Sie sind hier

SVP liess Rychen im Regen stehen

Die SVP präsentiert dem Parlament eine Verlegenheitslösung. Mit dem Oberländer Hanspeter Seiler soll im Jahr 2000 ein Nationalrat höchster Schweizer werden, den man schon abgeschrieben hatte.

<B>Nationalratspräsident 2000<BR>
</B><P><FONT SIZE=+2><B>SVP liess Rychen im Regen stehen</B></FONT><P><B>Die SVP präsentiert dem Parlament eine Verlegenheitslösung. Mit dem Oberländer Hanspeter Seiler soll im Jahr 2000 ein Nationalrat höchster Schweizer werden, den man schon abgeschrieben hatte.<BR>
</B><P>Urs Moser<BR>
<P>Der Aargauer Theo Fischer wollte nicht. Er sitzt schon seit 1979 im Nationalrat und wird nächstes Jahr voraussichtlich nicht mehr antreten. Der Zürcher Walter Frey wollte auch nicht. Seine Geschäfte als Autoimporteur nehmen ihn zu stark in Anspruch. Albrecht Rychen wollte die SVP nicht. Ihm hatte man die Nomination für das Nationalratspräsidium zwar versprochen, falls er Samuel Schmid den Vortritt für das Fraktionspräsidium überlässt. Die Ehre, im symbolträchtigen Jahr das protokollarisch höchste Amt zu besetzen, gönnten aber viele Gegner am Schluss dem für manche SVP-Strategen zu eigenständig Politisierenden doch nicht.<BR>
<P><P><B>Willkommener Visana-Wirbel<BR>
</B><BR>Der Wirbel um die Krankenkasse Visana, die Rychen präsidiert, kam seinen Kritikern gerade recht. «Wir wissen nicht, wie sich die Visana weiterentwickelt. Das Risiko, dass das Visana-Problem zu einem SVP-Problem gemacht wird, war zu gross», sagt SVP-Präsident Ueli Maurer. Das ist die offizielle Version. Hinter vorgehaltener Hand geben SVP-Parlamentarier zu: Das Krankenkassen-Debakel war nicht der wichtigste Grund, es lieferte zur rechten Zeit ein starkes Argument, um einen unbequemen Kandidaten zu verhindern.<BR>
Die Berner hielten bis zuletzt zu ihrer Nomination. Nur einer kippte gestern morgen dann doch noch. Das spielte keine Rolle mehr, die Sache war so oder so längst klar. Albrecht Rychen und Brigitta Gadient erhielten je sieben Stimmen, Hanspeter Seiler war nach einem kaum zwanzigminütigen Prozedere im ersten Wahlgang mit 20 Stimmen nominiert. Zur Kandidatur war er nicht von Berner Parteifreunden, sondern von Rychen-Gegnern aus dem Zürcher Lager aufgefordert worden. Ihre Rechnung ging auf: «Am letzten Samstag teilte ich Fraktionspräsident Samuel Schmid mit, dass ich zur Verfügung stehe. Der Kanton Bern wäre sonst leer ausgegangen», sagt Seiler zu seiner Kandidatur.<BR>
<P><B>Selber überrascht<BR>
</B><BR>Dass man ihn auf den Stuhl des Nationalratspräsidenten hieven will, habe ihn zunächst selbst überrascht, gibt Hanspeter Seiler zu. Kein Wunder: SVP-Insider bestätigten, dass man den Oberländer 1995 gern losgeworden wäre. Man hatte ihm nahegelegt, nicht mehr für den Nationalrat zu kandidieren, in dem er seit 1987 sitzt. Er polarisiere nicht, sei eher der integrierende Typ und giesse kein Öl ins Feuer, wenn innerhalb der SVP der Streit zwischen Bern und Zürich lodert, sagt Seiler von sich selbst. Das sei wohl mit ein Grund dafür gewesen, dass man ihm den Vorzug gab. <BR>
Die Eigenschaften, die den pensionierten Berufsschulrektor aus Ringgenberg jetzt plötzlich zur ersten Wahl der SVP machten, stempelten ihn bisher zum Hinterbänkler. «Die Schweiz kann sich nicht ins Schneckenhaus zurückziehen, die bilateralen Verhandlungen der EU müssen zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden», gab Hanspeter Seiler gestern sein politisches Konzept zu Protokoll. Üblicherweise fiel er bislang, wenn überhaupt, mit weitaus bodenständigeren Positionsbezügen auf:<BR>
l Das unbefugte Deponieren von Gegenständen vor dem Bundeshaus sei durch ein richterliches Verbot mit angemessener Strafandrohung zu bekämpfen, forderte Seiler in einer Motion im Nachgang zur Installation von Schang Hutters «Shoah»-Plastik vor dem Parlamentsgebäude.<BR>
l Was die Expo betrifft, galt seine Hauptsorge in einem Vorstoss der mangelnden Präsenz des Volks-Brauchtums. <BR>
<P>Das Jodeln ist eine Leidenschaft von Hanspeter Seiler. Im Hinblick auf sein Nationalratspräsidium wird er zunächst einmal die Hände wieder aus den Hosentaschen nehmen und büffeln: «Ich muss mein Französisch aufpolieren.»<BR>
<P><B>Die Wandelhalle flüstert . .<BR>
</B><BR>Keine Frage: Der ruhige Pensionär aus dem Berner Oberland ist nicht die Figur, die man sich in Erinnerung an Persönlichkeiten wie Ulrich Bremi, Judith Stamm oder den amtierenden Ernst Leuenberger als erste auf dem Sessel des höchsten Schweizers vorstellt. Offen wagt aber niemand Kritik an der Nomination zu üben. Die Parole, man könnte der SVP eines auswischen und der Bündnerin Brigitta Gadient die Stimme geben, wurde gestern in der Wandelhalle nur geflüstert. <BR>
Die Verlierer im Rennen um das prestigeträchtige Amt machten gute Miene zum bösen Spiel. «Es war für mich schon eine grosse Auszeichnung, für das Amt nur im Gespräch zu sein», sagte Brigitta Gadient. Und Albrecht Rychen stellte fest: «Ich wusste, dass ich keine Chance habe. Nur bestand ich darauf, dass man mir das auch offen sagt.»<BR>

Nachrichten zu Vermischtes »