und später auch noch das Video schneidet — sie lassen sich jedoch kaum vermeiden, sind doch sehr viele Variablen im Spiel und, wie sich gezeigt hat, tauchen unerwartete Probleme immer dann auf, wenn es gerade nicht passt.

Doch an dieser Stelle ist noch lange nicht Feierabend. Nach den gerade erwähnten Aufnahmen vor der Kathedrale, sind nun jene im Inneren der Kirche dran. Diese sind zum Glück simpler, denn: Diese Aufnahmen sind nicht auf Ton angewiesen. Es sind keine Rap-Parts, sondern kurze Einspieler, um für Variation und einen dramatischen Effekt zu sorgen.

Zu guter Letzt ziehen wir wieder nach Biel, um das gedrehte Material zu sichten. Auch wenn man das Bild die ganze Zeit auf dem kleinen Bildschirm hinter der Kamera sieht, ist es am Computer der «Moment der Wahrheit», der entscheidet, ob mit dem vorhandenen Material arbeiten kann, oder die Speicherkarte am liebsten gleich Formatieren würde.

Doch ich habe Glück. Das Material ist gut. Auch wenn der Perfektionist in mir dazu drängt, alles neu zu machen, um es tausendmal besser zu machen, bleiben wir bei dem, was wir haben — und das ist gut so. Denn auch aus Fehlern lernt man viel, das beim nächsten Mal bewusst verhindert werden kann und somit insgesamt die Produktionsqualität steigert.

Das Musikvideo «Lies» finden Sie unter 
www.bielertagblatt.ch/videodreh