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Fahrende

Pauschalisierend abgestraft

Die Bevölkerung in Pieterlen und Meinisberg wehrt sich gegen einen Transitplatz für ausländische Fahrende – mit allen Mitteln. Dabei zeigt sich nicht nur Angst, sondern auch Vorurteile und Fremdenhass. Ein Kommentar.

Meinisberg wehrt sich gegen den Transitplatz. copyright: anne-camille vaucher/bielertagblatt

von Lino Schaeren

In Pieterlen und Meinisberg will der Kanton Bern Transitplätze für ausländische Fahrende realisieren. Diese Mitteilung rüttelte Ende Mai die zwei Gemeinden auf. Der Widerstand war schnell formiert und gross, da es (so scheint es zumindest) gar keine Befürworter gibt. An den jeweiligen Gemeindeversammlungen, an denen der zuständige Regierungsrat Christoph Neuhaus (SVP) das Vorgehen des Kantons zu verteidigen suchte, wurde ein wenig diskutiert – vor allem aber der Entrüstung und der Wut Luft gemacht. Das ist nicht weiter verwunderlich und teilweise verständlich, da die Fahrenden immer wieder Plätze, die sie ungefragt in Beschlag nahmen, in unzumutbarem Zustand zurückgelassen haben.

Offizielle Standplätze sollen nun künftig die Möglichkeit bieten, klare Regeln aufzustellen, noch bevor die Fahrenden ihre Wagen auf dem Areal abstellen können. Miete wird gezahlt und die Schranke erst dann wieder für die Weiterfahrt geöffnet, wenn sich der Platz in seinem ursprünglichen Zustand befindet. Sanitäre Anlagen und Stromanschluss stehen zur Verfügung. Kein Luxus. Nur das Nötigste. Die Fahrenden verdienen die Chance, zu beweisen, dass sie sich an die Regeln halten. Aufgrund der heute fehlenden Transitplätze (schweizweit gibt es für ausländische Fahrende offiziell zwei, im Kanton keinen) existieren kaum Erfahrungswerte, die ihnen eine solche Möglichkeit absprechen würden.

Die sachliche Argumentation interessierte an den Gemeindeversammlungen in Pieterlen und Meinisberg aber die wenigsten. Denn die Empörung ging weit über den Punkt der möglichen Verschmutzung vonGemeindeboden hinaus. Verallgemeinerungen und rassistische Äusserungen sind der traurige Höhepunkt einer Panikmache. Die resolut ablehnende Haltung – fern ab einer differenzierten Auseinandersetzung – ist ganz offensichtlich salonfähig geworden. Die Parallele zu geplanten Asylzentren drängt sich geradezu auf. Die Bürger reagieren mit Verunsicherung, mit Angst, mit Vorurteilen, mit Fremdenhass, selten aber mit konstruktiver Kritik. Behörden und Bevölkerung setzen sich, «mit allen Mitteln», zur Wehr, pauschalisierend wird mit dem Finger gezeigt und gewettert, ohne sich auf der sachlichen Ebene wirklich auseinandergesetzt zu haben. Einige schimpfen, weil sie selber schlechte Erfahrungen gemacht haben, die anderen, und das sind die Meisten, weil in den Gemeinden vom schlechten Benehmen «der Fremden» erzählt wird. So auch in Pieterlen und Meinisberg. Die Fahrenden würden nicht nur verdrecken; sie seien kriminell, eine Gefahr für die Bevölkerung, sie machten Gratisferien auf Kosten der Gemeinde.

Die Meinungen über die ausländischen Fahrenden sind scheinbar unumstossbar: «Niemand will sie, warum sollten ausgerechnet wir sie aufnehmen?». Weil die Parzellen in Pieterlen und Meinisberg mit der Lage direkt an der A5 für Transitplätze geeignet sind. Weil die Fahrenden als anerkannte Minderheit ein Recht haben auf Standplätze. Dieses Recht wird ihnen in der Schweiz heute zu weiten Teilen verwehrt, weshalb die Fahrenden sich auf privaten Grundstücken niederlassen. Der Kanton steht in der Pflicht, aktiv zu werden – und tut dies nun endlich.

Neuhaus hat den schwierigen Auftrag gefasst, geeignete Plätze zu finden. In den über 300 Gemeinden im Kanton wurde gesucht, nachdem sich kein Freiwilliger gemeldet hatte. Alle haben sie gehofft, nicht ausgewählt, nicht «zum Opfer» zu werden, und wenn doch, wäre die Reaktion wohl in jeder anderen Gemeinde ähnlich ausgefallen wie in Pieterlen und Meinisberg. Das hat Neuhaus gewusst. Er sagte deshalb bei der Präsentation der möglichen Standorte im selben Atemzug, dass emotionale Argumente nicht zählen würden. Nur Fakten könnten die Realisierung der Plätze verhindern. Bei seinen Besuchen in den Gemeinden musste er dann feststellen: Auch seine Argumente zählten nicht. Er hat sich dem Sturmlauf der Entrüstung ausgesetzt, versucht, sachlich dagegenzuhalten, wurde dabei aber kaum gehört. Schade.

Denn der emotionale Widerstand, so heftig er auch sein mag, wird die annehmbare Lösung wohl höchstens verzögern. Mit grosser Wahrscheinlichkeit baut der Kanton mindestens einen der beiden Plätze. Es wäre angebracht, die ablehnende Haltung abzulegen und stattdessen eine kritische einzunehmen.

Kommentare

Regina

Sehr geehrter Herr Schaeren, unseren Widerstand gegen einen Transitplatz für ausländische Fahrende in unseren Gemeinden mit Fremdenhass abzutun, ist doch sehr anmassend und beleidigend. In Meinisberg wie in Pieterlen leben sehr viele Ausländer und ich hatte bisher nie den Eindruck, dass sie sich unwohl fühlen. Ich schlage Ihnen vor, dass sie sich nach Abreise einer Gruppe ausl. Fahrenden bei der Putzmannschaft melden und dort mithelfen, die Hinterlassenschaften wegzuputzen. Wie lange sie dann noch von Rassismus reden, oder nur noch Ekel empfinden, würde ich gerne von Ihnen persönlich erfahren. Wenn sie sich besser informiert hätten, wüssten sie auch, dass bei den 2 bestehenden Plätzen in der Schweiz, die Umgebung, trotz fest gebauten Toiletten, nicht besser aussieht wie jetzt in Worben, Studen und immer wieder in Biel.


heidi_2

Seehr geehrter Herr Schären, grundsätzlich erachte ich Ihren Artikel als polemisierend. So werfen sie doch alle schweizer Bürger in einen Topf mit der Aussage "Niemand will sie, warum ausgerechnet wir", welche nun wirklich nicht explizit aus unseren Gemeinden stammt. Wie kommen Sie dazu uns eine unkritische Haltung vorzuwerfen. Genau diese haben wir im Bezug auf das Vorgehen des Kantons und nicht prioritär auf den zu erwartenden Kolateralschaden. Ich empfehle Ihnen sich doch eingehend mit dieser Thematik zu befassen, damit Sie auch einen objetiven Blick auf die grundlegende Problematik erhalten. Es geht nämlich primär darum, dass eine nationale Minderheit (Meinisberg, Pieterlen) in ihrer Gemeindeautonomie beschnitten wird. Die Problematik der dadurch bevorzugten ausländischen Minderheit ergibt sich somit zwangsläufig. Dass Sie unter diesen Aspekten dennoch nach Toleranz fordern, zeugt von Subjektivität resp. polemisierendem Boulevardjournalismus. Emotionen gehören nun mal dazu, dies ist auch Ihrem Artikel Ihrer Haltung zu entnehmen.


Archery

Die Fahrenden sind ja selber schuld dass sie niemand will! Da wo Sie waren, alles verschissen, alles verdreckt von Müll, Diebstahl und Einbrüche, etz. Soll mir niemand sagen dass das nicht stimmt! Da auf privatem Grundstück musste ich selber aufräumen!!!


Demokrat

Lengnau würde sich für einen Transitplatz besser eignen. Im Dreieck der Leugenen und zwischen den beiden Kreiseln würden sie auch visuell niemand stören! Die Burgergemeinde würde dazu Hand bieten!


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