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Rebbau

Noch profitieren die Winzer von der Hitze

Die Landwirtschaft im Seeland ächzt unter der lang anhaltenden Trockenperiode. Die Winzer am Bielersee hingegen freuen sich über die vielen Sonnenstunden, die einen guten Weinjahrgang versprechen.

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von Carmen Stalder

Dem Winzer kleben die Haare auf der Stirn, der Schweiss läuft ihm den Rücken hinunter. Im Rebhang bei Wingreis ist es weit über 30 Grad heiss. Für Martin Mürset bedeutet das ein weiterer schweisstreibender Arbeitstag, nur ein Bad im See wird ihm kurzzeitig Abkühlung verschaffen. Doch der Twanner will sich nicht beklagen. Dank der vielen Sonnenstunden in den vergangenen Wochen verspricht er sich bereits jetzt einen Spitzenjahrgang. «Wenn jetzt auch noch der Herbst schön wird, haben wir ein supertolles Jahr.»

Auch die Winzerin Vera Tiersbier aus Schafis kann dem Rekordsommer Gutes abgewinnen. «Die Trauben wachsen derzeit wunderbar, sie mögen die Wärme.» Und Weinbauer Alfred Lüthi aus Alfermée hofft auf einen aromatischen und konzentrierten Wein. Die Trockenheit bringt einen weiteren Vorteil für die Winzer mit sich: Sie haben dieses Jahr weniger mit Mehltau und anderen Pilzkrankheiten zu kämpfen.

Jürg Maurer, Rebbaukommissär beim Amt für Landwirtschaft und Natur des Kantons Bern, bestätigt die Erfahrung der Winzer. «In trockenen Sommern gibt es weniger Druck von Pilzkrankheiten. Ebenso vermehrt sich die Kirschessigfliege weniger.» Weiter müsse zwischen den Rebstöcken weniger gemäht und die Reben weniger oft gekappt werden. «Die Rebe ist eine Pflanze, die Trockenheit viel besser erträgt als andere. Daher darf man für den Rebbau in Anspruch nehmen, dass das bisherige Wetter beste Voraussetzungen für einen tollen Jahrgang bietet», sagt Maurer.

 

Junge Reben leiden
Ganz frei von Sorgen sind die Winzer am Bielersee nicht. Denn auch wenn sie derzeit noch vom Wetter profitieren – irgendeinmal ist es auch zu viel des Guten. Gibt es über zu lange Zeit keinen Niederschlag, beginnen die Trauben auszutrocknen und es bleibt beim Läset weniger Saft übrig.

Unter der aktuellen Schönwetterperiode leiden besonders die jungen Reben. Deren Wurzeln reichen nicht tief genug in den Boden, um an genügend Feuchtigkeit zu gelangen. Alfred Lüthi wendet deshalb im Moment einen Tag pro Woche fürs Bewässern mit dem Schlauch auf. Bei seiner letzten Bodenprobe hat er festgestellt, dass der Boden erst ab 30 bis 40 Zentimetern Tiefe feucht ist.

Auch Martin Mürset muss seine Jungreben bewässern. Dies macht er von Hand, den ein Bewässerungssystem hat es in seinem Rebberg nicht. Mit dem Schlauch oder einer Kanne stapft er alle zwei Tage für ein paar Stunden durch die Reben und giesst die besonders exponierten Stöcke mit Wasser aus der nahen Zisterne. «Das ist aber nur ein Tropfen auf den heissen Stein», so Mürset zum anstrengenden Prozedere. Er könne niemals all seine Pflanzen bewässern, der Aufwand wäre viel zu gross. Und so hat er bereits einige seiner Jungreben an den Hitzesommer verloren. Immerhin speichere der vor Jahren ausgeteilte Rindenkompost die Feuchtigkeit im Boden relativ gut.

«Dort wo nicht bewässert werden kann, gibt es dieses Jahr bei Jungreben sicher grosse Ausfälle», prognostiziert Jürg Maurer. Je nach Standort und bei geringer Bodentiefe würden auch ältere Reben schon früh unter Trockenstress leiden – gerade, wenn es mehrere Wochen lang nicht regne und ein Niederschlagsdefizit bestehe. Also so, wie es derzeit der Fall ist.

 

Regen und kühle Nächte
Vereinzelt haben die Blätter im Rebberg in Wingreis eine herbstliche Färbung, wie sie es in einem durchschnittlichen Jahr erst in ein paar Wochen bekommen sollten. Ein paar Trauben von Mürset haben braune Flecken, ein Zeichen von Sonnenbrand. Noch ist die Situation nicht dramatisch, beschwichtigt der Winzer. Wenn es aber nicht bald regnet, könnten die Trauben in ihrem Entwicklungsprozess gestoppt werden. Er hofft nun auf den prognostizierten Regen von Ende Woche, dann käme «in letzter Minute» doch noch alles gut.

Auch Lüthi hofft auf baldigen Niederschlag. «Geht es noch ein paar Wochen so weiter, verlieren die Stöcke an Laub.» Winzerin Anne-Claire Schott aus Twann sagte zudem gegenüber Radio «Canal 3», dass die Nächte kühler werden sollten – Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht seien nämlich förderlich für ein gutes Wachstum. Gemäss Rebbaukommissär Maurer wäre es ideal, wenn es jetzt einige Tage regnen würde und dann bis zum Läset wieder eine trockene Phase käme. Aber: Bis Mitte September kann noch viel passieren.

 

Bewässerung wird zunehmen
Treffen die erhofften Niederschläge nicht ein, müssen die Winzer weiter ihre Reben bewässern. Das bringt längerfristig ein neues Problem mit sich: Die Wurzeln der Pflanzen wachsen dann eher in die Breite als in die Tiefe. Reben, die nicht künstlich bewässert werden, sind daher grundsätzlich resistenter gegen Trockenheit. Maurer sagt, dass es früher etwas verpönt war, die Reben zu bewässern. «Wenn man es aber zur richtigen Zeit mit der richtigen Dosierung macht, kann dadurch die Qualität des Traubengutes verbessert werden.»

Erste Schweizer Gemeinden mahnen zum Wassersparen. Ist es demnach nicht problematisch, dass die Weinbauern die Reben mit der wertvollen Ressource versorgen? In unserer Region sei das kein Problem, so der Rebbaukommissär: «Für die Winzer am Bielersee wird es glücklicherweise nie eine Wasserknappheit geben. Sie verfügen teilweise über ein leistungsfähiges Bewässerungssystem und aus dem See darf ohne Einschränkung Wasser entnommen werden.» Der Klimawandel führe wohl dazu, dass künftig noch mehr Bewässerungssysteme installiert werden.

So weit denken die Winzer am Bielersee derzeit noch nicht. In den Wochen bis zum Läset wollen sie jetzt noch das Beste für ihre Trauben herausholen. Und die Ernte kommt heuer früher als sonst, denn die Vegetation hat einen grossen Vorsprung gegenüber dem durchschnittlichen Wert. Ein paar Winzer werden deswegen bereits Mitte Monat mit dem Läset der ersten frühreifen Sorten beginnen.

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