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Gewerbe und Gastronomie

"Hier bin ich verwurzelt"

Ein Jahr lang begleitet die Autorin dieses Textes den Seeländer Gemüseproduzenten Jim Woodtli. Erlebt, wie das Jahr an ihm und dem Hof vorbeizieht und Spuren hinterlässt, sowohl im Winterschlaf wie auch in den turbulenten Sommermonaten. Neben den monatlichen Gedichten, die aus diesen Begegnungen entstehen, nun also, knapp über der Halbzeit, ein Portrait des vielseitig interessierten Jungbauern.

In diesem ausnehmend heissen und trockenen Sommer musste ständig gegossen werden.

von Vera Urweider

Sein Lieblingsgemüse ist die Zwiebel. Eine Diva zwar, sei sie, doch auf der anderen Seite sehr unkompliziert. Sie sei widerstandsfähig, mache ihre eigene Schale, dann nimmt man sie mit nach Hause, lässt sie länger rumliegen und sie ist immer noch geniessbar. Doch im Wachstum sei sie schwierig. Eine lange Jugendphase habe sie, anfällig sei sie dann, brauche viel Licht und Wärme. Pubertät halt.

Solche Gegensätze mag er. Jim Woodtli spricht über sein Gemüse wie über Menschen. Freunde. Schon sein halbes Leben lang ist der 31-jährige in seinem Beruf tätig. Mit 19 Jahren stieg er nach der Grundausbildung in den elterlichen Betrieb ein, sieben Jahre später, mit 26, hat er ihn übernommen.

 

Von Kunst und Kunst
Er wollte das. Sonst würde er es nicht tun. Die Erde unter den Fingernägeln und ein verschwitztes Gesicht. Woodtli hat ganz genaue Vorstellungen von dem, was er will. Ist geradlinig. Er schläft im Sommer oft maximal vier Stunden pro Nacht. Freizeit kennt er kaum. Einen Bürotisch schon gar nicht.

Würde er nicht draussen arbeiten können, er würde eingehen. Wie ein Pflänzchen. Er ist in zweiter Generation Gemüsebauer in Gampelen, bewirtschaftet 29 bis 33 Hektaren Land. Ein Beruf, den man bewusst wählen muss, sonst hält man ihn kaum aus. Oder wie er es sagt: «Bauer kannst du nicht spielen. Bauer bist du. Oder nicht.»

Und er ist es, Seeländer Gemüsebauer mit Leib und Seele. Doch nicht nur. Da ist er zum einen auch bei der freiwilligen Feuerwehr. «Manchmal will ich einfach mal wieder etwas anderes sehen», sagt er «und der Allgemeinheit etwas Gutes tun.» Und schliesslich bringe er ja gewisse Fähigkeiten von Haus aus mit. «Mit einer Wasserpumpe korrekt umzugehen, das ist gar nicht so einfach.» Dass er das kann, ist nach dem diesjährigen Hitzesommer nicht weiter schwer zu glauben.

Zum anderen hegt Woodtli ein grosses Interesse an der europäischen Geschichte ab dem 15. Jahrhundert. Historisch, kulturell, menschlich. Er ist weltpolitisch und kulturell versiert, so sehr, dass manchmal die Frage auftauchen mag, zumindest im strengen Sommer, wann genau er sich denn noch so ausführlich damit beschäftigen kann. Seine Gedanken überraschen, sind pointiert und ausgereift. Und enden oft in langen Gesprächen.

Und da kommt noch eine weitere Leidenschaft zum Zuge: das Theater. Als interessierter Zuschauer. Oder seltener – die Zeit reicht kaum dazu – auch als Amateurspieler. In andere Figuren und Welten eintauchen, das reizt ihn sehr. Hier kann er Wissen und Neugier kombinieren mit Spontaneität und körperlicher Arbeit. Und erzählen. Erzählen, das tut er gerne.

Eigenschaften, die er schliesslich sogar als Parallele zu seinem täglichen Beruf ziehen kann. Von Theaterkunst zu Gemüsekunst. Als Gemüseproduzent mit eigenem Hof und Verantwortung für Pflanzen und Arbeiter, da sei es wesentlich, dass man neugierig und spontan bleibe. «Du weisst nie, was kommt. Kannst dein Jahr noch so planen, dann macht das Wetter, was es will.» Oder die Schädlinge. Oder der Preisdruck.

Zerbrechliche Freude
Vor zwei Jahren begann alles sehr viel zu werden, irgendwann im vergangenen Jahr dann plötzlich zu viel. Erschöpft und ausgelaugt vom ständigen Kampf gegen den wirtschaftlichen Druck. Augenringe. Bleiche Haut. Preissenkungen von Grossabnehmern bei gleichbleibender Arbeit. «Ein gewisser Preiskampf war ja immer da. Aber schleichend extremer wurde es halt mit dem Eintritt von Aldi und Lidl in die Schweiz», sagt er. «Plötzlich war er da, der Preiszerfall.»

Das Schönste an seiner Arbeit, die Freude am frischen Produkt und der stete Versuch, unter strengen Umständen das Beste hervorzubringen, begann zu leiden. Die Überforderung stieg. Und er litt mit. Schaute zu, wie andere Betriebe geschluckt wurden. Oder komplett schliessen mussten. Da zog er den Stecker.

Ob Woodtli vor einem Jahr fast an einem Burnout gescheitert wäre? «Nein.» Er schüttelt energisch und bestimmt den Kopf, das Colaglas fällt ihm fast aus der Hand, und fügt an: «Ein Gemüsebauer hat kein Burnout.» Erklärt, man würde vielleicht depressiv oder sei eben anderweitig erschöpft und ausgelaugt, kämpfe gegen Windmühlen. Ein Burnout hiesse aber aufgeben. Und «ein Gemüsebauer gibt nicht auf.»

Sitzt der junge Mann, der damals nach der Grundlehre mit 19 Jahren nichts anderes wollte, als schnellstmöglich nach Hause und im elterlichen Betrieb mitarbeiten, auf seinem Traktor und fährt über seine Felder, dann ist er glücklich. Im Februar jeweils, wenn die ersten längeren Sonnenstrahlen scheinen nach dem ruhigen Winter, zieht es ihn raus. Hinaus aufs Feld und das neue Jahr beginnen. Am liebsten schon mal irgendwo unüberlegt irgendwas setzen. Einfach pflanzen. Hier, hier oder hier. Er lacht.

Dieses Gefühl, diese Freude, das wollte er zurückgewinnen. Die Mutter aus der Region, der Vater ehemaliger Hochseekapitän. Das Land das sich jener hier, zwischen den drei Seen, aufgebaut und erarbeitet hatte, das ist Woodtlis Kindheit. Heimat. «Hier gehöre ich hin, hier bin ich verwurzelt.» Wie seine Pflanzen. Also begann er umzustrukturieren.

Glücklicherweise sei er, im Gegensatz zu manchen Kollegen, breit aufgestellt. Viele hätten sich spezialisiert, er jedoch habe eine breite Palette an Produkten. So konnte er von einem Jahr aufs andere auf den Preiskampf reagieren. «Es war vor allem der Frisée mit seinem immer tiefer werdenden Fixpreis», sagt er. Letztes Jahr lieferte Woodtli noch bis nach Zürich für den Grosshandel, in diesem Jahr produzierte er satte 80 Prozent weniger von dem Salat. Nur noch für die Region. Die weniger intensiven Kartoffeln und Weizen stehen heute da, wo vorher der Frisée war.

«Ich glaube, ich hätte diesen Hitzesommer nicht überstanden, hätte ich weitergemacht wie 2016. Alles ist so unglaublich schnell gewachsen.» Woodtli ist sich sicher, das Richtige gemacht zu haben. «Mehr ist eben nicht immer mehr», das sei für ihn sehr wichtig geworden. Im August verzichtete er zudem darauf, eine dritte Runde Blumenkohl zu setzen. Normal seien zwar schon nur zwei, doch das lang anhaltend gute Wetter hätte selbstredend dazu eingeladen. Doch die Lebensqualität, die er mit der Neuorganisation zurückgewinnen konnte, die sei unbezahlbar.

Heute zählt Woodtlis Betrieb vier bis sieben Mitarbeiter, je nach Jahreszeit. 2017 waren es noch deren 16. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, sagt, wie es ist: «Ich war total am Anschlag». Aber so, so kämen plötzlich Ideen und Zeit für neue Dinge. Mut und Fantasie, Neues auszuprobieren.

Das «Lyrische Bauernjahr» sei das eine. Für ihn sei es wie eine Dokumentation über diese Zeit des Wandels. Der Umstrukturierung. Der Unsicherheiten. Und des Gelingens. Etwas, das er in zehn Jahren noch vor sich haben kann. Für einmal schweigt er. Kurz.

Und dann wäre da noch die neue Art Zwiebel, die er ausprobieren wollte. Die weisse. Rote und gelbe hatte er schon. Nun liegen sie hier nebeneinander in allen drei Farben. «Ich habe definitiv noch Fehler gemacht bei der weissen, die ist nicht ganz einfach», sagt er. Ernten hätte er sie können, klar, aber «man kann da noch viel rausholen. Muss halt dran bleiben und weiterlernen.» Die Augen leuchten nun. Doch doch, das komme dann schon gut. Eine Diva halt.

 

Lyrisches Bauernjahr – Teil 2
«Nichts ist so beständig wie Veränderung. Und das will ich festhalten.» Diese Gedanken Jim Woodtlis liegen dem Lyrischen Bauernjahr zugrunde.

Vor gut einem halben Jahr startete das Langzeitprojekt des Seeländer Gemüseproduzenten und der freien Journalistin Vera Urweider. Kennengelernt hatten sich die beiden Ende 2016 in einem Hörspiel- und Theaterprojekt – eine Leidenschaft, die sie teilen. Nun, nach sieben Monaten und sieben Gedichten, sind sie ein eingespieltes Team.

Die monatlichen Besuche auf dem Hof werden effizienter, die Langzeitreportage in Gedichten wächst. War es am Anfang ein Versuchen, ist es heute ein Machen. Die andere Sichtweise einer Städterin auf sein Tun und Leben, das sei sehr spannend für Woodtli.

Urweider indes sieht sich Monat für Monat neu vor der Herausforderung, das jeweilige Thema und die Stimmung in Gedichte zu fassen. Gedichte, die sich in der Form gleich sind. Zum Glück weiss Woodtli jeweils ganz genau, was für ihn aktuell und wichtig ist und kann das Thema geschlossen vorschlagen. Schreiberische Freiheit bleibt noch allemal genügend.

Von zaghaftem Frühlingserwachen und Traktorfahrten, von guten Ernten und vom Hitzesommer, von hungrigen Wildschweinen und Herbstanfängen – das ist die erste Hälfte des Lyrischen Bauernjahres.

«Es gefällt mir gut und ist eine Dokumentation über mein Jahr des Wandels», so Jim Woodtli. Darum will er am Ende eine Publikation mit allen zwölf Gedichten realisieren, samt den Fotografien, die Vera Urweider ebenfalls einmal im Monat macht und mit dem jeweiligen Gedicht auf Woodtlis Website veröffentlicht.

Bislang ist das erste Lyrische Halbjahr unter www.wodtligemuese.ch nachzulesen. Die beiden Anfangdreissiger sind überzeugt: Das Gemüse und die Früchte aus dem Seeland betreffen jeden Schweizer Haushalt. So sollen Leserinnen und Leser und Konsumentinnen und Konsumenten für die Produktion sensibilisiert werden, erfahren, zu welchem Zeitpunkt was getan werden muss, die schönen Seiten der Bauernarbeit präsentiert bekommen, aber zu gleichen Teilen auch die Schattenseiten:Die Strapazen des Wetters oder die Auswirkungen des enormen Preisdruckes.

 

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Was bringt es mir?

Neulich mitten in der Nacht, irgendwo in einer grösseren Stadt: ein rechteckiger Platz. Grüne Busse fahren die Menschen überallhin. Müde Gesichter, Erbrochenes am Boden, der Regen in schrägen Strichen. Die Menschen wuchten ihre Koffer in den Bauch der Fahrzeuge. Eine Frau steht aufgelöst am Eingang: Ticket verloren, Ticket vergessen, Ticket gar nicht gekauft. Wer weiss das schon. Der Chauffeur schickt sie weg. Das ist seine Pflicht. Als alle eingestiegen sind und er losfahren will, geht er nochmals nach draussen und bietet der Frau an, sie mitzunehmen, «einfach so».

Neulich mitten in der Nacht, irgendwo in einem längeren Zug: abgestandene Luft, eine Gruppe alkoholisierter Fussballfans, die singend hin und her laufen, spärlich besetzte Abteile mit Menschen, die zu schlafen versuchen und lieber in ihren Betten wären. Da kommt die Zugbegleiterin vorbei und verteilt Brötchen und Getränke.

Neulich mitten am Tag, beim Gespräch mit den Menschen vom Verein Kollektiv Inklusiv. Alle sind stark ausgelastet mit ihren eigenen Leben, die finanzielle Lage ist nicht rosig, der Arbeitsaufwand ist gross. Doch jeden Monat wird ein kreatives Programm zusammengestellt.

Sachen machen, ohne gleich zu fragen: Was bringt es mir?

E-Mail: ramstutz@bielertagblatt.ch

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