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Seeland West

«Tut um Gottes Willen etwas Tapferes»

Die Reformierten Kirchgemeinden Seeland West haben Jürg Fankhauser aus Twann, Therese Chen aus Biel und Erika Kocher aus Müntschemier zu den Gewinnern des diesjährigen Schreibwettbewerbs gekürt.

Symbolbild: Pixabay
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Tut um Gottes Willen etwas Tapferes

Jürg M Fankhauser, Twann

Am 5. Januar des Jahres 1527 wurde die Tür des Gefängnisturmes auf dem Wellenberg in Zürich aufgestossen, vier grobschlächtige Kerle stiessen einen Mann hinaus in die Kälte. Seine Arme waren auf dem Rücken gebunden, er trug nur einen einfachen Kittel und eine weite Hose. Schuhe trug er keine, die Füsse waren so weiss wie der Schnee, über den er glitt und stolperte. Er blinzelte, vom Tageslicht geblendet, und taumelte, gestossen und gezogen, den Weg hinunter. Wer ihnen begegnete, nahm den Hut vom Kopf und blickte ihnen nach. Ein Glöcklein wimmerte. Ein Zug von Neugierigen formierte sich, der ihnen folgte. Als sie den belebten Fischmarkt unweit des Flusses erreichten, warf sich unvermittelt eine Frau an die Brust des Gebundenen, einen Mann konnten die Schergen festhalten. Schluchzend flehte die Alte den Gebundenen an, er möge bei ihr bleiben, sie nicht verlassen, Gott solle ihn schützen. Der Gebundene sprach ein paar leise Worte zu ihr, die Umstehenden verstanden nur den Schluss: „Du bist in Gott geborgen, Mutter, weine nicht um mich. Ich werde heute meinen Herrn sehen.“ Und zum Mann, den die Schergen von ihm fernhielten, sagte er: Kümmere dich um sie, mein Bruder. Gott sei mit dir und den deinen.“ Die vier Schergen stiessen ihn weiter bis ans Ufer der Limmat, wo ein Schifflein bereit stand. Er wurde sogleich aufs Schiff gestossen, wo vom Nachrichter, dem Henker Zürichs, auch seine Füsse gebunden und mit den Händen zusammen an einem Holzscheit im Rücken straff so verknotet wurden, dass er sich kaum mehr bewegen konnte und hilflos im Bootsrumpf lag. Seine Augen suchten nach etwas. Da, er fixierte einen Mann am Ufer, mitten unter den Gaffern.

„Ueli,“ rief er laut. „Schau, was du mit zu verantworten hast. Ich bin ein gläubiger Christ wie du. Wir sind uns in fast allem einig. Dass wir taufen wollen, wie es uns der Herr Christus selber vorgemacht hat, nämlich als selbstverantwortliche Menschen, das kann doch nicht der Grund sein, dass ich und meine Brüder und Schwestern verderben müssen. Du hast bei Marignano gekämpft, ich lehne das Schwert ab. Du willst, dass ich sterbe. Ich lehne die Todesstrafe ab. Du wendest dich gegen Luther in der Frage, ob während des Abendmahls Christus leibhaftig zugegen sei oder nur im übertragenen Sinn. Ist das wichtig? Du lehnst dich auf gegen den Papst und damit gegen die

katholische Kirche. Du bist ein mutiger Mann, das ist wahr. Jetzt tu um Gottes Willen etwas Tapferes und gib uns die Freiheit, zu glauben, was wir für gut finden, so wie du glaubst, was du für gut findest. Unsere einzige Sünde soll sein, dass wir uns an das Wort des Herrn halten? Genau das verlangst du doch! Das Wort sie sollen lassen stahn!“

Es war still.

Keiner bewegte sich.

Nicht einmal der grosse, hagere Mann des Todes in seinem schwarzen Kleid, der wie ein Todesengel über dem Gebundenen schwebte.

„Du schweigst. Gott sei mit dir, Ueli.“

Der Angesprochene, bekannt in der Stadt wie kein zweiter, starrte auf die wabernde Wasserfläche, die langsam vor ihm vorbeifloss.

„Jetzt kriegst du deine Taufe!“, rief eine Stimme von weit hinten.

Niemand lachte.

Ein Gerichtsdiener trat vor und rief laut: „Das Urteil der hohen Gerichtsbarkeit unserer Stadt lautet: Der Täufer Felix Manz soll wegen seines aufrührerischen Wesens, seiner Zusammenrottung gegen die Obrigkeit und weil er gegen die christliche Regierung und die bürgerliche Einheit gehandelt hat, hier und jetzt dem Nachrichter übergeben werden, der ihm seine Hände binden, ihn in ein Schiff setzen und gebunden in das Wasser werfen soll, um ihn im Wasser sterben zu lassen, damit er nach Gericht und Recht gebüsst habe.“

Der Schiffer stiess das Boot ab, seine Helfer lenkten es in die Mitte des Flusses. Felix Manz sang im Rumpf liegend mit fester Stimme die Hymne In manus tuas, domine, commendo spiritum meum. Ein Seil wurde am Holz im Rücken des Todgeweihten befestigt. Der Nachrichter stiess den Gebundenen in die eisige Limmat, das Seil spannte sich, ein dunkles Bündel trieb unter der glasigen Wasseroberfläche vom Schiff weg, bis das Seil sich spannte.

Die Menge am Ufer schwieg.

Die Schiffer ruderten langsam gegen die Strömung, so dass das Gefährt immer am selben Ort blieb. Minuten lang.

Langsam lenkten es die Henkersknechte jetzt dem Ufer zu, legten an, stiegen aus, ohne Eile, zogen das Boot aus dem Wasser, zogen am Seil, Hand um Hand, schleiften das Bündel an Land. Wasserbächlein flossen von der unbewegten Gestalt zurück in den Fluss.
Jetzt suchten die Umstehenden jenen Mann, den der soeben zu Tode gebrachte in seinen letzten Worten angesprochen hatte.

Aber Ulrich Zwingli, der sich selber Huldrych nannte, war gegangen.

 

In Turmesnähe

Therese Chen, Biel

Ich näherte mich staunend. Die markanten Grossmünstertürme erweiterten ihre klassisch-harmlose Wahrzeichenrolle und waren nun Leuchttürme, Sprechtürme, so wie einst die Turmwächter von den Zinnen ihre Weisungen über die Stadt riefen. Ein behelmter Spezialist, nun ja, nicht gerade Spiderman, aber mutiger Fassadenbegeher, liess sich von seinem Team an der Kante abseilen. Soeben hatte er unterhalb der Zinne rundum ein weissgrünes Tuch befestigt, das in die Altstadt hinein und über die Limmat hinweg schrie:

Farbe bekennen.

Ich liess dem Mann Zeit, nach der schwindelerregenden Aktion den Boden zu spüren. Er schaute zum Turm hinauf: Mission erfüllt. Er kommunizierte mit seinem Bodentrupp, tippte etwas in sein Tablet, streifte seine mit Haken und Ösen versehene Klettermontur ab, versorgte sie im Materialwagen, der wegfuhr, zog ein Jackett an. Ich fasste Mut und trat auf den Mann zu. Er hatte ein sensibles Gesicht, ich sah in ihm mehr den Seilartisten als den Arbeiter vom städtischen Bauamt.

Ich gratuliere Ihnen zu dieser Klettertour. Haben Sie eine Beziehung zur Botschaft auf dem Transparent?

Zu 'Farbe bekennen?' Nicht so direkt. Ich führte einen Auftrag aus. Wenn wir da überall noch unsere Meinung dazu hätten, haben müssten. Was ist es für Sie?

Hier, beim Grossmünster, könnte man denken, es sei der Auftakt zum Reformationsjubiläum... sowas wie die Abwandlung von Zwinglis Aufruf „Tut in Gottes Namen etwas Tapferes...“

Ach, der Zwingli, der ist mir nun wirklich zu weit weg... Nun gut, der hat damals Farbe bekannt, war aber ein sehr zweischneidiger Typ. Die Täufer...

Sehen Sie, Sie haben eine Meinung.

Das mit der Farbe könnte mit unsern... Ich habe Feierabend, gehen wir in ein Café.

Was also hat Zwingli gefordert? Tut in Gottes Namen etwas Mutiges?

Ja, auch so könnte es lauten: Tut etwas Mutiges. Bloss, da ist schon ein Unterschied zu tapfer. Wollen wir es anhand Ihrer Aktion durchdenken?

Das war allenfalls mutig. Tapfer hat was Opferhaftes an sich, man liefert sich einer ungewissen, gefahrvollen Entwicklung aus. Ich habe einen sehr überblickbaren Auftrag erfüllt, Routine eigentlich, und war rundum abgesichert. Was Sie wohl nicht gesehen haben: auf der andern Turmseite befand sich mein Kollege, wir waren gut koordiniert. Definitiv, tapfer war das nicht.

Nun, das ist die technische Seite. Aber als Sie das Transparent aufhängten, haben Sie sich da Fragen gestellt? Was mich betrifft: ich bin dauernd mit mir im Clinch, z.Bsp. wenn ich im Bus verbale Angriffe auf Migranten erlebe und mich nicht wehre. Aber selbst das wäre höchstens mutig, nicht tapfer.

Sie geben mir ein Stichwort: Wir waren an der Gemeindeversammlung beim Traktandum Mitbenützung der Sportfelder durch die Asylanten des nahen Zentrums. In gehässiger Stimmung überwog die Meinung, das sei Salami-Taktik und führe zu immer weiter gehendem Eindringen in die dörflichen Strukturen. Ich nahm das seltsam feige zur Kenntnis anstatt mich mit einem geharnischten Votum zu wehren.

Ich heisse Katja.

Und ich Fred - freut mich!

Fred, als du das Wort geharnischt brauchtest, sah ich Zwingli im Harnisch vor mir. Seinen Kriegsruf begreife ich neu und wohl anders als er: Wenn wir unsere Rüstungen sprich Ideologien ausziehen, könnten wir dann mehr aus dem Herz heraus agieren?

 

Tut um Gottes Willen etwas Tapferes

Erika Kocher, Müntschemier

Was ist so stark auch nur in mir? Es ist nicht gross und nicht besonders, es ist ein leiser, zarter Weg - ein Weg nach innen, wieder hinaus.

Ich sag es mal so:
Die Füsse gehn, die Augen sehn Gesichter - ach so starr vor Weh - und Augen - irgendwie so leer - als sehen sie, und doch kaum mehr.

Was meine Augen da geschaut huscht einfach in mein Herz, erzählt vom Fremden, gar nicht laut, ich fühle diesen Schmerz.

Der Zwingli drängt: Was Tapfres tun. Es ist, als dürfe ich nicht ruhn. Ist da gemeint die grosse Tat? Die find ich nicht, da brauch ich Rat.

"Was willst du nur! Geh Schritt für Schritt." Das hör ich gern, jetzt mach ich mit.

Ich seh vor mir, was unscheinbar - es sind die Falter in der Nacht. Die gibt es auch als Menschen gar - vielleicht ja noch verhundertfacht.

Ich seh sie an, bin einfach da, ein warmer Blick, und fern wird nah. Dies kurze Wissen in uns drin ist tief und still und sagt: "Ich bin."

So winzig der Moment auch sei - oh, ruf ihn jederzeit herbei. Es ist der Weg, gar wundersam, wie lächelnd er ins Auge kam...

Hm - soll das nun tapfer sein? Es war so leise, kurz und fein. Doch 's ist nicht immer mühelos so vielfach täglich - doch auch gross?

Ein Herz, das anhält, aushält, hält, und ein's, das dies erlebt und spürt, kann anders gehn, ist ja erwählt, wohin sein Weg auch immer führt.

Im Feinen ist Bewegung drin, das mag wohl sein des Lebens Sinn.

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