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Bezahlsystem

Mit dem «Biel-Faktor» an die Kasse

Swatch nimmt einen neuen Anlauf: Mit «Swatch Pay!» lanciert die Uhrenmarke erneut ein kontaktloses Bezahlsystem. Mittelfristig sollen praktisch alle Uhren damit ausgerüstet sein.

Eine Swatch, mit der das kontaktlose Bezahlen möglich ist. zvg

Tobias Graden

Da trifft doch der Carlo Giordanetti, Creative Director von Swatch, am helllichten Tag an der Zürcher Bahnhofstrasse auf den Bieler Rapper Nemo. Die Freude scheint gegenseitig gross zu sein, so sehr, dass Giordanetti den Künstler spontan zu einem Tee zum Mitnehmen einlädt. Zwei Heissgetränke in Pappbechern, das kostet neun Franken, heisst es an der Kasse. «Switzerland…», kommentiert Giordanetti trocken – die beiden reden Englisch miteinander, man ist ja in «Zurich». Wie auch immer:Der hohe Preis mindert Giordanettis Laune nicht. Denn nun kommt sein Wow-Moment: Zum Bezahlen hält er einfach kurz seine Uhr ans Terminal, et voilà, schon ist’s getan. Nemo zeigt sich jedenfalls beeindruckt.

Das gab’s doch schon mal...
Dieses Treffen hat gestern tatsächlich stattgefunden – denn Swatch hat mit Hilfe des Rappers unmittelbar danach in seinem Laden an der Bahnhofstrasse sein neues Bezahlsystem «Swatch Pay!» vorgestellt. Wer nun denkt, das habe es doch schon mal gegeben, hat nicht ganz Unrecht. Im Juni 2016 nämlich war Carlo Giordanetti in ganz ähnlicher Funktion unterwegs. Damals hatte Swatch das Modell «Bellamy» vorgestellt. Diese Uhr verfügte über einen so genannten NFC-Chip («Near Field Communication»), der bereits damals das kontaktlose Zahlen wie bei einer entsprechenden Bankkarte ermöglichte – wer sie nutzte, blickte zumindest zu Beginn an den Kassen in verdutzte Gesichter des Verkaufspersonals.
Doch das System dahinter war umständlich und wenig benutzerfreundlich. Wer «Bellamy» zum Zahlen brauchen wollte, musste sie zuerst über ein eigens dafür eingerichtetes Konto bei der Cornèrbank mit Geld aufladen. Es dauerte jeweils einige Tage, bis das Geld auf der Uhr verfügbar war. Und auch mit der Zeit kamen keine weiteren Partner für das System hinzu. Dieses vermochte nicht zu reüssieren, Swatch stellte den Verkauf der «Bellamy» später still und leise ein.

Steuerung über die App
Daraus haben die Verantwortlichen in Biel gelernt. Auch wenn «Swatch Pay!» auf den ersten Blick ähnlich aussieht, sind doch zahlreiche Elemente des Systems geändert und verbessert worden. So funktioniert es nicht mehr nur mit bloss einer Partnerbank, sondern mit 80 Prozent der gängigen Bank- und Kreditkartenanbieter, wie es an der gestrigen Lancierung hiess. Noch nicht mit dabei ist Postfinance mit der Postcard, doch geht es nach dem Willen von Swatch, soll sich dies noch ändern. Die Uhr muss also nicht zuerst aufgeladen werden, sondern die Abrechnung erfolgt über die übliche Kreditkartenabrechnung.
Voraussetzung für die Nutzung ist eine entsprechend ausgerüstete Swatch-Uhr und der Besitz eines Smartphones. Zu Beginn ist nämlich der Download der «Swatch Pay»-App nötig, die Bezahlfunktion wird über diese freigeschaltet. Dazu ist kein umständlicher Anmeldeprozess nötig: Die Nutzerinnen und Nutzer können den gleichen Pin-Code wie bei der Kreditkarte verwenden. Wer kein Smartphone besitzt, muss sich anderweitig Zugang zur App verschaffen und diese beispielsweise auf seinen Computer runterladen. Nach der Aktivierung in einem Swatch-Store ist das System zur Nutzung bereit.
Die Bedienung über die App hat auch den Vorteil, dass die Bezahlfunktion der Uhr denkbar leicht gesperrt werden kann: mit einem Fingerwisch in der App. Im Falle eines Verlustes der Uhr – etwa durch Diebstahl – wird so die unberechtigte Nutzung innert Sekunden verhindert.

Auch unter Wasser möglich
Anders als bei «Bellamy» ist die Funktion auch nicht mehr an ein bestimmtes Uhrenmodell gebunden. Mittelfristig sollen sämtliche neuen Swatch-Uhren mit dem NFC-Chip ausgerüstet sein. Die Modelle der Kollektion «Skin» gehören zwar nicht dazu, da diese dafür zu dünn sind, die mechanischen «Sistem 51» dagegen schon. Eine Ausweitung der Funktion auf andere Marken der Swatch Group sei derzeit nicht geplant, hiess es gestern seitens Swatch.
Im Gegensatz zu Bezahlsystemen wie Twint oder Apple Pay, die mit dem Smartphone alleine funktionieren, braucht es für «Swatch Pay!» ein weiteres Hardware-Gerät, nämlich die Uhr. Abgesehen davon, dass Swatch natürlich Uhren verkaufen will: Das kann auch ein Vorteil sein. Zum Bezahlen muss man das Handy nicht aus der Hosentasche kramen, und das System klappt auch, wenn man das Smartphone nicht dabei hat oder dieses keinen Akku mehr hat. Es ist noch nicht einmal nötig, dass die Batterie der Uhr noch funktioniert. Die nötige Energie für die Transaktion kommt vom Bezahlterminal. Wer eine Gelegenheit dazu findet, kann sogar unter Wasser zahlen – die Uhren sind wie jede Swatch bis zu 30 Meter wasserdicht. An den Transaktionen selber verdient Swatch übrigens nichts.

Zu Nemo passt’s
In China ist «Swatch Pay!» bereits in Betrieb, die Reaktionen seien positiv. Neben der Schweiz werde das System nun in den europäischen Märkten lanciert. Wer eine solche Uhr hat und «Swatch Pay!» nutzt, kann dies aber weltweit tun.
Und Nemo? Er trägt eine Swatch und will auch dabei bleiben. «Das passt besser zu mir als eine andere Uhr», sagt er. Carlo Giordanetti hat es neudeutsch ausgedrückt, als er meinte, da spiele eben «The Biel Factor».

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