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Wo der Tod alltäglich ist

Als Bestatter ist Samuel Geiser ständig mit dem Tod konfrontiert und oft von Trauernden umgeben. Da gilt es, sich abgrenzen zu können und die Freude am Beruf nicht zu verlieren. Das gelingt in dieser Branche nicht allen.

Samuel Geiser vor der Aufbahrungshalle in Biel. Copyright: Michael Lehmann/Bieler Tagblatt
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Michael Lehmann

Im Januar 2013 ist die erste Folge der SRF-Produktion «Der Bestatter» ausgestrahlt worden. In dieser übernimmt der ehemalige Kriminalpolizist Luc Conrad das Bestattungsunternehmen seines Vaters in dritter Generation, kann das Ermitteln aber nicht wirklich sein lassen.

Ersteres hat Samuel Geiser mit Luc Conrad gemein. Auch er führt das seit 67 Jahren existierende Bestattungsunternehmen bereits in dritter Generation. Anders als beim fiktiven Conrad ist Geisers Vater nicht verstorben, er konnte wegen eines Hirnschlags jedoch nicht weiterarbeiten. Das war vor 14 Jahren und der heute 40-jährige Samuel Geiser war zu diesem Zeitpunkt der jüngste Bestatter der Region.

Letzteres, das Ermitteln, überlässt er lieber der Polizei. «Das gibt es so bei uns natürlich nicht», sagt Geiser. Er hat noch keine Folge der SRF-Serie in voller Länge gesehen, konnte in den wenigen Minuten aber auch ein paar Gemeinsamkeiten mit seinem Alltag feststellen. Der Umgang mit den trauernden Angehörigen sei beispielsweise gut dargestellt. Auch das Waschen, Schminken und Einkleiden der Toten, wie es in der Serie oft gezeigt wird, gehört zum Bestatterberuf. Geiser hat jeweils einen kleinen Schminkkoffer dabei. «Dabei geht es aber mehr darum, allfällig verfärbte Stellen am Körper abzudecken», erklärt er. Würde beispielsweise Lippenstift oder Rouge aufgetragen, wirke dies schnell einmal künstlich. «Deshalb belassen wir die Verstorbenen in den meisten Fällen so wie sie sind.»

Zu den Toten sprechen

Grundsätzlich geht es einem Bestatter darum, bei einem Todesfall die Trauerfeier nach Wunsch der Hinterbliebenen zu planen. Ziel sei es, den trauernden Angehörigen so viel Arbeit wie möglich abzunehmen.

Ein pragmatischer Umgang mit dem Tod wird vorausgesetzt. Diesen pflegt Geiser, denn durch die Arbeit seiner Vorfahren, kam er bereits im Kindesalter mit dem Thema in Kontakt. Der Tod gehörte für Geiser immer zum Alltag. Wenn früher sein Vater nach Hause kam, habe er ihn jeweils gefragt: «Papa, wer ist heute gestorben?» Als Jugendlicher habe er dann seinen Vater begleiten dürfen und beispielsweise Särge geschmückt oder Verstorbenen die Haare gekämmt.

Der Brügger hat auch keine Hemmungen, zu den Toten zu reden. So frage er beispielsweise Verstorbene auch mal, ob ihr oberster Hemdknopf offen oder geschlossen sein soll, und handelt dann nach Intuition.

«Muss ausgeglichen sein»

Selbstverständlich gäbe es auch für ihn schwierige Momente, sagt Geiser. «Es ist immer traurig, wenn junge Menschen von uns gehen müssen. Sei es bei einem Unfall oder durch Suizid.» Wenn er dann mit weinenden Angehörigen rede, müsse manchmal auch er leer schlucken. An gewissen Tagen sei man schlicht anfälliger, so Geiser. Dann sei es wichtig, sich austauschen zu können. Mit einem Pfarrer, dem Arbeitskollegen oder der Familie. «Denn in diesem Beruf muss man mit sich im Einklang sein. Sonst wird es schwierig, anderen zu helfen.»

Das schaffen nicht alle. Nicht wenige in der Branche sind von Depressionen betroffen. Auch Geiser kennt drei Bestatter aus dem näheren Umfeld, die freiwillig aus dem Leben gegangen sind. Darunter sein Grossvater Abraham. Ob die Suizide etwas mit dem Beruf zu tun hatten, wisse er nicht. «Vielleicht indirekt, weil sie im Privatleben eingeschränkt waren und nicht immer das machen konnten, was sie wollten.»

Denn ein Bestatter muss flexibel sein. Das Telefon kann jederzeit klingeln. Sei es mitten in der Nacht oder während eines gemütlichen Beisammenseins mit Freunden. «In so einem Fall muss ich mich halt entschuldigen und gehen», sagt Geiser. Er selbst, der zuvor noch lachte, neckte und witzelte, muss sich dann darauf einstellen, auf Personen zu treffen, die zutiefst betrübt sind. Ein Stimmungswechsel sondergleichen. Keine einfach Aufgabe, auch für sein Umfeld. Es sei schon vorgekommen, dass er ein Essen mit seiner Freundin kurzfristig absagen musste. «Es braucht ein gewisses Verständnis von der besseren Hälfte», erklärt Geiser, fügt aber sogleich mit einem Lächeln an, dass er sich nicht beklagen könne. Im vergangenen Juli hat er seine Partnerin geheiratet.

Trost durch Dankbarkeit

Als Geiser 2005 die Bestattungsfirma übernahm, arbeitete er noch allein. Dies, so merkte er schnell, war jedoch sehr stressig und führte ihn an die Grenzen der Belastbarkeit. Drei Jahre danach ergänzte sein langjähriger Freund, Matias Bögli, das Team. Auch Geisers Brüder und andere Freunde, die alle nicht im Bestattungswesen arbeiten, helfen gelegentlich, wenn Not am Mann ist. Es ist beispielsweise nicht möglich, allein einen Sarg zu tragen.

Durch Mitarbeiter Bögli und die verschiedenen Helfer kann Geiser doch den einen oder anderen Termin im Voraus planen. Zudem nimmt er einmal im Jahr «richtig» Ferien, in denen er für drei bis vier Wochen verreist. Zum Ausgleich während der Arbeitszeit geht Geiser gerne fischen. «Das ist optimal, denn ich kann einerseits entspannen, und bin andererseits innerhalb von zehn Minuten wieder zurück im Büro.» Allgemein ist es Geiser wichtig, Zeit für seine Freunde und Familie einzuräumen. «Es ist wichtig, dass das Leben nicht an uns vorbeizieht.» Ausserdem sei dies eine gute Möglichkeit, sich von den Problemen bei der Arbeit zu erzählen und sich so gegenseitig zu entlasten.

Der grösste Trost zu den teilweise tragischen Schicksalen erhält Geiser oftmals von den Angehörigen. «Der Dank der Trauernden kommt meist von tiefem Herzen. Das tut enorm gut und entschädigt für vieles.»

Keine Angst vor dem Tod

Macht sich ein Bestatter eigentlich auch Gedanken über sein eigenes Ableben? Geht man ins Licht oder doch in die Dunkelheit? Er sei gespannt, was mit ihm nach dem Leben geschehen werde. Er sei nicht religiös, aber er könne sich vorstellen, dass die Seele des Menschen nach dem Tod eine neue Hülle suche. «Das fände ich noch schön», sagt Geiser. Angst vor dem Tod hat er auf jeden Fall keine. «Vielmehr möchte ich einfach gerne noch einiges erleben und hoffe, dafür noch etwas Zeit zu erhalten.
 

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