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Velotour

Höhenjunkies im indischen Bürokratiedschungel

Den Himalaya mit seinen einsamen Tälern, stiebenden Wasserfällen, grandiosen Schneeriesen und gastfreundlichen Menschen wollen Bea und Pit Thalhammer noch nicht loslassen.

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Pit Thalhammer

Während den vier Erholtagen in Keylong reissen wir keine Bäume aus, die verdreckten Velos stehen in der Ecke, putzen macht keinen Sinn. Interessant, dass viele Velo- und Motorradfahrer die Route über das Spiti-Tal nach Shimla wählen oder von dort kommen, also den Rohtangpass und Manali meiden. Wir lassen uns von den begeisterten Schilderungen anstecken und entscheiden uns kurzfristig für die 600 Kilometer durchs imposante Spitivalley nach Shimla. Wir wollen den Himalaya noch nicht loslassen; es ist einfach viel zu schön hier!

Die Abzweigung vom National Highway 3 ins Chandra Taal könnte man glatt verpassen. Schluss mit Asphalt, jetzt geht es auf staubiger, steiniger Piste weiter. Stehend reiten wir im Schritttempo in Schlaufen zum Chandra River ins Tal, die Arme werden am Abend mehr schmerzen als das Hinterteil. In wenigen Minuten wird der Kopf frei, die stinkenden, lärmenden LKWs und hupenden PKWs sind weggewischt.

Die «Strasse» ist nur grob planiert, Verbauungen fehlen, Brücken sind selten; oft müssen wir uns den Weg durch Geröll und Wasser suchen, wenn ein reissender Bach aus einem Seitental Berge von Geschiebe über der Strasse aufgetürmt hat. Auf den nächsten 90 Kilometern bleibt das so. Ab und zu ein Auto, zwei, drei Lastwagen pro Tag und einige hart gesottene Motorradfahrer, ansonsten lässt uns der Verkehr in Ruhe. Ernst aus Holland ist der einzige Velofahrer, den wir treffen.

Gemüsevielfalt auf dem Dach der Welt

Die Strasse über den Kunzum La, 4590 Meter über Meer, ist weniger steinig, als sie die Tage vorher war. Also ein Glückstag für uns, denn wir fahren meist im 13. Gang, das heisst im zweitkleinsten. Allerdings wird auch viel geschoben, kalt pfeift der Wind um die Ohren. Die 11 Kilometer bis zum Pass ziehen sich zäh wie Kaugummi. Wie schön könnte die Abfahrt ins Spiti-Tal sein, wäre der Weg einigermassen eben, so aber holpern wir vorsichtig wie über rohe Eier ins Tal, auf der Hut, dem Abgrund nicht zu nahe zu kommen und in den steilen Kurven nicht auf die Nase zu fallen. Wer das Besondere sucht, muss sich nicht beklagen.

Wir folgen dem Tipp anderer Radfahrer und nehmen die schmale, asphaltierte Nebenstrasse kurz nach Hanse zum Klosterdorf Kibber in den Bergen. Kein Verkehr mehr und ein Leckerbissen der Sonderklasse, wie sich bald zeigt. Der Blick auf den Fluss tief unten, der sich alle Rechte nimmt und breit durch das Tal mäandert, ist der Hammer. Wind und Regen haben aus Molasse und Sandablagerungen spitze Kegel geformt, die uns wie Märchenfiguren links und rechts der Strasse grüssen. Wir pedalen den Umweg gerne, und dass es nochmals auf 4220 Meter hoch geht, nehmen wir (fast) mit links. Weizen, Kohl, Bohnen und anderes Gemüse wächst auf kleinen Terrassen-Feldern, die sich wie bunte Flickenteppiche zwischen den Bergflanken drängen – und das auf 4000 Meter über Meer.

Einmal mehr haben wir ein glückliches Händchen gehabt und dafür ein Geschenk bekommen, das alle Mühen vergessen lässt. So schön, hier sein zu dürfen!

Strom gibt es nur auf gut Glück

Kaza ist das einzig grössere Dorf im Spitivalley und zugleich Hauptort. Was aber nicht automatisch heisst, dass es (endlich) mal wieder Internet gibt, das auch funktioniert. Für fast alles braucht es Strom, und der macht sich rar (wie übrigens in jedem Dorf hier). Tagsüber kommt mit Glück Saft aus der Dose, meistens aber erst abends. Wer es sich leisten kann, stellt einen Benzingenerator neben den Ladeneingang.

Kein Strom, kein Benzin an den Zapfsäulen. Kein Bankomat, der Kohle ausspuckt, warmes Bier, kein Drucker und kein Fotokopierer, der seinen Dienst tut, und eben auch kein Internet (das, nebenbei gesagt, auch mit Strom nicht funktioniert).

Apropos Drucker. Für das Spitivalley braucht es ein sogenanntes Permit, also eine Reisebewilligung, die an Strassencheckpoints kontrolliert und abgestempelt wird.

Das Büro befindet sich in Kaza. Zuerst müssen Fotokopien von Pass und Visa her, zusätzlich sind drei Formulare auszufüllen. Die Unterlagen gibt es beim nahen Kopiershop. Der stinkende Generator rattert gleich im Eingang und vertreibt mit seinen beissenden Abgasschwaden so manche empfindliche Touristennase.

Zurück im Büro heisst es erst mal alles ausfüllen und warten. Blick in die Kamera, aber die funktioniert gerade nicht, ebenso streikt der Drucker (ich muss morgen erneut antraben und Fotos mitbringen). Der Beamte tut uns schon fast leid, muss er doch alles nochmals mit zwei Fingern von unseren Formularen in den Laptop eintippen. Später wird ein Foto in einen zehn Zentimeter dicken Schunken eingeklebt und fein säuberlich mit Namen versehen.

Die österreichische Touristin neben uns fragt den Beamten, ob es Probleme geben würde, weil bei ihr im Permit als Herkunftsland «Australia» statt «Austria» stehe. «No problem», meint der Chef hinter dem Schalter. Ist ja fast dasselbe Land, oder? Wir Schweizer gehen oft sowieso als Schweden durch.

Hat da irgendjemand mal gesagt, die Inder seien stark in allem, was Computer angeht? Willkommen im indischen Papier-Bürokratiedschungel!

Äpfel, Maulwürfe und Vorfreude auf Shimla

Wir fahren weiter dem Spiti-River entlang und geniessen das breite Tal und mit ihm die immer besser werdende Strasse. Übrigens sind wir vor Sarchu vom Bundesstaat Jammu und Kashmir fast unbemerkt in den Nachbarstaat Himachal Pradesh pedalt. Die Distanzen haben hier andere Dimensionen als in der Schweiz. Indien ist ein riesiges Land.

Auf den Schwemmsandterrassen entlang des Flusses bis weit hinauf in steilste Lagen wachsen Apfelbäume. Jetzt ist Erntezeit, täglich überholen uns viele Pickups schwer beladen mit rotbackigen Früchten. Vor einer Woche war es Blumenkohl, jetzt sind es Äpfel, die ins Tiefland von Indien transportiert werden.

Von wegen weites Tal, unvermittelt wird es eng. Die steilen Bergflanken, eigentlich nichts weiter als äusserst instabile Schutthänge, von denen häufig Steine ins Tal donnern und die Fahrbahn malträtieren, lassen der Strasse wenig Raum. Wir wagen kaum hinzusehen, so brüchig und unstabil wirken die Felsen dort, wo die einspurige Strasse in die Felsen gesprengt wurde. Eine Strassenbaustelle löst die andere ab. Zwischen LKWs und Autos passt beim Kreuzen kaum eine Hand. Wir schauen, dass wir rasch weiter kommen. Ständig wie Maulwürfe im Dreck zu wühlen, nervt. Wir sind gespannt auf den Touristenort Shimla.

Info: Seit 2012 radeln die gebürtigen Safnerer Bea und Pit Thalhammer durch die Welt:
www.bepitha.ch

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