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Rebbau

Winzer schuften im «Paradies»

Es herrscht eine idyllische Stimmung in den Rebbergen entlang des Bielersees. Doch der Schein trügt: Der aktuelle Arbeitsschritt in der Weinproduktion gibt den Rebbauern alle Hände voll zu tun.

Der Winzer Lukas Hasler befestigt seine Reben an einem Draht-System – eine Arbeit, die viel Zeit in Anspruch nimmt.
  • Dossier

von Florin Rüdisühli

Der weisse VW Bus von Lukas Hasler rattert entlang einer schmalen Strasse durch die Rebberge von Le Landeron. Im Innenraum des Wagens riecht es nach Wein. «Die Parzelle, die ich Ihnen zeigen will, heisst ‹Le Paradis›», sagt der Besitzer der Weinkellerei Hasler. «Sie werden schon sehen warum.»

Das Rätsel um den vielversprechenden Namen bleibt nicht lange ungelöst. Am Ziel angelangt, offenbart sich eine grandiose Aussicht über den Bieler- und den Neuenburgersee. Es scheint kaum vorstellbar, dass hier in den Reben schwer geschuftet wird.

Doch der Eindruck täuscht: Die vier Hektaren Reben, die Lukas Hasler zusammen mit seinen zwei Helfern Oliver und Jarek bewirtschaftet, geben das ganze Jahr über viel zu tun. Während den letzten paar Frühlingswochen waren die Winzer mit dem sogenannten Ausbrechen beschäftigt. Dabei wird ein Teil der jungen Triebe vom Stamm und der Rute des Rebstocks entfernt. Die Trauben erhalten dadurch später mehr Sonne und werden besser durchlüftet (das BT berichtete). Nun, da die übrig gebliebenen Triebe zu wachsen beginnen, steht der nächste Arbeitsschritt an.

Die Rebstöcke an den Hängen des Bielersees sind entlang parallel verlaufender Linien gepflanzt. Alle paar Meter steht ein Pfosten. Daran sind auf verschiedenen Höhen Drähte gespannt. «Die Rebe ist eine Lianenpflanze», erklärt Hasler. «Sie braucht etwas, woran sie sich festhalten kann.» Beim sogenannten Einschlaufen werden die Reben deshalb in die Drahtvorrichtung eingefädelt und mit kleinen Klammern zusammengeheftet. Der Arbeitsschritt sei zwar recht simpel, dafür sehr zeitaufwendig, sagt der Winzer. «Die Reben wachsen an Spitzentagen mehrere Zentimeter.» Deshalb muss das Einschlaufen mehrfach wiederholt werden.


Einschlaufen: Die Reben werden auf unterschiedlichen Höhen mit Drähten fixiert, die von kleinen Klammern zusammengehalten werden.

Ein reichhaltiges Ökosystem

Durch das Drahtsystem entstehen schmale Fahrgassen zwischen den Laubwänden. Gerade breit genug, damit eine Mähmaschine zwischen den Rebstöcken hindurch passt. Es fällt auf, dass nur jede zweite Gasse gemäht ist. Das sei Absicht, erklärt Hasler. Dadurch werde der Blütenbestand zwischen den Rebstöcken gesichert. Dies wiederum fördere die Insektenvielfalt. «Biodiversität ist mir wichtig. Sie ist die Triebfeder unseres Planeten», sagt der Winzer. Ausserdem kriege man dadurch Schädlinge in den Griff: «Reichhaltige Ökosysteme regulieren sich selbst.»

Das Gesamtpaket zählt

An den steilen Hängen des Bielersees gestaltet sich die Weinproduktion viel aufwendiger als beispielsweise in den Grossbetrieben in Australien, erzählt der Rebbauer. Diese könnten flach und industriell bewirtschaftet werden. Anders als im Seeland, wo viele Arbeiten nur von Hand erledigt werden können. Rund fünf Mal mehr Arbeitsstunden müsse man für die Bewirtschaftung derselben Anzahl Hektaren am Bielersee rechnen.

Für einen vergleichsweise kleinen Betrieb werde es deshalb immer schwieriger, mit den Weinen im Billigsegment zu konkurrieren. «Wir müssen uns an Kunden wenden, die den Wert von Handwerk und dessen Vielfalt und Sorgfalt schätzen und den dafür nötigen Preis bezahlen», sagt der Winzer. Nicht zuletzt deshalb baut Hasler bei seinem Weinkeller in Alfermée eine neue Aussichtsterrasse für Apéros und Degustationen an. «Die Leute wollen immer mehr den Tourismusfaktor. Es ist das Gesamtpaket, das zählt.»
 

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