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„Krawattenzwang“

Vom Nachtbub und der Polizei

Im persönlichen Blog berichtet Bernhard Rentsch, publizistischer Leiter der Gesamtredaktion und Chefredaktor „Bieler Tagblatt“ wöchentlich über Erlebnisse im privaten wie im beruflichen/gesellschaftlichen Leben – dies immer mit einem Augenzwinkern. Heute: Vom Nachtbub und der Polizei.

Krawattenzwang: Bernhard Rentsch
  • Dossier

Ende April – kurz vor dem Tag der Arbeit, dem 1. Mai. Am nächsten Montag ist es soweit. Viele von uns werden arbeiten, einige werden sich an die ursprünglichen Inhalte dieses Tages – Kampftag der Arbeiterbewegung für annehmbare, faire Arbeitsbedingungen – erinnern, Dritte werden etwas länger im Bett bleiben. Denn sie haben während den Nachtstunden gearbeitet: Die Nachtbuben. Die Buben stellen ein Tannli, die Mädchen bedanken sich kochend. Daraus entstand der Brauch des „Maitannli-Setzens“ in der Nacht auf den 1. Mai. So will es die Tradition, und so wird es vielerorts vor allem in ländlichen Gemeinden immer noch gehandhabt.

Ich erinnere mich gerne: Bereits die Vorbereitungen hatten es in sich. Welche Mädchen werden berücksichtigt und – viel entscheidender – wie kann das Tannli beim entsprechenden Haus gestellt werden? Das ist nämlich häufig gar nicht so einfach, braucht entsprechende Gerätschaften und viel handwerkliches Geschick. Ganz abgesehen von den Verhandlungen mit dem Förster über die Auswahl der zu fällenden Tannen, das Arbeiten im Wald und die Transportthematik. Mit einem Ladewagen voller kleiner Tannen durchs Dorf zu fahren, ist weder praktisch noch leise. Und wenn dann, wie bei uns früher, das Zugfahrzeug ein alter Traktor mit sehr vielen Arbeitsstunden unter der Haube ist, wird’s zusätzlich abenteuerlich. Der Spruch ging rum, dass der Fahrer sich besser schon am 29. April aufmachte, wenn im Oberdorf ein Tannli zu setzen war. Jedenfalls musste beim Überqueren der Hauptstrasse vor dem Stutz der Verkehr angehalten werden, damit der Traktor mit seiner Ladung mit Schwung in die Steigung starten konnte.

Meist glückte alles und die Tannli standen am geplanten Ort. Dass nicht alle Mädchen des gleichen Jahrgangs berücksichtigt werden konnten, war dann aber noch lange ein Thema. Noch heute, über 30 Jahre nach meinen Nachtbuben-Aktivitäten, werde ich gelegentlich auf diesen „Fehler“ angesprochen.

Eine andere Geschichte bleibt in Erinnerung: Als sich an einem 1. Mai der Dorfpolizist meldete, kam ich erstmals und bisher zum einzigen Mal ernsthaft in Verdacht und in den Fokus der Staatsgewalt: Beim etwas wilden Umstellen von Gartenmöbeln und Ähnlichem, was halt auch zum Brauch gehört, haben wir wohl tatsächlich über die Stränge gehauen, was eine Anzeige bei der Polizei zur Folge hatte. Die Täter waren rasch ermittelt, wir sind zu unseren Untaten gestanden und haben den Fall eigenhändig und mit ehrlichen Entschuldigungen erledigt.

Möge diese Tradition weiter bestehen, die des Tannli-Stellen, nicht die des Verschleipfen von Gartenmöbeln. Also junge Männer: Denkt an die Mädchen eures Jahrgangs und stellt fleissig Maitannli. Ich warte gerne auf viele Fotos der schönsten Exemplare. Und ich verspreche, die auch zu zeigen. Und dann: geniesst ein gutes Essen. Das schulden euch die Auserwählten.


brentsch@bielertagblatt.ch

Twitter: @BernhardRentsch

 

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