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Post verlagert von Schiene auf Strasse

Die Pakete der Post landen neu per Lastwagen in Thun. Dort sei die Logistik für eine Anlieferung per Schiene ungeeignet. Dies, da die Kunden eine immer raschere Sendung erwarteten.

Pakete nach Thun werden künftig mit Lastwagen statt wie bisher auf der Schiene angeliefert. Bild: Keystone

Yvonne Debrunner

In Härkingen SO betreibt die Post ein riesiges Paketzentrum neben Autobahn und Bahngleisen. Hier werden die Pakete für einen Grossteil der Deutschschweiz und das Tessin sortiert, bevor sie ihren weiteren Weg antreten. Jene Pakete, die nach Thun und ins Berner Oberland müssen, wurden bisher per Zug weitertransportiert. Täglich rollt ein Paketzug mit zwölf Eisenbahnwagen von Härkingen nach Thun. Doch damit ist bald Schluss: Die Post lässt die Pakete ab Mitte Oktober mit Lastwagen von Härkingen ins Berner Oberland bringen.

 

Unverständlicher Schritt
Die SBB bedauern den Entscheid, wie Sprecher Christian Ginsig mitteilt. Der Schweizerische Eisenbahner-Verband (SEV) fordert die Post auf, den Beschluss zu sistieren und mit SBB Cargo eine andere Lösung zu suchen. Dass ein Bundesbetrieb trotz Klimaerwärmung und schon dichtem Strassenverkehr Transporte auf die Strasse verlagere, sei unverständlich. Wie viele Lastwagen es braucht, um die zwölf Eisenbahnwagen zu ersetzen, gibt die Post nicht bekannt. Die tägliche Menge an Paketen schwanke, so Post-Sprecher Oliver Flüeler.

Während sich die Politik um eine Verlagerung von der Strasse auf die Schiene bemüht, geht der Trend bei der Post seit Jahren in die andere Richtung. Zwar zählt die Post immer noch zu den wichtigsten Kunden der SBB. Ein immer grösserer Anteil der Briefe und Pakete wird aber per Lastwagen verschickt.

Vor 20 Jahren transportierte die Post noch etwa drei Viertel ihrer Sendungen per Bahn. Um die Jahrtausendwende wurde dann die Postverteilung neu organisiert, was den Anteil der Schiene auf zwei Drittel reduzierte. Von den Paketen werden heute noch 60 Prozent per Bahn zwischen den drei grossen Paketzentren Härkingen, Frauenfeld und Daillens hin- und hergeschickt. Von dort finden 40 Prozent der Pakete ihren Weg per Bahn zu den kleineren Distributionsbasen.

 

Schnellere Lieferungen
Die Post verteidigt den Einsatz von Lastwagen mit den veränderten Bedürfnissen der Kunden: Diese erwarteten eine immer schnellere Lieferung, erklärt Post-Sprecher Flüeler. So sei im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte der Pakete per Priority verschickt worden. Dabei erfolgt die Zustellung am Folgetag. Vor 15 Jahren seien es noch weniger als 20 Prozent gewesen.

Zum Trend der Eilpakete tragen Online-Versandhändler wie Zalando bei, die mit einer schnellen Zustellung werben, etwa dem Next-Evening-Delivery, bei dem das am Vortag online erstandene Kleid schon zur Party am nächsten Abend angezogen werden kann.

Aus dem Entscheid für Lastwagen zwischen Härkingen und Thun lasse sich allerdings nicht schliessen, dass die Verlagerung auf die Strasse nun weiter vorangetrieben werde, heisst es bei der Post. Es handle sich dabei um eine Lösung für den Standort Thun. Dort seien die logistischen Prozesse seit Jahren unbefriedigend.

 

Ein kurzes Zeitfenster
Denn die Pakete fürs Berner Oberland müssten am Güterbahnhof Thun von der Bahn auf Lastwagen umgeladen werden. Dabei stünde nur ein kurzes Zeitfenster zur Verfügung, und das Umladen finde am frühen Morgen unter einem Dach im Freien statt. Künftig werden die Pakete für das Berner Oberland direkt per Lastwagen angeliefert.

Der Eisenbahner-Verband SEV fürchtet, dass der Entscheid bei den Rangierern in Thun zu weniger Arbeit und damit zu einem Stellenabbau führen könnte. Dies schliesst SBB-Sprecher Ginsig allerdings aus: «Grundsätzlich und schweizweit einheitlich gibt es bei den SBB keine Entlassungen aus wirtschaftlichen Gründen.»

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