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Trockenheit

Klimawandel: Die Bauern sind zu passiv

Die Schweizer Bauern haben wegen des Hitzesommers grosse Probleme und erwarten Hilfe von der Öffentlichkeit.
 Das Interesse an präventiven Massnahmen gegen die Folgen grosser Trockenheit ist bei ihnen bislang aber gering.

Vertrocknete Erde auf einem Acker. Bild: Keystone

Luca De Carli

Bei der Trockenheit ist der Handlungsbedarf gross. Das steht in einem Strategiepapier des Bundes zur Anpassung an den Klimawandel. Es wurde bereits zu Beginn dieses Jahrzehnts verfasst. Und nun, im Sommer 2018, sagt Annelie Holzkämper, Leiterin des Projekts Klimarisiken und Anpassung bei der Forschungsstelle Agroscope: «Die Schweizer Bauern müssen sich auf steigende Temperaturen und eine ungleichere Verteilung der Niederschläge einstellen. Dieser Fakt ist seit Jahren bekannt.»

Am Montag zeigte sich der Schweizer Bauernverband froh darüber, dass sich der Bund angesichts verdorrter Schweizer Weiden unter anderem dazu bereit erklärt hatte, die Zölle auf importiertes Kuhfutter zu senken (das BT berichtete). Tags darauf forderte der Verband wegen der grossen Trockenheit als Sofortmassnahme zur Unterstützung der Landwirte unter anderem einen Solidaritätsbeitrag von 5 Rappen an den Milchpreis. Da stellt sich natürlich auch die Frage, ob die Schweizer Landwirtschaft in der Vergangenheit genug getan hat, um sich auf einen Hitzesommer vorzubereiten.

 

Ein Lob für die Winzer
Viele Aprikosen, zu viele Tomaten: Die grosse Hitze und die Trockenheit in diesem Sommer führen nicht in allen Bereichen der Landwirtschaft zu Ernteausfällen. Gewisse Pflanzen kommen deutlich besser mit den Bedingungen zurecht als andere. Deshalb besteht eine der wichtigsten Strategien für die Landwirtschaft im Umgang mit dem Klimawandel darin, robustere Sorten einzuführen. Der Bauernverband sagt dazu: Im Bereich Bewässerung habe sich in den letzten Jahren viel getan. Die Systeme seien sparsamer geworden. Wo die Bauern aber noch zulegen müssten, sei die Umstellung auf trocken- und hitzeresistente Sorten. Gemäss dem Bundesamt für Landwirtschaft verhalten sich die Bauern hier eher passiv.

Die Wissenschaftlerin Annelie Holzkämper sagt, nicht alle Bereiche der Landwirtschaft befassten sich bislang gleich stark mit dem Thema Klimawandel. Sehr aktiv seien seit Jahren die Weinbauern. Viele setzten zum Beispiel schon jetzt auf neue Rebsorten (siehe auch BT von gestern). Anders sehe die Situation im Ackerbau aus: «In Gesprächen mit Bauern hat sich gezeigt, dass hier die Sensibilisierung für das Thema Klimawandel noch nicht sehr stark ist», sagt Holzkämper. Andere Probleme hätten bei den Ackerbauern eine höhere Priorität. «Im Bereich Klimawandelanpassung ist bislang bedingt viel passiert.»

 

Nur wenige sind versichert
Das Bundesamt für Landwirtschaft spricht bei der Anpassung an den Klimawandel von einem laufenden Prozess. Das Ziel sei, dass die Bauern in einigen Jahrzehnten mit einem Sommer wie in diesem Jahr umgehen könnten. Dann, wenn solche Sommer nicht mehr ein extremes Ereignis, sondern fast normal geworden sind.

Sofort Abhilfe bei Ernteausfällen bringt für die Bauern dagegen eine Versicherung gegen Trockenheit. Eine solche Versicherung existiert schweizweit erst seit 2013. Sie ist in der teuersten Variante der Ernteversicherung der Schweizer Hagelversicherung enthalten. Pro Hektare und Jahr kostet sie zum Beispiel im Kanton Zürich rund 120 Franken.

Die Nachfrage ist in den letzten Jahren zwar stark gestiegen. Zwischen 2015 und 2018 nahm die Zahl der Policen gemäss der Hagelversicherung um 192 Prozent zu. Insgesamt ist der Anteil der gegen Trockenheit versicherten Bauern aber weiterhin tief. Nur 12 Prozent der Ackerflächen in der Schweiz sind versichert. «Die Abdeckung ist zu tief», sagt der Bauernverband. Die Versicherung sei für viele Landwirte zu wenig attraktiv. Der Bund will nun alternative Versicherungsmodelle prüfen.

Um kurzfristig Schäden abzuwenden, ist die Vorwarnzeit entscheidend. Aktuell existieren Prognosen zur Trockenheit für die nächsten fünf Tage.

Technisch möglich wäre laut Massimiliano Zappa vom Eidgenössischen Institut für Wald, Schnee und Landschaft ein Monat. Dazu fehle in der Schweiz aber die Infrastruktur. Ob und wie schnell sie aufgebaut wird, ist offen.

 

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Beznau drosselt Leistung wegen der Hitze
Verschiedene Atomkraftwerke, die ihre Abwärme über ein Durchlaufkühlsystem in einen Fluss abgeben, haben jüngst ihre Leistung drosseln müssen, etwa Mühleberg im Kanton Bern. Der Grund: Ihr erwärmtes Kühlwasser heizt die Flüsse weiter auf, was die Fauna und Flora zusätzlich belastet.

In Schweizer Gewässern sind die Temperaturen mittlerweile so hoch, dass Fische massenhaft zu sterben drohen. Die SP fordert deshalb das sofortige Abschalten des Atomkraftwerks Beznau. Da die Aare bei Beznau im Aargau seit einer Woche über 25 Grad warm sei, müssten beide Meiler gemäss Gewässerschutzverordnung stark gedrosselt oder ganz abgeschaltet worden sein, sagt SP-Vizepräsident Beat Jans. «Trotzdem laufen Beznau 1 und 2 auf Volllast weiter», sagt SP-Nationalrätin Claudia Friedl. Das sei ein Verstoss gegen die Umweltgesetzgebung.

Die Axpo weist diesen Vorwurf zurück. «Die Forderung, Beznau vom Netz zu nehmen, wird von Kernenergiegegnern mittlerweile bei jeder Gelegenheit geäussert», sagt Sprecherin Monika Müller. Sie verweist auf die Komplexität der Schweizer Flusssysteme. Die Wärmeentwicklung hänge nicht von einem einzelnen Faktor ab. Die Axpo versichert, die gesetzlichen Auflagen einzuhalten. Massgebend für die Axpo ist die Auslauftemperatur des Kühlwassers in den Fluss, die gemäss Konzession unter 32 Grad liegen muss. Entsprechend habe Beznau seit Ende Juli die Leistung zum Teil reduziert, zeitweise bis zu knapp 20 Prozent, sagt Müller. Möglicherweise muss die Axpo den Betrieb nun aber weiter eindampfen. Das Bundesamt für Energie berät mit dem Bundesamt für Umwelt derzeit über weitere Massnahmen. Ein Entscheid steht noch aus. sth

 

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Erhebliche Ernteausfälle erwartet
Die Hitzewelle macht den Bauern zu schaffen. Auch die Obstproduzenten müssen Ernterückgänge in Kauf nehmen. «Die starke Hitze schadet der Erdbeer- und Himbeerproduktion, was zu einem deutlichen Rückgang der Erntemengen führt», sagt Hubert Zufferey vom Schweizer Obstverband. Bei Kernobst, Äpfeln und Birnen dürfte der prognostizierte Verlust bei über 15 Prozent liegen, so Zufferey. Und wegen der Hitzewelle fielen zusätzliche Kosten für die Bewässerung an.

Beim Verband Schweizer Gemüseproduzenten heisst es, die Lage sei grundsätzlich stabil. Das Angebot bleibe bei gewissen Salaten allerdings eher knapp. Auch bei Mais und Gras, der Alpwirtschaft sowie den Zuckerrüben müsse zum Teil mit grossen Ausfällen gerechnet werden, sagt Sandra Helfenstein vom Bauernverband. Entsprechend werden Hilferufe laut. Der Verband hat beim Bund einen Forderungskatalog eingereicht (das BT berichtete). Gestern hat zudem die Schweizer Berghilfe angekündigt, den Älplern unter die Arme zu greifen. Nicht alle Bauern leiden derweil unter der Hitze. Den Mostobstbauern blüht eine überdurchschnittliche Ernte. cfr

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