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Faircoin

Dank Kryptogeld zur fairen Wirtschaft

Der Bitcoin sei «Anarchokapitalismus auf Steroiden», sagt Chris Zumbrunn, sozialanarchistischer Denker
aus dem Berner Jura. Der Faircoin dagegen ermögliche nachhaltige Lösungen und verbrauche viel weniger Energie.

Chris
Zumbrunn: «Der Faircoin setzt auf
Kooperation statt Konkurrenz.» Susanne Goldschmid
  • Dossier

Tobias Graden

«No Borders – No States – No Wars»: Im «Espace Noir» in St- Imier kann man sich eine bessere Welt als die heutige vorstellen. Chris Zumbrunn, auf dessen T-Shirt diese Losung steht, sitzt auf seinem Stammplatz im traditionsreichen Anarchistentreff. Eben ist er aus dem Kurdengebiet im Norden Syriens zurückgekehrt, wo die Menschen unter schwierigen Bedingungen ihr Gemeinwesen aufbauen: selbstorganisiert, von unten, dezentral.

Das sind Handlungsweisen, wie sie auch Zumbrunn vertritt. Die neuen Technologien, die Kryptowährungen ermöglichen, helfen zur Verwirklichung dieser Ziele, davon ist Zumbrunn überzeugt.

 

Anreiz «für jede blöde Idee»
Chris Zumbrunn hat in seinem Haus auf dem Mont Soleil «La Décentrale» etabliert, «an epicenter for self-empowered culture», wie es im Eigenbeschrieb heisst. Das Haus ist Think-Tank, Tagungsort und Herberge für Menschen, die sich, salopp gesagt, für die Verbesserung der Welt einsetzen. Und dazu gehört für Zumbrunn die Etablierung eines alternativen Währungssystems mittels einer Kryptowährung.

Aus Sicht Zumbrunns hat der real existierende Kapitalismus ein grosses Problem: «Das herrschende Geldsystem schafft Druck, ökonomische Aktivitäten zu fördern, die der Gesellschaft schaden.» So entstehe eine «Wirtschaft zum Selbstzweck», deren alleiniges Ziel das Geldverdienen sei. Das Kreditwesen mit dem Zinsprinzip schaffe Anreize «für jede blöde Idee», wenn sie nur gewinnversprechend sei.

 

Gegeneinander braucht Strom
Gäbe es aber ein alternatives, davon unabhängiges Geldsystem, so liesse sich damit eine andere Wirtschaft aufbauen: fair, von unten, dezentral und nachhaltig im ökologischen, ökonomischen und sozialen Sinn. Mit der Kryptowährungstechnologie scheint dies nun möglich zu sein: «Das ist ein Durchbruch, der bleiben wird», sagt Zumbrunn, «das kann man nicht mehr rückgängig machen.»

Dem Bitcoin komme dabei das Verdienst zu, aufgezeigt zu haben, wie die herkömmliche Art der Geldschöpfung umgangen werden könne: «Der Bitcoin ist kein Schuldgeld, es gibt keine Geldschöpfung durch Kredite. Er ist die technische Realisierung einer erfolgreichen Dezentralisierung des Geldsystems.»

Doch als Währung habe auch der Bitcoin gravierende Nachteile: «Er vertritt einen Anarchokapitalismus auf Steroiden», sagt Zumbrunn. Dieses Prinzip sei bereits in der technischen Ausgestaltung angelegt: «Wer mehr Rechenleistung hat, kann schneller rechnen und generiert damit den nächsten ‹block reward›, erhält also Bitcon als Belohnung. Damit folgt Bitcoin der Logik des Gegeneinanders, und dieses Konkurrenzdenken befördert eine riesige Stromverschwendung.» Das Pooling, an dem zum Bespiel Jürg Kradolfer zum Bitcoin-Schürfen teilnimmt (vgl. Seite 8), lässt Zumbrunn nicht als eigentliche Form der Kooperation gelten. Es sei sozusagen ein pragmatischer Umgang mit dem ultra-wettbewerbsorientierten Prinzip des Schürfens: «Die Rechnung an sich ist ja nicht komplex, es ist bloss die Wahrscheinlichkeit extrem gering, die richtige Prüfziffer zu finden.» Hinzu komme bei Bitcoin ein Menschenbild des Misstrauens und fehlende soziale Kontrolle.

 

Kollektiv und Vertrauen
Der Faircoin dagegen soll die Vorteile einer Kryptowährung bieten, ohne die ethischen Nachteile des Bitcoins aufzuweisen. «Der Faircoin geht von einem komplett anderen Menschenbild aus», sagt Zumbrunn, «er setzt auf Kooperation statt Konkurrenz und auf die Verwaltung durch Menschen statt durch Maschinen oder Programme.» Faircoin ist also von unten nach oben organisiert, basisdemokratisch und konsensorientiert.

Konkret heisst das: Die Rechner, die Faircoin schürfen, sind in einem Netzwerk organisiert. Zumbrunns «La Décentrale» ist ein Teil davon. Wer neu dazustossen will, bedarf des Vertrauens aller Interessierten, die offene Gruppe entscheidet im Kollektiv. Es ist naheliegend, dass die Teilnehmer die sozialanarchistische Idee befürworten – Gewinn lässt sich mit dem Schürfen ohnehin kaum erzielen. Die beteiligten Rechner erarbeiten sodann den nächsten Block nicht im ständigen Wettbewerb zueinander, sondern abwechslungsweise – das spart im Vergleich zum Bitcoin-System enorm Energie. Das Verifizieren von Transaktionen hingegen erfolgt nach dem gleichen Prinzip wie bei Bitcoin.

Sämtliche Entscheidungen über die Weiterentwicklung des Systems werden im Kollektiv gefällt. Das betrifft Software-Updates, aber auch eine allfällige Ausweitung der Geldmenge. Vom Faircoin existieren 53 Millionen Einheiten, sie sind alle bereits geschürft. 85 Prozent sind im Besitz von Menschen, die im Projekt engagiert sind, etwa 15 Prozent befinden sich ausserhalb, und dort dienen sie womöglich auch Spekulationszwecken. «Der Faircoin ist ein pragmatisches Projekt», sagt Zumbrunn, «es verhindert nicht, was nicht zu verhindern ist.»

 

Ein anderes System von unten
Knapp ein Fünftel des Geldes ist «Allmendgeld»: Es ruht derzeit in Fonds, die zu einem späteren Zeitpunkt Projekte unterstützen, die den Zielen des fairen Wirtschaftens dienen. Über die genaue Verwendung entscheidet wiederum... das Kollektiv. Denkbar sind etwa Unternehmensgründungen, die aber nicht die Form von Aktiengesellschaften haben, sondern von Kooperativen.

Entstanden ist der Faircoin in Katalonien, Aktivisten in Griechenland und der Schweiz folgten bald nach. Mittlerweile bestehen etwa 60 Lokalgruppen in aller Welt mit 10 000 Menschen. Damit wird der Kapitalismus noch nicht überwunden, das ist Chris Zumbrunn durchaus bewusst. Doch die Idee des Faircoins könnte durchaus Gemeinden zum Mitmachen bewegen, sagt er, und so werde es denkbar, ein faires Wirtschaftssystem von unten zu etablieren: «Kryptowährungen sind eine anrollende Welle. Sie werden immer mehr Menschen betreffen und generell eine Dezentralisierung der Strukturen mit sich bringen.» Wie diese dann gestaltet werden, obliege dem Entscheid jedes Einzelnen: «Letztlich geht es um eine Veränderung der Kultur», sagt Zumbrunn, «die Wahl zwischen Kooperation und Konkurrenz ist ein ethischer Entscheid.»

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