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Aegerten

«Wichtig ist, dass Andrii gefunden wurde»

Die deutsche Polizei hat den 13-jährigen Andrii vor vier Tagen der Schweizer Polizei übergeben. In der Schule ist er bisher noch nicht erschienen.

Ganz Aegerten hatte sich um Andrii Sorgen gemacht. Sarah Bittel/a

von Brigitte Jeckelmann
Am vergangenen Montag hätte Andrii eigentlich wieder in der Schule sein sollen. Doch der Platz des 13-jährigen Jungen aus Aegerten ist bisher leer geblieben. Er besucht die 6. Klasse der Primarschule Studen-Aegerten. Ob und wann Andrii wieder zum Unterricht erscheint, weiss dort niemand. Die Schulleitung teilt auf Anfrage mit, dass sie weder von den Eltern, den Behörden oder der Polizei irgendwelche Informationen erhalten habe. Wichtig sei vor allem, «dass Andrii gefunden und in die Schweiz zurückgebracht wurde». Ansonsten möchte sich die Schulleitung nicht äussern.


Erst im Extremfall die Kesb
Ob und welche Behörden nun ins Spiel kommen, ist noch unklar. Wenn schulpflichtige Kinder dem Unterricht unentschuldigt fernbleiben, kommt aber unweigerlich eine Maschinerie in Gang: Erwin Sommer, Vorsteher beim Amt für Kindergarten, Volksschule und Beratung der kantonalbernischen Erziehungsdirektion, erklärt, dass die Schule bei den Eltern nachfragt, das Gespräch sucht und allenfalls ein Arztzeugnis verlangt. Je nach Fall könne es aber durchaus sein, dass die Schule weitere Stellen einschalte: Dafür kommen schulische Heilpädagogen infrage, die Schulsozialarbeit oder die Erziehungsberatung. Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde, die Kesb, oder sogar eine Strafanzeige kommen aber laut Sommer nur «im Extremfall» ins Spiel.


Staatsanwalt prüft Strafbarkeit
Die deutsche Polizei hatte Andrii am 8. Januar gegen 14 Uhr wieder gefunden, nachdem sie ihn bereits am 27. Dezember in einer Wohnung in einer Ortschaft im Rhein-Pfalz-Kreis aufgegriffen hatte (das BT berichtete). Er war zusammen mit einem 21-jährigen Mann. Nach Angaben der zuständigen Polizei handelt es sich um eine Bekanntschaft aus dem Internet. In einem Kinderheim sollte Andrii auf seine Angehörigen warten. Doch bereits am Tag darauf riss er von dort aus. Beim zweiten Wiederauffinden war er wiederum in Begleitung des 21-Jährigen, jedoch in einer anderen Wohnung, etwa 20 Kilometer von der ersten entfernt, wie Thorsten Mischler, Leiter des Polizeipräsidiums Rheinpfalz gegenüber dem BT sagte. Mischler stellte nach der Befragung der beiden detailliertere Auskünfte in Aussicht.
Doch viel mehr wusste Pressesprecherin Hannah Michel gestern nicht zu sagen: Man habe Andrii durch polizeiliche Ermittlungsarbeit gefunden. Obwohl die Öffentlichkeit in die Fahndung miteinbezogen war, habe es keine entscheidenden Hinweise aus der Bevölkerung gegeben, die zum Erfolg führten, teilt die Pressesprecherin mit. Hinweise auf eine Straftat würden nicht vorliegen.
Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes macht die Polizei keine näheren Angaben zum 21-Jährigen. Die Staatsanwaltschaft Frankenthal prüfe jedoch, ob eine Strafbarkeit wegen Entziehung Minderjähriger gegen ihn in Betracht komme.
Wo sich Andrii jetzt befindet, darüber geben weder die deutsche Polizei noch die Kantonspolizei Bern Auskunft. Hannah Michel: «Wir haben Andrii zusammen mit dem Jugendamt an die Grenze gebracht und dort den Schweizer Kollegen übergeben.»


Zahlreiche Vermisste
Im Kanton Bern werden jedes Jahr zahlreiche Personen als vermisst gemeldet. Die meisten davon tauchen aber wieder auf. Das zeigen die Zahlen der Kantonspolizei Bern: In den Jahren 2014 bis 2018 verschwanden jährlich zwischen 192 und 230 Menschen, zwischen 40 und 55 davon waren Minderjährige.
Diese scheinen in der Schweiz nicht selten schwerwiegende Probleme zu haben. Das weiss die Stiftung Pro Juventute, die seit 20 Jahren eine Internetplattform mit niederschwelligen Angeboten für Kinder und Jugendliche betreibt. Unter der Nummer 147 erreicht man rund um die Uhr und während 365 Tagen im Jahr jemanden, der sich den Problemen annimmt. Man kann sich aber auch per SMS, im Chat oder per E-Mail an die Fachpersonen wenden.
Das kostenlose Angebot nutzen täglich rund 350 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 10 und 25 Jahren, wie Bernhard Bürki sagt, der Medienverantwortliche der Stiftung. Das Beratungsangebot unterstützt Kinder und Jugendliche bei Fragen zu Familienproblemen, Gewalt, Sucht, Schule und Beruf sowie Liebe, Freundschaft und Sexualität.
Erschreckend: Im Jahr 2017 meldeten sich gemäss Statistik jeden Tag durchschnittlich zwei bis drei Jugendliche mit Suizidgedanken oder Fragen zu diesem Thema. Die Anrufe, SMS, E-Mails oder Chats von Kindern und Jugendlichen zeigten tendenziell, dass Krisen in Zusammenhang mit Stress zunehmen, schreibt die Stiftung.
Link: www.147.ch

Stichwörter: Andrii, Vermisst, Aegerten

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