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Burgdorf gibt es – ein Augenschein

Burgdorf gibt es – ein Augenschein Der Stadtwanderer geht nach Burgdorf und entdeckt dort

das Aebi-Areal. Er trifft auf eine Generalunternehmung und spürt am eigenen Leib, wie der Futterneid den Kanton Bern regiert.</B>

<BR><BR> Benedikt Loderer

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Von einem, der auszog, den Bildungsstandort zu suchen, handelt diese Geschichte. Der Stadtwanderer machte sich auf, Burgdorf zu ergründen. Gelesen hatte er, wie sich die Stadt selber anpreist: «Sie bietet die Vorzüge einer städtischen Infrastruktur und vielfältigen urbanen Lebens, gepaart mit der Beschaulichkeit der Emmentaler Landschaft». In Burgdorf erwartete der Stadtwanderer also eine urbane Landschaft.

Hier riecht’s nach BGB

Gegenüber dem Bahnhof be- grüsst ein bulliges Betonsilo den Stadtwanderer und daran die Schrift «K-Futter». Aha, denkt er sich da, hier riecht’s nach BGB. Ihm sticht der alte bernische Bauern-, Gewerbe- und Bürgergeruch in die Nase, denn er ist ja gekommen, seine Vorurteile zu bestätigen. Sie können unter dem Stichwort «kleines bernisches Landstädtchen» zusammengefasst werden, Kaff ist die landesübliche Abkürzung dafür.<BR><BR>
Man weiss es ja: Biel ist das Gegenteil von Burgdorf. Uhren hier, Käse da, lieber Weisswein als Kartoffeln, kurz: Wer fährt von Biel freiwillig nach Burgdorf? Es gibt aber seit kurzem einen handfesten Grund: den Campus Burgdorf. Campus? Das tönt doch vertraut in Bieler Ohren, Campus ist doch das Stichwort, unter dem das Projekt «Konzentration der Berner Fachhochschule» auch in Biel verhandelt wird. Um Geld und Wege zu sparen, will der Kanton statt 30 nur noch höchstens zwei oder drei Standorte für die weitverzweigte Berner Fachhochschule betreiben. In Biel weiss man wo. Auf dem Masterplan-Areal hinter dem Bahnhof, dort, wo heute ein meist leerer Parkplatz auf eine bessere Nutzung wartet.

Etappe eins der Entwicklung

Der Bildungsstandort Biel, heisst das im Jargon der Lokalpolitik. Eigentlich glaubt sie felsenfest an die Verwirklichung, des eigenen Anspruchs. Warum? Wo denn sonst? Bildungsstandort ist, wenn man daran glaubt.<BR><BR>
Wo sonst? In Burgdorf. Dort nämlich liegt 300 Meter neben dem Bahnhof das Aebi-Areal, auf dem bis vor kurzem die Maschinenfabrik Aebi AG ihre roten Vehikel für Bauern und Gemeinden produzierte. Noch tut sie das, allerdings an einem andern Ort. Das Areal kaufte die Generalunternehmung Alfred Müller AG, «ein in jeder Beziehung unabhängiger, gut fundierter Familienbe- trieb mit einem bedeutenden Immobilienbestand», wie er von sich selber weiss. Die Stadt Burgdorf und die Alfred Müller AG haben sich verbündet. Ihr Ziel heisst: Campus Burgdorf, der Bildungsstandort soll aufs Aebi-Areal. Dort nämlich können «auch für heute im Raum Bern und Biel suboptimal untergebrachte Bereiche massgeschneiderte Lösungen innerhalb des Burgdorfer Campus angeboten werden». Andersherum: Hier wäre Platz für die gesamte Fachhochschule Bern vorhanden.<BR><BR>
Nicht die imposante Altstadt auf dem Hügel mit Schloss und Kirche sind das Ziel des Stadtwanderers, sondern der ESP, der Entwicklungsschwerpunkt. Wo ist die Entwicklung? Das erste, was man findet, ist eine riesige freie Fläche parallel zu den Gleisen, ein Parkplatz, der so gross ist, dass er nur zur Hälfte gefüllt ist. Das kommt dem Stadtwanderer neu und wunderlich vor und er erinnert sich: 51 Millionen. So viel nämlich investierte die SBB in den «neuen Bahnhof Burgdorf». Da wo heute die leere Fläche ist, war bis vor kurzem der Sackbahnhof für die Lokalbahn nach Solothurn und eine Zeile Lagerschuppen. Jetzt sind alle Linien im Bahnhof zusammengefasst und der Unterstand des einstigen Nebenbahnhofs hat den Beruf gewechselt und arbeitet jetzt als Busbahnhof. Das ist Etappe eins der Entwicklung. Für die weiteren gilt das Prinzip Hoffnung.

«Papa Peit sPäter»

Wie sieht das Aebi-Areal denn aus? Zwei grosse Grundstücke gibt es, beide bebaut mit den verschiedenen Hallen, Büros, Schuppen und Überbleibseln der Maschinenfabrik, die Schritt um Schritt ohne einen durchgehenden Plan hundert Jahre mit An- stücken beschäftigt war. Der Industriearchäologe ist wenig begeistert, sagt aber trotzdem: Daraus kann man etwas machen. Der mitbewegte Stadtwanderer sieht den Kahlschlag kommen, mit Ausnahme des «Hauptgebäudes», eines fünfgeschossigen Klotzes aus den 50er-Jahren. Die Firma Aebi hat für Planung oder gar Architektur wenig Verständnis gehabt. Auch die Alfred Müller AG gilt unter Architekten nicht als kulturelles Schwergewicht. Elisabeth Zäch, die Stadtpräsidentin, die der Stadtwanderer in der Oberstadt zufällig trifft, bringt’s auf den Punkt: Auf dem Silbertablett biete Burgdorf dem Kanton ein geeignetes Grund- stück an inklusive Investor, sozusagen gratis. Das Zauberwort heisst PPP, «Public Private Partnership». Für den armengenössigen Kanton Bern ist das ein unwiderstehlicher Lockruf. Die Investitionskosten übernimmt der Generalunternehmer, der Kanton mietet sich ein. Er darf darüber hinaus noch sagen, was es braucht, die Alfred Müller AG baut nach seinen Wünschen. Eine Volksabstimmung über den Baukredit braucht’s nicht, die Betriebskosten sind gebundene Ausgaben, was will ein Regierungsrat mehr? Zwar ist es unter dem Strich teurer, die Generalunternehmung macht nichts aus Vaterlandsliebe, aber das spielt heute keine Rolle, wenn erst morgen bezahlt werden muss. PPP kann man mit «Papa Peit sPäter» oder das «Bauen auf Pump» übersetzen. Leasing ist immer teurer.<BR><BR>
Ja, wohin wird denn der Bildungsstandort kommen? Wir befinden uns im Kanton Bern. Hierzulande gilt: Es gibt keine kantonale Politik, es gibt nur regionale. Die Bestandeswahrung ist wichtiger als der kostengünstige Betrieb: Das ist das Fundament der Standortentscheidung.

Die Härdöpfelfraktion

Wenn man das verstanden hat, so ist die Konzentration ein Weg- nehmen. Von 30 verlieren mindestens 27 und die wehren sich. Das Prinzip Futterneid, das diesen Kanton regiert, wird sich durchsetzen. Am Schluss wird es nicht drei Standorte geben, wahrscheinlich eher 15. Dafür braucht’s keinen Campus, weder in Biel, noch Bern und auch nicht in Burgdorf. Man wird allerdings die kritische Masse auch nicht er- reichen, die eine Fachhochschule braucht. Gibt’s nur einen Standort, so wird es wohl Bern sein, bei zweien Bern und Biel oder Bern und Burgdorf.
Warum aber Burgdorf? Gebetsmühlenartig zählen Stadt und Alfred Müller AG die Argumente auf: günstige Verkehrslage, Industrie gleich um die Ecke, Anbindung an die bestehende Hochschule, all das, was in Biel ebenfalls und besser vorhanden ist. Dann aber kommt noch: Verfügbarkeit. Nicht die beste Lösung ist die richtige, sondern die sofort machbare. In Burgdorf kann man morgen mit dem Bau beginnen.
Die Kunde vom Aebi-Areal ist bis nach Biel gedrungen, aber nur als regionalpolitisches Störmanöver. Es ist aber an der Zeit, sich seriös damit zu beschäftigen. Stadt- und Gemeinderat sollten ein Schulreisli nach Burgdorf machen, das wäre eine lohnende Weiterbildung. Wenn Biels Politiker das alles gesehen haben, wer- den sie sagen: Heilandtonner, das muss man ernstnehmen! Es genügt nicht, ein Grundstück zu haben, man muss daraus ein Projekt machen. Bis heute gibt es das weder in Burgdorf noch in Biel. Man begnügt sich beiderorts mit Reklamesätzen aus der Abteilung Stadtmarketing. Für den politischen Gebrauch genügt das auch, denn entscheidend sind nicht die vernünftigen Kriterien von der Art, was ist besser?, sondern der Futterneid, pardon, die bernische Regionalpolitik. Trotzdem ist es dringend, dass Biel sein Projekt präsentabel macht. Was bisher zu sehen war, sind einige flotte Skizzen und vollmundige Behauptungen. Wo sind die Verbündeten Biels im Kanton? Burgdorf kann auf die Härdöpfelfraktion zählen, auf jene Leute, die Biel als einen Fremdkörper im Kanton Bern betrachten. Die Bestandeswahrer wollen keine Änderung und wenn, dann sicher den Bildungsstandort nicht im rot-grünen Biel. Was die Studierenden wünschen, fragt niemand, und die Dozenten hangen an ihren Hüsli und den Kindern ist ein Umzug nicht zuzumuten.

Biel ist gewarnt

Ach ja, der Stadtwanderer war an diesem Mittwoch etwas nachdenklich geworden und fand seine Vorurteile im Gelände nicht wieder. Sicher, Burgdorf ist ein bernisches Landstädtchen, ein Kaff, doch das Aebi-Areal ist attraktiver als Burgdorf. Selbstverständlich überwiegen Biels Vor- teile beim Städtevergleich. Die kritische Masse ist vorhanden, die Stadt ist international ausgerichtet, ihre Industrie auf Weltniveau, zweisprachig, landschaftschön, finanzgesund, alle kennen wir die offizielle Liste der Bieler Stärken auswendig. Burgdorf hat dem wenig entgegenzusetzen, genauer: zu wenig. Es heisst ja auch Burgdorf und nicht Burgstadt. Das Aebi-Areal ist nüchtern betrachtet zwar ein möglicher Bildungsstandort, liegt aber in der falschen Stadt. Nur: das spielt im Grossen Rat des Kantons Bern eine geringe Rolle. Dort sitzen die Dorfkönige und Talfürsten, Leute, die Dorf- und Talpolitik machen, keine kantonale. Das Wohlergehen ihrer Fachhochschule ist ihnen weit weniger wichtig als das ihres Dorfes. Der Stadtwanderer suchte, Burgdorf zu ergründen und landete bei der Lähmung des Kantons Bern durch den Futterneid. Der politische Verteilkampf hat bereits begonnen. Biel ist gewarnt.
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INFO: Benedikt Loderer ist Journalist, Architekt und Stadtwanderer.

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