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Ausgewandert

Götter
 in Weiss

Das brasilianische, öffentliche Gesundheitssystem ist schwer krank. Es ist zwar kostenlos, aber auch nichts wert.

Hans Peter Gertsch, freischaffender Sprachlehrer in Brasilien
  • Dossier

Bezeichnenderweise heisst es SUS, denn die Brasilianer sagen «Susto»: Schreck. Überall und immer gibt es Wartelisten: Über die Hälfte der Patienten warten ein bis drei Monate auf einen Arzttermin, 30 Prozent mehr als 6 Monate und 15 Prozent mehr als ein Jahr. Dasselbe gilt für die Diagnostik und operative Eingriffe. Nur 20 Prozent der Patienten, welche eine Operation benötigen, werden gleich behandelt; 80 Prozent kommen auf die Warteliste mit ungewisser Wartezeit. Wer diese überlebt, wird mit einem anderen Problem konfrontiert: Die Qualität der Behandlungen ist schlecht bis miserabel. Zudem ist die Gefahr einer Spitalinfektion sehr gross. Wer es sich leisten kann, und das ist eine Minderheit, schliesst eine private Krankenversicherung ab. Diese garantiert kürzere oder keine Wartezeiten sowie Behandlung durch bessere Ärzte. Positiv am System ist nur, dass viele (zum Teil sehr teure) Medikamente gegen schwere Krankheiten kostenlos abgegeben werden.

Inzwischen habe ich das öffentliche (indirekt) sowie das private Gesundheitssystem (direkt) selber kennengelernt. Zuerst besuchte ich einen Schweizer Kollegen in einem Zimmer des SUS, welches mit sechs Personen zum Bersten voll war. Eine Woche später wurde ich selber wegen eines Rückenproblems interniert und wurde bestens betreut. Ich hatte das grosse Glück, ein privates Zimmer mit TV und Bettsofa für meine Frau zu bekommen; es ist hier üblich, dass jemand von der Familie den Patienten begleitet.

Kürzlich erlebte ich wieder eine demütigende Situation: Ich hatte einen Arzttermin und war im Wartezimmer, als zwei unangemeldete Pharmavertreter noch vor mir vom Arzt empfangen wurden, um ihre Pharmazeutika zu verkaufen. Die Gratismuster standen danach auf dem Pult des Arztes. Andererseits machte er bei mir anschliessend prompt eine Fehldiagnose und stellte einen Heuschnupfen statt einen viralen Schnupfen fest ...

Übrigens arbeiten viele Ärzte in einer staatlichen Klinik (proforma und ohne grosses Engagement) und haben daneben noch eine eigene, private Praxis, weil diese für sie natürlich lukrativer ist.

Infolge der prekären Gesundheitssituation im ganzen Land hat die Bundesregierung das Programm «Mehr Gesundheit» ins Leben gerufen. Momentan arbeiten bei diesem Programm 18 400 Ärzte in 4000 Gemeinden; 11 400 davon sind Ärzte aus Kuba, welche durch die pan-amerikanische Gesundheitsorganisation für ein paar Jahre nach Brasilien geschickt wurden. Grund dafür ist, dass viele brasilianische Ärzte nicht dazu bereit sind, irgendwo im Hinterland zu arbeiten.

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