Sie sind hier

Abo

Adoptiert

«Zwei Wochen Einzelhaft, ohne frische Kleider – ich dachte, ich sterbe»

Die Schweiz hat sich im Umgang mit Heimkindern und Adoptierten in der Vergangenheit nicht mit Ruhm bekleckert. Viele Betroffene haben schreckliche Geschichten erlebt. Das BT hat mit zwei Frauen aus dem Seeland gesprochen, die in ihrer Jugendzeit Opfer von Gewalt wurden und auch 30 oder 40 Jahren danach noch darunter leiden. Die beiden Frauen treten mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit, um jungen Frauen Mut zu machen, sich gegen Gewalt zu wehren.

Bild: Copyright Matthias Käser / Bieler Tagblatt
  • Dossier

Peter Staub


«Das Leid betrifft nicht nur Verdingkinder, sondern unter dem Teppich ist noch viel mehr passiert, zum Beispiel, dass es in dieser Zeit auch viele Frauen gab, die gezwungen waren, ihre Kinder zur Adoption freizugeben oder abzutreiben.» Lisa Keller* und Bea Sommer* (siehe Zweittext rechts) haben sich beim BT gemeldet, nachdem die Redaktion Menschen aus dem Seeland suchte, die bereit waren, über ihre Vergangenheit als Verdingkind zu sprechen. Was Keller und Sommer als Kinder und Jugendliche erlebten, muss auch als «Gewalt an Frauen» betrachtet werden.
Die psychische Gewalt gegen Lisa Keller, gipfelte darin, dass die junge Frau kurz vor ihrer Volljährigkeit mit allen Mitteln zu einer Abtreibung gedrängt wurde. Keller ist heute über 50 Jahre alt, denkt aber noch täglich an ihre Geschichte, die sie geprägt hat. Sie lebt in einer kleinen Gemeinde im Seeland, spricht leise, ruhig und zurückhaltend. Sie kämpft täglich darum, mit dem Leben und seinen Herausforderungen klarzukommen. Das BT gibt ihre Geschichte gekürzt und anonymisiert wieder.


Keine Erinnerung an die Mutter
«Ich habe heute selber Kinder. Und ich bin froh, dass die Zeiten vorbei sind, in denen es einfach geheissen hat, man müsse dieses oder jenes Kind in ein Heim stecken.  Dass ich ein Adoptivkind war, erfuhr ich nur per Zufall. Ich war damals etwa sieben Jahre alt. Ich lag auf dem Rücksitz des Autos. Wir fuhren von der Grossmutter nach Hause; der Bruder sass auf dem Vordersitz. Sie dachten, ich schlafe. Das war Kopfkino pur. Ich fragte mich: «Wer sind meine Eltern? Diese Frage beschäftigt mich bis heute.» Ich fragte nach, und es hiess, meine Mutter sei eine einfache, billige Frau, also eine Trottoiramsel gewesen. Jahrzehntelang stellte ich mir dann meine Mutter mit roten Lackschuhen und einem Tigermantel vor. Das war meine kindliche Vorstellung meiner Mutter.  Da ich bereits als drei-, viermonatiges Kleinkind zu den Adoptiveltern kam, konnte ich mich nicht an meine Mutter erinnern.
Ich wuchs zusammen mit meinem nicht leiblichen Bruder, der ebenfalls adoptiert worden war, in zwei Gemeinden im Seeland auf. Wir waren völlig verschieden, wir hatten nichts miteinander zu tun, nicht nur weil er ein paaer Jahre älter war. Im Nachhinein weiss ich, dass ich immer das Gefühl hatte, nicht richtig zur Familie zu gehören, doch als ich erfuhr, ein Adoptivkind zu sein, kam das aus heiterem Himmel.  Dieses Gefühl zeigte sich etwa während der Schulferien, die wir in Graubünden verbrachten. Ich fragte damals wildfremde Leute, ob sie mich mitnehmen würden. Aber das wurde mir erst viele Jahre später klar, als ich meine Vergangenheit in einer Therapie aufarbeitete.
Mir war in dieser Familie einfach nicht wohl. Meine Adoptivmutter war sehr dominant. Ich konnte es ihr nie recht machen, seit ich mich erinnern kann. Ich genügte einfach nicht. Wenn mich ein Hund biss, war ich es nicht Wert, dass man mich ins Spital brachte, um die Wunde zu nähen. Ich hatte damals wohl eine Aufmerksamkeitsdefizit-Störung, aber das wollte niemand wissen, dabei war meine Adoptivmutter eine Lehrerin. Sätze wie: ‹Lass das sein, du machst es sowieso kaputt› oder ‹Du kannst es schon, wenn du willst, du willst einfach nicht›, begleiteten mich durch die ganze Jugendzeit.


«Ich war nichts und konnte nichts»
Im Gegensatz zu mir war mein Bruder eine Art Traumkind. Er hinterfragte nie etwas, machte, was man von ihm wollte, kam immer pünktlich nach Hause. Bilderbuchmässig. Immer gute Noten. Er ging später ins Seminar und wurde Lehrer. Zudem war er künstlerisch begabt und durfte Gesangsstunden nehmen. Er wurde von den Adoptiveltern so behandelt, wie man sich das wünscht. Ich dagegen war nichts, hatte nichts, konnte nichts.
In der Primarschule waren meine Schulnoten im Deutsch sehr gut, aber in Mathematik war es ganz ‹strub›, ich hatte eine Zahlenschwäche. Die Sprachen kamen erst später. Französisch war nie ein Problem, ich bin heute praktisch bilingue. Vielleicht, weil mein leiblicher Vater ein Franzose war. Nach der Primarschule musste ich in die Sekundarschule, dabei hätte man mich besser in der Realschule behalten, dort wäre ich einfacher durchgekommen.     
Mit Stöhnen und Ächzen brachte ich die Schulzeit hinter mich. Ich wollte Buchhändlerin werden, da ich sehr viel gelesen habe. Oder im Hotelgewerbe eine Lehre machen. Aber die Prüfung zur Hotelfachangestellten bestand ich nicht. Meine Eltern wollten, dass ich in den Verkauf gehe, doch da hatte ich bereits begonnen, zu rebellieren; ich gehorchte nicht mehr. Während meine Schulkolleginnen modische Kleider, Latzhosen mit Streifen oder Jeans mit Schlag und Zoggeli hatten, musste ich hochgeschnürte Ballyschuhe tragen. Furchtbar. Ich war etwa 14-jährig, als meine Rebellion begann. Ich hängte mit 16-, 17-jährigen Dorfrockern rum, begann zu rauchen, kam abends spät nach Hause, musste die Fesseln sprengen, stieg aus dem Fenster; das ganze Programm. Im Nachhinein sehe ich das als Hilferufe.
Meine Eltern schrien mich an, strubelten mich, zogen mich also an den Haaren. Sie gingen mit mir zu einer Psychiaterin nach Bern, das nützte alles  nichts. Die Rocker schauten zu mir, behüteten mich. Wir hatten eine Hütte bei einer Garage, da war immer jemand. Da waren auch andere junge Frauen dabei, die meine Freundinnen waren. Drogen waren kein Thema, wir tranken aber viel. Dann eskalierte die Situation. Die Eltern hatten genug und ich verschwand und hängte mit meinem Freund im Thurgau ab. Dort arbeitete ich in einem Restaurant, wo ich auch ein Zimmer hatte. Ein Kumpel hatte einen 125-er-Töff geklaut, mit dem ich herum fuhr und prompt erwischt wurde. Ich wurde auf den Posten gebracht. Dort demolierte ich die Zelle, in die sie mich steckten. Die Eltern holten mich ab und bezahlten den Schaden. Das summierte sich alles im Alter zwischen 15 und 17 Jahren und endete vor Jugendgericht. Dort kam alles zusammen. Denn ich hatte bereits mit 15 Jahren ein Mofa geklaut und den Eltern Geld gestohlen, um mir eine Lederjacke und Jeans zu kaufen.


Auf unbestimmte Zeit im Gefängnis
Der Gerichtspräsident verfügte, dass ich nach Basel in ein geschlossenes Mädchenheim kam. Wie weit es mitentscheiden war, dass mein Adoptivvater in der Gemeinde politisch aktiv war, kann ich nicht sagen. Und meine Eltern gaben daraufhin das Obhutsrecht für mich ab. Die gesetzliche Vertretung übernahm ein Beistand aus Biel. An einem Montag im Januar musste ich in Basel sein. Mein damaliger Freund, ebenfalls aus Biel, brachte mich hin. Er war zwei Jahre älter als ich. Bei seiner Familie fühlte ich mich sehr wohl. Im Mädchenheim war das Gegenteil der Fall. Es war geschlossen, mit Gittern vor den Fenstern. Ich war die Einzige unter zehn Frauen, die nichts mit Drogen zu tun hatte. Ich wusste nicht, wie lange ich bleiben musste. Es hiess einfach, ich würde beobachtet.
Was ich damals noch nicht wusste: Ich war beim Eintritt ins Heim schwanger. Professionelles Personal gab es da ein Menge. Jedes Mädchen hatte eine eigene Betreuerin. Einmal pro Woche kam eine Ärztin, einmal pro Woche gab es eine psychiatrische Therapie. Dort sprach ich von meinen_körperlichen Beschwerden. Im Spital erfuhr ich, dass ich schwanger war. Ich rief sofort meinen Freund an, der ebenfalls ausser sich vor Freude war.
Ich begann damit, mich mit der Schwangerschaft auseinanderzusetzen. Für die anderen war es ein Drama. Die Betreuer-innen machten betroffene Gesichter, die Adoptiveltern mussten kommen. Man hätte meinen können, ich habe jemanden umgebracht. Ich wollte mit meinem Freund zusammenziehen und das Kind grossziehen, aber man sagte mir, dass das nicht gehe. Da ich nicht volljährig war, hätte es ein Programm «Mutter-Kind» für mich gegeben. Im Frauenspital Basel sprach ich mit einer Psychiaterin. Auch ihr sagte ich klar, dass ich das Kind wollte. Dann aber bearbeiteten mich die Betreuerinnen und meine Eltern so lange , bis ich mich wie eine ausgedrückte Zitrone fühlte und schliesslich ja zur Abtreibung sagte.  


14 Tage im Gefängnis
Als sie mich so in die Mangel nahmen, und ich noch die Kraft dazu hatte, verlangte ich ein Gespräch mit meinem Beistand und mit dem Gerichtspräsidenten, der mich ins Heim geschickt hatte. Ich wusste nicht genau, wer für mich zuständig war. Daraufhin wurde ich abgeholt und musste eine Nacht im Gefängnis Lohnhof in Basel verbringen. Das war der Horror. Von dort wurde ich mit einem Transporter ins Gefängnis in Biel gebracht. Hier blieb ich zwei Wochen in Einzelhaft. Eine Begründung dafür erhielt ich keine. Aber es ist klar, man wollte mich weichkochen.
Ich hatte keine Kleider zum Wechseln bei mir. Nicht einmal Unterhosen. Nichts. Mein Freund durfte mich einmal besuchen. Ich weinte ununterbrochen. Er sagte, er kämpfe für mich. Aber er hatte nichts zu sagen. Ich schrieb meinen Eltern aus dem Gefängnis Briefe. Sie durften mich  nicht besuchen, was meine Mutter wütend machte, denn sie wollte mir Kleider bringen. Der Beistand war einmal bei mir. Er sagte mir, ich müsse zurück ins Heim, und dass eine Abtreibung das beste für mich sei. Den Richter sah ich die ganze Zeit nie. Diese 14 Tage im Gefängnis waren schlimm. Ich dachte, ich sterbe.
Über 30 Jahre später fragte ich überall nach den Akten: im Heim, im Spital, im Gefängnis. Das Heim hatte noch einen_Schlussbericht von mir, aber darin wird die Abtreibung oder meine Verlegung ins Gefängnis mit keiner Silbe erwähnt. Auch sonst gibt es keine Unterlagen darüber, dass ich zur Abtreibung gedrängt wurde. Das kann doch nicht sein. Wenn ich mir heute zurückschaue, denke ich, dass die für eine Abtreibung zulässigen drei Monate vorbei waren. Sie waren zu spät. Ich trat im Januar bereits schwanger ins Heim ein und musste im April die Abtreibung über mich ergehen lassen.
Nach diesen zwei_Wochen im Gefängnis wurde ein Abtreibungstermin festgelegt: etwa zwei Wochen vor meinem 18. Geburtstag. Ich wurde im Frauenspital Basel operiert. Als ich in einem Sechserzimmer aufwachte, hatten die anderen Frauen alle ihre Bébés bekommen, bei mir aber zogen sie den Vorhang. Meine Mutter besuchte mich und brachte ein Kärtchen meines Adoptivvaters mit, auf dem stand, er sei froh, dass diese ‹Sache› vorbei sei.
Nach der Abtreibung ging es mir dann sehr schlecht. Aber ich musste zurück ins ins Heim und es ging weiter, wie wenn nichts passiert wäre. Ein paar Monate später kam ich in ein Lehrtöchternheim, weil ich volljährig war, als Volontärin in der Steinenvorstadt eine Stelle in einem Schallplattenladen fand und eine Lehrstelle in Aussicht hatte. Deshalb durfte ich in eine «offene Wohnsituation». Hier hatte ich einen Schlüssel, musste aber fast die Hälfte des Lehrlingslohns abgeben. Ab und zu ging ich ins Seeland zu den Eltern, obwohl ich es ihnen natürlich übel nahm, dass sie mich zur Abtreibung gedrängt hatten. Aber so richtig bewusst wurde mir das erst später, als ich eine Psychotherapie machte. Meine Psychologin sagte mir ganz klar: ‹Nicht Sie haben abgetrieben, es waren Ihre Eltern und Ihr Umfeld, die dafür verantwortlich waren.› Als ich damals als junge Frau wieder nach Hause fuhr, hatte ich vor allem Schuldgefühle.


«Wieder war ich nicht gut genug»
Im zweiten Lehrjahr konnte ich eine eigene Wohnung beziehen. Trotz kleinerer Probleme in der Lehre ging da eigentlich alles glatt. Ich wohnte in einer uralten Wohnung in Kleinbasel. Im zweiten Anlauf klappte es mit dem Lehrabschluss als Verkäuferin. Aber erst als ich 20 Jahre alt war, wurde ich meinen Beistand los. Ich hatte gezeigt, dass ich mich alleine behaupten konnte. Ich machte dann auch die Töffprüfung und kaufte mir einen Occasion-125er-Yamaha. Die Versuchungen der Stadt Basel warfen mich nie aus der Bahn. Im Gegenteil, ich begann mit einem Jungschützenkurs, den ich ernst nahm. Da engagierte ich mich jahrelang.
Von da an arbeitete ich regelmässig im Büro einer Versicherung. Ich hatte einen Freund, mit dem ich zusammenzog. Zu Beginn der 90er Jahre wurde ich dann wieder schwanger, da war ich gegen 30. Ich freute mich, aber der Mann verschwand, weil er die Verantwortung nicht übernehmen wollte. Aber für mich war klar, dass ich das Kind diesmal behielt. Meine Eltern  dachten, ich schaffe es nicht allein. Und mein Bruder verschaffte mir einen Termin für eine Abtreibung. Und beinahe hätte ich mich wieder diesem emotionalen Druck gefügt. ‹Du schaffst das nicht, du hast noch nie etwas richtig gemacht!›, hiess es. Es war wieder wie damals, als ich Kind war. Ich war einfach nicht gut genug.   
Nach der Geburt meines Sohnes freute sich meine Mutter doch mit mir. Auch mein Vater wuchs richtig in die Rolle als Grossvater hinein. Ich zog ins Seeland zurück, wo ich einen Mann heiratete, der im Gemeinderat war. Da waren die Eltern erstmals stolz auf mich. Später trennten wir uns und ich ging mit meinem Sohn zurück nachBasel, wo ich nochmals ein Kind bekam. Erst viel später kehrte ich wieder zurück ins Seeland.
Ich fand später heraus, wer meine leibliche Mutter war und wie mein richtiger Vorname gelautet hatte. Ob mich meine Mutter freiwillig zur Adoption freigab oder ob sie gezwungen wurde, weiss ich nicht. Darauf erhielt ich nie Antwort: Meine Mutter verdrängte alles. Wer mein Vater war, fand ich nie heraus. Obwohl ich mein Leben nach Heim und Abtreibung weitgehend in Griff kriegte, hatte ich immer Beziehungsprobleme. Die Einsamkeit blieb immer. Ich hatte starke Verlustängste, die ich in Therapien zu überwinden suchte. Ich konnte auch lange Zeit nicht über meine Geschichte reden. Und es dauerte ewig, bis ich endlich den Kontakt mit der Adoptivmutter abbrach, obwohl sie mich sogar vor meinen Kindern schlechtgemacht hatte.
Das Gefängnis und die Abtreibung verfolgen mich bis heute. Das kann ich nie abschütteln. Dieser Rucksack prägt mein Leben. Die Vergangenheit verfolgt mich täglich. Über mich wurde einfach verfügt und nichts davon steht in den Akten. Heute erzähle ich meine Geschichte, um Frauen zu zeigen, dass sie sich wehren sollen, wenn jemand einfach über sie verfügen, wenn ihnen jemand Gewalt antun will.»

*Name von der Redaktion geändert

* * * * *

Gewalt hat tiefe Spuren hinterlassen

In zwei Heimen aufgewachsen, hat eine Seeländerin als Kind physische und sexuelle Gewalt erlebt.  Noch heute kämpft sie mit den Folgen und darum, dass es ihren Kindern besser geht.  


Die 50-jährige Bea Sommer* lebt in einer Seeländer Gemeinde am Jurasüdfuss. Bei ihrer Geburt war ihre Mutter 19-jährig. Sie lebte in Bern und war verheiratet. Aber das dauerte nicht lange. Nach der Scheidung gab sie ihre Zwillinge in ein religiös geführtes Heim. Die Kinder waren 18 Monate alt. «Ich weiss von den ersten Jahren im Heim nichts mehr», erzählt Sommer in ihrer wohnlich eingerichteten Stube in einem älteren Mehrfamilienhaus. Ihr Bruder habe ihr später davon berichtet, wie sie als kleine Kinder ans Bett gefesselt wurden. «Ich weiss nur noch, dass wir immer Hunger hatten.» Das war Ende der 60er-Jahre.


Vom Bruder getrennt
Der Kontakt mit der Mutter beschränkte sich auf Besuche in deren Wohnung. Alle zwei Wochen. Dass sie ins Heim kamen, sei daran gelegen, dass sie verwahrlost gewesen seien, dass ihnen beispielsweise niemand die Windeln gewechselt habe._So erzählte es ihr zumindest später ihr Grossvater. Ihre Mutter sei selbst bei Nonnen aufgewachsen. Auch deren Mutter sei ein Adoptivkind gewesen, erzählt Sommer. «Das geht weit, weit zurück.»
Als die Mutter wieder heiratete, durften die Zwillinge das Heim verlassen und zu ihr zurückkehren. Allerdings bloss für ein Jahr. «Da sagte meine Mutter, ich sei heimgeschädigt. Sie brachte mich in ein Kinderheim im Westen Berns.» Allein, ohne Zwillingsbruder. Obwohl sie immer erzählt habe, dass es ihr dort gut ergangen sei, habe das nicht gestimmt: «Ich habe immer alles beschönigt.»


«Das war nicht lustig»
Als letztes Jahr das Bundesparlament für Verdingkinder, administrativ Versorgte, Zwangsadoptierte, Heimkinder oder andere von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen Betroffene eine Wiedergutmachung beschloss, kam bei Sommer die ganze Vergangenheit wieder hoch. Sie habe psychiatrisch betreut werden müssen, nachdem sie sich ihre Akten kommen liess. «Das war nicht lustig, das gab viele Tränen.» Plötzlich kamen ihr wieder Erlebnisse in den Sinn, die sie lange verdrängt hatte. Zum Beispiel, dass sie im zweiten Heim von älteren Mädchen sexuell missbraucht worden war. «Die kamen zu mir ins Bett und verlangten, dass ich ihre Brüste und andere Stellen knutsche. Horror.» Sommer atmet kräftig durch. Sie war damals acht, neun Jahre alt. Weil sie in der Hierarchie der rund 30 Mädchen ganz unten stand, blieb ihr keine Wahl, wollte sie nicht noch mehr geplagt werden.
Daneben wurden die Heimkinder zu harter Arbeit beigezogen. «Von der Arbeit mit dem schweren Laub habe ich einen Rückenschaden», sagt Sommer. Dafür blieb die Unterstützung für die Schule auf der Strecke: «Mir sagte nie jemand, dass ich mich für die Schule anstrengen oder lernen soll, um später einen guten Beruf lernen zu können», erzählt sie.


Er drohte, sie umzubringen
Immer wieder wird spürbar, dass es ihr nicht leicht fällt, über diese Zeit zu sprechen. Immer wieder legt sie eine Pause ein, geht auf den Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Und immer wieder entschuldigt sich die sonst durchaus selbstbewusste Frau: «Sorry, aber ich kann meine Geschichte nicht einfach linear erzählen. Vieles ist mir nur bruchstückhaft in Erinnerung geblieben», sagt sie.
Neben dem schwierigen Leben im Heim, hatte Sommer noch ein anderes Problem. Ihr Vater. «Er hat mich sexuell missbraucht. Und das Heim hat das nicht verhindert», bricht es plötzlich aus Sommer heraus. Wobei sie bis heute nicht weiss, ob dies tatsächlich ihr leiblicher Vater war. Nach dem Tod ihrer Mutter fand Sommer einen Lebenslauf, in dem diese davon berichtete, dass sie selbst nicht sicher war, ob ihr damaliger Partner der Vater ihrer Zwillinge war. Sie hatte damals noch einen anderen Freund. Mit ihrem «Vater» hat Sommer schon lange gar keinen Kontakt mehr. Während der ganzen Zeit im Kinderheim habe er sie immer wieder bedroht. Sagte ihr sogar, dass er sie umbringe. Bloss weil sie ihn zurückwies.

Niemand hat hingeschaut
Sommer erinnert sich daran zurück, wie sie etwa als Zwölfjährige an einem Wochenende zur Mutter durfte. Bis dahin habe sie gedacht, der Mann, mit der ihre Mutter damals verheiratet war, sei ihr Vater. «Dann stellte mir meine Mutter einen Mann vor – einen ‹grausigen Sack›, ungepflegt, nach Alkohol stinkend – und sagte, dies sei mein Vater.» Von da an habe sie dieser Mann ständig verfolgt. Auch auf dem Schulweg. «Es war offensichtlich, dass er psychisch krank war», erzählt Bea Sommer mit erstaunlich ruhiger Stimme.
«Und dann hat er mir abgepasst, mich entführt und mich vergewaltigt.» Bitter fügt sie an, man habe einfach nicht hingeschaut, nicht hinschauen wollen. Man habe gesagt, das sei ihr Vater. Und er habe das Recht, sie zu sehen. Im Heim erzählte sie nicht, dass er sie vergewaltigt hatte. Sie habe dies verdrängt, sagt sie heute. Aber aus ihren Akten weiss sie unterdessen, dass das den Behörden damals sehr wohl bekannt war. Nachdem sie das in den Akten gelesen habe, sei es ihre eine Woche lang schlecht gewesen: «übelst übel.»
Sie sei damals 12-, 13-jährig gewesen. Aber sie habe viele Erinnerungslücken an diese Zeit. Das sei normal, habe ihr ihre Psychiaterin später gesagt, weil die kindliche Seele diese Verletzungen nicht ertragen hätte. Aber selbst jetzt, wenn sie viele Jahre später darüber spreche, merke sie, dass ihr körperlich zusetze.
Wenigstens habe sie im zweiten Heim nur einmal eine Ohrfeige erhalten. Sonst sei sie von den Betreuerinnen nicht geplagt worden. Im Gegensatz zum ersten Heim, in dem sie ins Spülbecken pinkelte, weil sie sich aus Angst vor den Betreuerinnen nachts nicht aufs Klo getraute. Wobei sie eben über diese Zeit nicht mehr viel wisse.
Die Beschäftigung mit der Wiedergutmachung sei für sie alles andere als «bloss nett» gewesen. Sie kenne Frauen in ihrem Umfeld mit ähnlichen Geschichten, die ihre Akten bewusst nicht bestellten, weil sie nicht noch einmal mit ihrer traurigen Vergangenheit konfrontiert werden wollten.


Mit Glück die Kurve gekriegt
Als Bea Sommer dem Heim entwuchs, die Schule abschloss, mit ziemlich viel Glück Drogengeschichten und Alkoholexzesse hinter sich liess und schliesslich erwachsen wurde, hatte sie immer wieder Angst, dass sie die Kette der Adoptivgeschichten in der Familie nicht unterbrechen könnte, dass sie gezwungen sein würde, ihre eigenen Kinder wegzugeben.
Und tatsächlich. Ihr erstes Kind gebar sie mit 19. Das gab sie zur Adoption frei, weil sie sich zu jung fühlte, um für das Kind zu sorgen. Danach aber lernte sie ihre erste grosse Liebe kennen und kriegte endlich die Kurve. Und fand ihren Weg ins Seeland. Mit den Partnerschaften sei es nicht immer einfach gewesen. Ihr erster Ehemann und Vater des ersten Kindes starb an Krebs. Der zweite Ehemann wollte von seinen Kindern nichts wissen. Deshalb zog sie die Kinder alleine auf. Bis die Zwillinge dreieinhalb Jahre alt waren. «Dann hatte ich ein Burnout. Mir ging es so schlecht, dass ich sie weggeben musste», erzählt Sommer.  Sie erhebt sich vom Küchentisch, um Kaffee zu machen. Das Gespräch bricht ab. Diese Erinnerung, schmerzt sie mehr als die Erinnerungen an ihr eigenes Leid.
Bea Sommer sorgte dafür, dass ihre Kinder nicht in ein Heim, sondern in eine Pflegefamilie kamen. «Das war mir wichtig.» Es sei eine tolle Familie, mit der sie noch Kontakt habe. Dort blieben die Zwillinge drei Jahre. Seit einigen Jahren sind sie zurück bei der Mutter.
Obwohl sie die Kette der Fremdplatzierungen nicht ganz unterbrechen konnte, ist Bea Sommer heute stolz darauf, dass es ihren Kindern immer gut ging. «Sie haben es dort schön gehabt und keinen Schaden davon getragen», sagt sie. Aber sie würden hin und wieder schon merken, dass ihr Mami am Abend manchmal traurig sei.

*Name von der Redaktion geändert
 

Stichwörter: Gewalt, Frauen, 16 Tage

Nachrichten zu Seeland »