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Frinvillier

Taucher erforscht den Quellschlund

Der Höhlentaucher Christophe Meyer hat die Tiefen der Merlinquelle in Frinvillier erkundet. Wegen des trüben Wassers konnte er teilweise kaum mehr die eigene Hand vor dem Gesicht erkennen. Nur dank einer Leine hat er wieder herausgefunden.

Christophe Meyer hat stets zwei Tauchflaschen dabei. Ein Drittel der Luft verbraucht er auf dem Hinweg, ein Drittel auf dem Rückweg – und der Rest ist Reserve für Notfälle. Bild: Matthias Käser

von Carmen Stalder


Von weit her nähert sich ein fahles Licht. Luftblasen steigen empor, sammeln sich zu einem Blubbern. Das Licht kommt näher, wird heller. Mit einem lauten Platschen ist der Höhlentaucher Christophe Meyer zurück an der Oberfläche. Ausgerüstet mit zwei Tauchflaschen, einem Anzug, der ihn vor dem acht Grad kalten Wasser schützt, mehreren Lampen und Kameras, kommt er von einem Erkundungsgang der Merlinquelle zurück.

«Très intéressant», sagt der Jurassier und steigt aus dem Austrittsloch der Quelle heraus. «Gesehen habe ich aber praktisch nichts.» Vom vielen Schlick sei das Wasser trüb. So trüb, dass er manchmal nicht einmal mehr seine eigene Hand vor den Augen erkennen konnte. Bevor er weiter erzählen kann, muss er nach draussen, hinaus an die warme Luft. Seine Finger sind zittrig vor Kälte, er hat Mühe, sich den Neoprenanzug abzustreifen.


Viele Taucher zeigen Interesse

Während mehr als 100 Jahren hat die Merlinquelle die Bevölkerung in Biel mit Trinkwasser versorgt. Seit 2005 wird das Wasser nicht mehr ins Bieler Trinkwassernetz eingespeist (siehe BT von letzter Woche). Beim Energie Service Biel (ESB) galt die Quelle aber weiterhin als Trinkwasserquelle für Notfälle. So wurden bis anhin alle Anfragen von interessierten Höhlentauchern abgelehnt – und davon gab es einige, wie Anneliese Soom vom ESB sagt. Zu gross wäre die Gefahr einer Verschmutzung des Wassers gewesen.

Seit letztem Jahr wird die Merlinquelle nun nicht mehr als Notlösung in Betracht gezogen. Als wieder einmal eine Anfrage der bernjurassischen Sektionen der Schweizerischen Gesellschaft für Höhlenforschung eintrudelte, gab der ESB grünes Licht für einen einmaligen Tauchgang zu wissenschaftlichen Zwecken. Das Ziel:Die Quellhöhle neu auszumessen, um die Daten im Höhleninventar abzugleichen. Abtauchen durfte Christophe Meyer, ein erfahrener Höhlentaucher, der mehrmals pro Woche in Höhlen im Jura, der Schweiz und ganz Europa taucht.

Normalerweise sprudelt aus der Merlinquelle Wasser hervor. Nur bei tiefem Wasserstand ist es möglich, in den Quellschlund hineinzugelangen. Dies ist derzeit der Fall – und so war es auch vor fast 60 Jahren. Damals fand eine erste Tauchaktion statt: Spezialisten des Seerettungsdienstes und der Bieler Tauch-Sport-Schule tauchten 1959 in die Quelle hinab.

In einem Bericht über den Tauchgang heisst es folgendes:«Unser Erstaunen war nicht gering, als schon bei einem ersten Tauchgang von 40 Metern Länge eine Tiefe von 20 Metern gemessen wurde. Mit Unterbruch von zwei grösseren Grotten senkt sich der tunnelartige Quellzufluss mit 45 Grad Neigung in das Bergesinnere; nach einer letzten Erweiterung in 20 Meter Tiefe löst er sich dann in ein verästeltes System von Spalten und Klüften auf.»


Fast stecken geblieben

Draussen an der Sonne angekommen, beginnt Meyer zu erzählen. Er sei durch eine tunnelartige Senkung getaucht – genau so, wie es auch die Taucher vor ihm berichtet hatten. «Die haben damals gute Arbeit geleistet mit ihren Ausmessungen», sagt Meyer. Teils habe er um grosse Felsblöcke herum schwimmen müssen, einmal sei er fast stecken geblieben.

Das sei denn auch eine der grossen Gefahren beim Höhlentauchen, erklärt François Maire von der Schweizerischen Gesellschaft für Höhlenforschung. «Fürs Höhlentauchen muss man ein wirklich guter Taucher sein. Neben dem Risiko, sich einzuklemmen, besteht auch die Gefahr zu tief zu tauchen oder die Orientierung zu verlieren», sagt Maire.

Damit Letzteres nicht passieren kann, führt Christophe Meyer eine weisse Leine mit sich, die er in bestimmten Abständen an der Höhlenwand fixiert. Farbige Markierungen an der Leine weisen darauf hin, wie weit er bereits getaucht ist. «Wenn ich die Leine aus den Augen verlieren würde, fände ich nicht mehr hinaus», sagt Meyer.


Angst kennt er nicht

1959 hatten die beiden Taucher Eingänge zu zwei schmalen Durchgängen entdeckt. Diese wollte sich nun auch Meyer genauer ansehen. Rückwärts, das heisst mit den Flossen voraus, habe er versucht, hineinzugelangen. «Leider war es zu eng.»

Meyer strahlt über das ganze Gesicht, während er von seinem Tauchgang erzählt. Schade, habe er nicht mehr sehen können. Dann wäre es «magnifique» gewesen. Als Aussenstehende ist seine Faszination schwer nachvollziehbar. Freiwillig in eine dunkle, kalte und enge Höhle tauchen? Niemals! Auf die Frage, ob er da unten denn nicht Angst habe, meint Meyer bloss: «Natürlich nicht.»

Mit ein paar Klicks lädt er die neuen Filmaufnahmen auf den Computer. Zu sehen sind seine Hände, die nach der weissen Leine tasten, von braunem Schlick überzogene Felsen und das Licht seiner Lampe, das ins trübe Wasser hineinleuchtet. «Jetzt kommt das Ende des Tauchgangs», sagt Meyer, hier sei er nicht mehr weitergekommen. Auf dem Bildschirm sieht man, wie sein Finger etwas in den Schlamm zeichnet: «Terminus.»

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