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Ammerzwil/Lobsigen

Wenn Beiz und Schule verschwinden, 
sind neue Ideen gefragt

Die Post ist weg, die Käserei zu und die Schule geschlossen – das Leben in den kleinen Dörfern droht auszusterben. Wollen deren Bewohner ihre Treffpunkte retten, müssen sie aktiv werden.

Treffpunkt Schulhausplatz Lobsigen: Heidi Aeschbacher (rechts) und ihre Mitstreiterinnen vom Dorfverein Loru haben einen Fahrdienst für ältere Anwohner organisiert. Bild: Nicole Philipp

Simone Lippuner

Ammerzwil, 1972: Im überschaubaren Weiler der Gemeinde Grossaffoltern leben rund 500 Menschen. Es gibt im Dorf eine Post, zwei Gasthöfe – das Kreuz und die Buure-Pinte mit Dancing –, eine Bäckerei, eine Käserei, einen Velohändler und einen Schreiner. Die Kinder gehen im Dorfschulhaus zur Schule, der Spielplatz ist belebt, man trifft sich in den Quartierstrassen, feiert gemeinsam den Sommer.

Ammerzwil, 2019: Es leben rund 700 Menschen hier, viele Neuzuzüger, junge Familien. Der Velohändler und ein Dachdecker sind noch da. Und das Schulhaus. Aber das schliesst in zwei Jahren seine Tore. Ansonsten? «Wüste», sagt Erwin Frey. Der 72-jährige Kaufmann ist Ur-Ammerzwiler und hat miterlebt, wie sich das Leben aus seinem Dorf zurückzog. Die Zeichen der Zeit. Das Bild ist in vielen ländlichen Gemeinden und Weilern dasselbe, die Orte werden ruhiger, anonymer, ohne Auto geht gar nichts mehr, weil es im Dorf keine Infrastruktur mehr gibt. Das Thema ist ein altes.

Reine Nostalgie
«Die Zeit kann man nicht anhalten», sagt auch Erwin Frey, der früher im Gemeinderat von Grossaffoltern mitwirkte. Und doch: Einfach so hinnehmen dürfe man dieses Aussterben der Aussendörfer nicht. «Es gibt Werte, die müssen erhalten bleiben.» Die Gemeinschaft, das Miteinander, der Austausch. Dafür braucht es Treffpunkte. In Ammerzwil ist das Schulhaus der einzige und letzte Treffpunkt für die Vereine und Dörfler. Als der Gemeinderat 2014 kommunizierte, das Schulhaus schliessen zu wollen, schreckten die Ammerzwiler auf: Gegen die «Verarmung des Dorflebens» galt es vorzugehen. Sie mobilisierten und brachten das Geschäft an der Gemeindeversammlung zu Fall. An forderster Front: Erwin Frey.

In einem zweiten Durchlauf hiess Grossaffoltern die Zentralisierung der Schule dann doch gut – das Schulhaus Ammerzwil wird übernächstes Jahr geschlossen. Eine entschlossene Truppe rund um Initiant Erwin Frey fackelte nicht lange und rief die IG Begegnungsort Schulhaus Ammerzwil ins Leben. «Wir suchen derzeit nach Lösungen, ob und wie wir das Schulhaus weiterhin nutzen können.» Zur Diskussion steht auch der Kauf der Liegenschaft.

Der Turnverein will die Räumlichkeiten weiterhin für die Trainings nutzen können, die Jungschar hat Interesse bekundet sowie Privatpersonen, die im alten Schulhaus eine Feierabendbeiz einrichten wollen. Frey: «An Ideen mangelt es nicht, aber wir werden auch die Unterstützung der Gemeinde benötigen.» Frey empfindet die Wertschätzung der Gemeinde gegenüber den Vereinen und der ganzen Freiwilligenarbeit, die elementar sei für die Belebung der Dörfer, als zu gering.

Vorbild Lobsigen
Der Grossaffolter Gemeindepräsident Niklaus Marti (BDP) findet klare Worte: «Am Aussterben des Dorflebens sind wir alle selber massgeblich beteiligt.» Er sagt: «Wir jammern und lassen uns von nostalgischen Gefühlen leiten, wenn der letzte Laden oder die letzte Wirtschaft schliesst.» Doch würden alle längst im nächsten Einkaufszentrum einkaufen und den Abend lieber zu Hause vor dem Fernseher verbringen als in der Dorfbeiz. Es sei auch keine Aufgabe der Gemeinde, ein Gasthaus zu betreiben oder ein Schulhaus zu privaten Zwecken zu unterhalten. «Für uns ist jedoch klar, dass wir die Ammerzwiler unterstützen», so Marti. Werde das Schulhaus beispielsweise an Externe verkauft, dann sicherlich nur mit Auflagen. «Wir haben versprochen, dass wir Hand bieten, also werden wir dies auch tun.»

Die IG wird sich in den kommenden Wochen treffen und das weitere Vorgehen besprechen. Vorbild und Austauschpartnerin ist dabei die Nachbarin: In Lobsigen, Gemeinde Seedorf, schliesst das Schulhaus bereits diesen Herbst. Der Weiler mit 360 Einwohnern hat mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie Ammerzwil – wenn es um die Wiederbelebung der Dorfgemeinschaft geht, ist Lobsigen anderen Gemeinden jedoch um Nasenlängen voraus: Dort hat man aus der Not eine Tugend gemacht. «Es ist spannend», sagt der Seedorfer Gemeinderat Ueli Hügli (Grüne), «durch den fortlaufenden Abbau der Dienstleistungen wurden die Dörfer umso aktiver.» Die Einwohner hätten sich organisiert, das Angebot an Anlässen sei gewachsen.

Seedorf umfasst fünf Dorfschaften, jede hat einen eigenen Verein. Die Dorfschaft Lobsigen-Ruchwil-Dampfwil hat sich im Verein Loru organisiert. Er hält eine Art Mikrokosmos am Leben. Loru bietet nebst grösseren Festivitäten auch zahlreiche Treffpunkte für Alt und Jung: Es gibt einen Loru-Kindertreff, ein Loru-Kafi, ein Loru-Chörli, ein Loru-Atelier und sogar eine Loru-Zeitung. Auch sportliche Aktivitäten mit einer Walking- und einer Flyergruppe stehen auf dem Programm. Jeden Donnerstag gibt es einen Einkaufsfahrdienst für ältere Menschen: Momentan nutzen sechs Seniorinnen das Angebot, in zwei Autos fahren sie nach Aarberg, kaufen ein, trinken Kaffee, tauschen sich aus. 14 Fahrerinnen und Fahrer wechseln sich im Turnus ab.

Enormes Bedürfnis
«Früher gab es in Lobsigen einen Laden, zwei Beizen, eine Bäckerei, eine Käserei und die Post, heute gibt es nichts mehr», sagt die 45-jährige Karin Schwarz, die in Lobsigen aufgewachsen ist und den Verein Loru seit neun Jahren präsidiert. «Das Bedürfnis, sich irgendwo zu treffen und auszutauschen, ist gross», stellt sie fest. Alle Angebote würden intensiv genutzt. «Die Vereine sind notwendig, damit ein aktives Dorfleben überhaupt stattfinden kann.» Auch die Gemeinde schätze, wie viel eine Dorfschaft mittragen und auslösen könne.

Doch nun steht Lobsigen am selben Punkt wie Ammerzwil: Mit dem Schulhaus verschwindet der letzte Treffpunkt. «Das Ganze ist emotional, aber wir haben nicht gegen den Schliessungsentscheid mobilisiert.» Man wolle Lösungen und einen guten Dialog mit der Gemeinde. Eine Arbeitsgruppe mit acht Mitgliedern arbeitet nun verschiedene Vorschläge aus. Mitte Mai wird sich die Dorfschaft treffen und entscheiden, mit welchen Ideen an den Gemeinderat gelangt werden soll.

Die Wydimätteler
Nicht nur im Seeland gibt es Gemeinden mit kleinen Aussendörfern: Auch im Emmental finden sich solche Strukturen. Sind dadurch auch die Probleme ähnlich? Ein Blick nach Walkringen zeigt, dass der Aufschrei und die Forderung nach dem Status quo grösser sein können als das effektive Bedürfnis nach einer aktiven Gemeinschaft. «Wydimätteler möchten ihr Schulhaus weiter nutzen», titelte die «Berner Zeitung» vor 19 Jahren. Nachdem die Milchannahmestelle und das Lädeli verschwunden waren, zitterten die Anwohner um den letzten Treffpunkt: das Schulhaus Wydimatt. Nachdem der Unterricht bereits eingestellt worden war, fanden dort unter anderem noch Predigten und Treffen der Lismigruppe statt.

Die «Wydimätteler», durch einen Hügelzug vom restlichen Gemeindegebiet Walkringens getrennt, erreichten, dass die Gemeinde das Schulhaus mit Auflagen an Private verkaufte, der frühere Werkraum blieb deshalb zugänglich. Der Vertrag wurde für 10 Jahre abgeschlossen. «Das Bedürfnis nahm aber relativ rasch wieder ab», sagt Gemeindepräsident Peter Stucki (parteilos). Jahrelang sei im Schulhaus nur noch wenig passiert, der Vertrag lief aus und wurde nicht erneuert. Stucki: «Erst jetzt kommt wieder Bewegung rein, letzte Woche fand dort jedenfalls eine Predigt statt.» Dies werde nun jedoch freiwillig und bilateral zwischen den Hauseigentümern und den Interessenten geregelt.

Ob in Walkringen, Ammerzwil, Lobsigen oder sonstwo, ohne aktive Menschen gibt es kein Dorfleben. Wo Ideen und Bedürfnisse existieren, zeigen sich die Gemeinden meist kooperativ. Sie wünsche sich, sagt Karin Schwarz aus Lobsigen, dass man Lösungen für die Zukunft finde und ihre Dorfschaft weiterhin so lebendig bleibe. «In einer Gemeinschaft zu leben, sich zu kennen, zu helfen und zu unterstützen, das ist einfach ein grossartiges Gefühl.»

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