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Rebbau

Wenn sich die Reben in einen Dschungel verwandeln

In den Rebbergen am Bielersee wuchern die Pflanzen derzeit in alle Richtungen. Von Winzerin Ursula Angelrath aus Twannist deshalb unermüdliches Eingreifen gefordert. Dritter Teil unserer Winzer-Serie.

  • 1/6 Flessige Hände sind gefragt in den Reben am Bielersee: Ursula Angelrath bei der Arbeit. Reto Probst
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  • Dossier

Carmen Stalder

Der Händedruck von Ursula Angelrath ist fest. Die Finger sind rissig und mit violetten Weinflecken gesprenkelt. Hände, die mitanpacken und bei jeder Witterung draussen sind. Hände, die sich harte Arbeit gewohnt sind.

Die Twanner Weinbäuerin bewirtschaftet gut zwei Hektaren Reben – das entspricht der Grösse von knapp drei Fussballfeldern. Diese sind mit den Sorten Chasselas, Pinot noir, Chardonnay und Pinot gris bepflanzt. Abgesehen von gelegentlichen Helfern produziert und vertreibt sie ihren Wein im Alleingang.

Zügig geht Ursula Angelrath durch ihre Reben. Der steile Hang bietet einen malerisch schönen Ausblick auf Twann mit seiner Kirche und den Bielersee. Ein Bild wie aus einem Tourismusprospekt. Doch auf die 57-Jährige wartet viel Arbeit. Denn ihre Reben drohen sich in einen wilden Dschungel zu verwandeln.

«Letzte Woche sind sie bisher am stärksten gewachsen», sagt Angelrath. Der Boden sei vom vielen Regen im Juni feucht und dann sei die Wärme dazugekommen. Nun wachsen die Schosse in alle Richtungen, teils meterlang ragen sie in den Himmel.

Arbeit mit kuriosem Namen

Die Winzer am Bielersee sind schon seit einigen Wochen mit dem sogenannten Einschlaufen beschäftigt. Dabei werden die Reben in eine Drahtvorrichtung eingefädelt und mit kleinen Klammern zusammengeheftet (das BTberichtete). Doch kaum sind die letzten Reben einigermassen gebändigt, müssen die Weinbauern wieder von vorne anfangen. Zum Einschlaufen kommt nun ein weiterer Arbeitsschritt hinzu: Das «Bischösslen». Hinter dem kuriosen Wort versteckt sich ein simpler Handgriff. Beim «Bischösslen» oder auch Ausgeizen werden nämlich überzählige Blätter entfernt. Genauer sind es diejenigen, die in den Blattachseln wachsen, das ist der Winkel zwischen Stengel und Rebblatt.

Flink entfernt Angelrath Blatt um Blatt. Besonders im unteren Bereich der Reben sorgt sie für Ordnung, denn hier reifen später die Trauben. Und die brauchen ihren Platz. «Wenn ich diesen Schritt nicht machen würde, könnten die Trauben verfaulen», sagt die Weinbäuerin. Vor allem bei Nässe könnte der Blätterwald gefährlich werden. «Würde es den ganzen Sommer über nie regnen, müsste ich diese Arbeit nicht machen. Aber wir sind ja hier in der Schweiz», so Angelrath lachend. Noch aus einem anderen Grund soll es unten bei den Reben schön luftig sein: «Das macht uns der Läset einfacher. Wir können so die Trauben schneiden und sie fallen direkt in die Kistchen.»

Vom Labor in den Weinberg

Allzu rabiat darf Angelrath allerdings nicht eingreifen. Denn die Blätter sind für die Reben überlebenswichtig. Über sie können die Reben einen grossen Teil der Energie beziehen, die sie zum Wachsen benötigen. Fotosynthese heisst dieser Vorgang.
Ursula Angelrath ist eigentlich gelernte Chemikerin. Doch als die Weiterführung des Familienbetriebs auf der Kippe stand, hat sie sich dazu entschlossen, voll auf die Karte Rebbau zu setzen. «Ich mag die Vielfalt dieses Berufs. Von der Arbeit in den Reben bis zu Werbung und Verkauf mache ich alles selbst.» So liefert sie ihre Weinflaschen manchmal sogar persönlich mit dem Velo aus.

Ab und zu steht Angelrath trotzdem noch im Labor: In ihrem Haus analysiert sie Weinproben, misst etwa die Säure des Rebensafts. Doch aktuell bleibt ihr dazu nicht viel Zeit. «Momentan sind die Tage lang. Manchmal stehe ich in den Reben bis es finster ist.»

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Der Alltag in den Reben

  • In dieser Serie begleitet das «Bieler Tagblatt» verschiedene Winzer in der Region bei ihrer Arbeit.
  • Dabei werden die verschiedenen Arbeitsschritte der Winzer aufgezeigt: Vom Ausbrechen (Teil 1) über das Einschlaufen (Teil 2) bis hin zur Läset im Herbst. cst

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