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Vortrieb im Längholztunnel: Draussen Staub, drinnen Sekt

Der Längholztunnel ist durchbohrt, der Weg vom Bözingenfeld nach Brügg damit frei. Ein hartes Stück Arbeit. Das BT hat den Durchstich von zwei Seiten hautnah verfolgt - auf der Maschine und vor dem Portal.

Die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Tunnelarbeiter, hängt in einem Kästchen verschlossen beim Nordportal des Längholztunnels. Niemand hier. Und auch kein Schlüssel. Baustellenchef Marco Hirzel nimmt eine Zange zu Hilfe. Keine Zeit für langes Fackeln. Es ist kurz nach zwei Uhr nachmittags. Auf der anderen Seite warten die Schaulustigen. Heute ist Durchbruch. 7,5 Monate nach dem Bohrstart in Orpund. Hirzel sputet sich. Rein in den Tunnelzug.<br><br>Derweil sind auf der Brücke im Brüggmoos, keine drei Kilometer entfernt, die vordersten Zuschauerreihen längst ausgebucht. Einige der Anwesenden scheinen ein Saisonabonnement für Tunnelbauspektakel zu besitzen: Sie waren schon beim Durchbruch des Büttenbergtunnels dabei.<br><br>14.20 Uhr: Hirzel stösst zur Mannschaft auf der Tunnelbohrmaschine. Im Führerstand wabert dicke Luft. Die Heilige Barbara kommt vorläufig neben dem Aschenbecher zu stehen. <br><br>Vortriebspolier Markus Viertler sagt: «Wir machen das langsam». Er meint den Durchbruch, die letzten 85 Zentimeter. Kollege Peter Unfried an den Steuerknöpfen hat noch Fingerspitzenarbeit zu verrichten. Draussen an der Portalwand ist ein roter Kreis aufgezeichnet.<br><br><span style="font-weight: bold;">Warum eigentlich raus?</span><br>14.35 Uhr: Franz Exenberger und Christian Haider lümmeln am Geländer auf der obersten Plattform der Tunnelbohrmaschine herum, als wäre nichts speziell an diesem Tag. Eigentlich möchten sie gar nicht raus aus dem Berg. «Unter Tage ists viel schöner», sagt Exenberger, und Haider ergänzt: «Im Winter sowieso. Ich denke schon an die Demontagearbeiten.» Einmal draussen, muss die Maschine zerlegt und zurück ins Bözingenfeld gebracht werden.<br><br>14.53 Uhr: Draussen ertönt ein Motorengeräusch. Synchrones Zucken im Publikum. Ein aufmerksames Kind entwarnt: «Das kommt von diesem Bagger dort.» Der Bagger wird nur umparkiert.<br><br>14.56 Uhr: Drinnen gibt Markus Viertler seinen Leuten Handzeichen. Sie gehen in Position. Nur Hirzel bleibt sitzen. «Moment, meine Rede ist noch nicht ganz fertig», murmelt er. Zwei Minuten später gibt Viertler das Zeichen zum Start. Bald setzt ein Rütteln ein. 16 Millimeter pro Minute geht es nun vorwärts. <br><br>15 Uhr: Hunderte Zuschauer verstummen. Belena scheint in Fahrt gekommen zu sein. Man könnte meinen, sie habe die Röhre nicht für Autos gebohrt, sondern um sie hier und jetzt als Resonanzkörper zu nutzen. Und wenn ein Steinchen fällt, wird das mit Raunen quittiert. <br><br>15.22 Uhr: Zwei Säulen lösen sich zögerlich aus der Wand. Zeitgleich stürzen sie nieder. Die erste durchlässige Verbindung offenbart jedoch noch keine winkenden Kumpels. Stattdessen quillt Sand und Schutt aus ihnen hervor. Staub vernebelt das Spektakel bald komplett.<br><br>15.23 Uhr: Die Nachricht von den gefallenen Säulen erreicht die Mannschaft drinnen. «Sie sehen das Schneidrad», ruft Viertler und holt die Sektflaschen hervor. Ein Korken knallt. Plastikbecher werden rumgereicht. Unfried bleibt der ruhende Pol. Noch sind 40 Zentimeter zu fahren.<br><br><span style="font-weight: bold;">Ein Opfer am Spiess</span><br>15.30 Uhr: Ein lauter Knall auch draussen. Gestein fliegt durch die Luft. Ein handballgrosser Brocken schlittert unter der Absperrung und zwischen den Füssen des Publikums hindurch. Dann endlich lichtet sich die Staubwolke. Weitere vier Säulen liegen zerschmettert am Boden.<br><br>15.54 Uhr: Unfried stoppt die Maschine, nimmt die Heilige Barbara und geht nach vorn. Er wird nach Tradition der erste sein, der raus darf. An der Tür beim Schneidrad herrscht Gedränge. Vier Kollegen schrauben sie auf. Dann Tageslicht, Begrüssungsrufe und Applaus.<br><br>16 Uhr: Genau eine Stunde nach den ersten Bohrgeräuschen zwängt sich der erste Kumpel durchs Schneidrad ans Brügger Tageslicht. In seinem Arm hält er behutsam eine kleine Statue. Die anderen folgen. Minuten später strahlen sie mit Tunnelpatin Yolanda Fähndrich in ihrer Mitte für ein Gruppenfoto. «Immer chli Frässpäckli», habe sie ihnen gebracht, sagt sie: «Ich habe sehr grosse Achtung vor diesen Männern.» Das einzige Opfer, das der Tunnel mit sich bringt, dreht am Spiess: Ein brutzelnder Ochse. Das Fest beginnt.<br><span style="font-weight: bold;">Janosch Szabo und Roman Enzler</span>

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