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Die grosse Welt und das erwachende Heimweh

Die BT-Korrespondentin berichtet von ihrer dreimonatigen Kreuzfahrt. Letzter Teil.

Zum letzten Mal hat sich die Seeländer gruppe auf Deck zusammengefunden. ls
  • Dossier

Als die Sonne hinter dem braunen Vulkangebirge bei Muskat untergeht und die Reklamelichter angehen, der Muezzin zum Gebet ruft und sich die Palmen im roten Abendlicht sanft bewegen, fährt die Luminosa aus dem traumhaft schönen Oman hinaus aufs Meer. Der Blick zurück auf die Stadt versetzt mich in Gedanken an den Unterricht in der Sonntagsschule in Täuffelen und an die Bilder aus dem Orient, die wir für fleissigen Unterrichtsbesuch von Frau Pfarrer Prochaska erhalten hatten. Der Abschied von Oman erinnert mich daran, dass auch das Ende unserer wunderbaren Weltreise naht.

Auf dieser einmaligen Erdumrundung erhalte ich einen kleinen Eindruck, wie gross die Erde ist und aus wie unendlich viel Wasser sie besteht. Wie unterschiedlich die Menschen in den verschiedenen Kontinenten sind und wie viele Kulturen gelebt werden. Wie Kinder und Erwachsene mit grossem Stolz ihre Nationalflagge tragen. Wie viel Reichtum vorhanden ist und wie viele Menschen täglich ums Überleben kämpfen müssen und wie einmalig schön unser Planet ist, auf dem wir glücklicherweise leben dürfen.

Wir haben am 16. September auf Aruba in der Karibik meinen Geburtstag gefeiert, am 15. November den 66. von Urs in Patong auf Phuket, am 13. September den 15. Hochzeitstag von Margrit und Ernst, wir haben nette Bekanntschaften gemacht und Freundschaften geschlossen, uns bei Sturm geängstigt und danach mit dem Meer versöhnt, wir haben gelästert, kritisiert, gelacht, gelobt, viel fotografiert und Videos erstellt, gestaunt, gut gegessen und getrunken, geshoppt, gefaulenzt, diskutiert und zugehört, politisiert und die Welt verbessert, aber kein einziges Mal gestritten, ebenso kein einziges Mal in den drei Monaten einen Regenschirm aufgespannt. Die Luminosa ging in 40 Häfen von 21 Ländern vor Anker, beim Auslaufen ertönte jedes Mal das Lied «Con te partiro» gesungen von Andrea Bocelli.

Wir sind auf dem Heimweg. Seit Muskat werden nachts die Storen runtergezogen, die Lichter im Aussenbereich werden gelöscht, Vorhänge in den Kabinen werden zugezogen, auf Deck drei sind Wasserwerfer montiert und Sicherheitsleute in schusssicheren Westen patrouillieren in den Aussenbereichen die ganze Nacht zum Schutz vor Piraterie. Dieser Zustand dauert bis ins Mittelmeer. Nach der Durchfahrt des Suezkanals, der strategisch wichtigsten Abkürzung der Welt, liegen noch Rom und der Heimathafen Savona vor uns.

Mit Freude und Stolz habe ich feststellen können, dass sich die meisten Schweizer Passagiere bescheiden verhalten haben, sie waren angenehme Mitreisende. Übrigens: Maria hat das Schwyzerörgeli aus dem Kasten geholt und der Fakir hat eine leichte Bräune angenommen. Langsam erwacht das Heimweh nach den Kindern und Grosskindern. Nach einer dreimonatigen Auszeit stelle ich mir die Fragen: Wie viele Milchzähne haben Matteo und Livio verloren? Hat Xavier den Velosturz überwunden? Wie schaut Elia aus mit seinen abgebrochenen Milchzähnchen? Wie viel sind unsere Prinzessinnen Marla und Giulia gewachsen?

Während unserer Reise habe ich mir diese Fragen nicht gestellt. Jetzt aber freue ich mich auf das normale Leben zuhause; auf Familie, Verwandtschaft, Nachbarschaft, Wintersaison, Weihnachtszeit, meine Waschmaschine, weisse Wäsche, Einkauf ohne Feilschen und den Alltagstrott. Lotti Studer

Stichwörter: Serie, Kreuzfahrt, Reisen

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