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Seeland

Gals tritt aus dem Schatten hinaus

Auf das ganze Jahr bezogen ist die Sonneneinstrahlung ist den Gemeinden des Seelandes ungleich verteilt. Am Frienisberg gibt es am meisten, am Jurasüdfuss am wenigsten natürliches Licht. Auf die Nutzung der

Symbolbild: Pixabay
  • Dossier

Peter Staub

Dass das natürliche Licht in den Gemeinden des Seelands unterschiedlich verteilt ist, kann man am eindrücklichsten an einem sonnigen Sommertag am Bielersee sehen. Während das Bieler Quartier Vingelz bereits im Schatten liegt, können die Bewohner von Bellmund noch lange die Abendsonne geniessen.

Doch der subjektive Eindruck kann täuschen. Die Gemeinde mit der geringsten Sonneneinstrahlung liegt nicht direkt am Jurasüdfuss, sondern am rechten Ufer des Zihlkanals zwischen dem Neuenburger- und Bielersee. Nach Gals folgen dann allerdings wie vermutet Ligerz, Pieterlen Lengnau, Biel und Leubringen. Die sonnigste Gemeinde im Seeland liegt am Südhang des Frienisberg: Es ist Meikirch mit seinem Ortsteil Wahlendorf, der fast immer nebelfrei ist. Dahinter folgen mit Seedorf und Schüpfen zwei Gemeinden an der Nordseite des Frienisbergs. Bellmund liegt übrigens im Mittelfeld.

Keine Lust auf Energiestadt
Die Daten zur Sonneneinstrahlung in den einzelnen Gemeinden haben Meteotest und die Solarplattform Seeland erarbeitet (siehe Infobox). Von der Solarplattform höre er das erste Mal, sagt André Bechler, Gemeindeverwalter von Meikirch. Die Gemeinde habe aber vor vier Jahren darüber diskutiert, ob Meikirch das Label als Energiestadt erwerben sollte. Der Gemeinderat war dafür, die Gemeindeversammlung aber entschied, die dafür nötigen 25000 Franken lieber für Energiesparmassnahmen und in nachhaltig produzierten Strom zu investieren. So wurden etwa der Keller des Gemeindehauses und das Schulhaus in Wahlendorf wärmeisoliert.

Auch in Sachen Sonnenenergie wollte die Gemeinde etwas tun. Auf dem Dach der Bushalle in Ortschwaben plante sie eine Fotovoltaik-Anlage  zu realisieren. Dafür liess sich die Gemeinde ein Dachnutzungsrecht für eine Solaranlage einräumen. Weil aber zwischen dem Baurechtsvertrag und der Erstellung der Bushalle sowohl die Subventionen für Solaranlagen wie auch die Wiederverkaufswerte für den Solarstrom stark sanken, habe sich kein Investor für das Projekt gefunden, schreibt die Gemeinde.

Für die BKW seien Anlagen unter 5000 Quadratmeter zu klein. Und für Private habe sich die Investition nicht mehr gelohnt, sagt Bechler. Der Meikircher Gemeinderat beschloss daher Mitte November letzten Jahres, das Projekt zu sistieren, bis sich die Rahmenbedingungen wieder verbessert haben.  

«100 Meter tiefer als Gurten»
Abgesehen von diesem gescheiterten Projekt scheint das Thema Solarenergie in der sonnenreichsten Gemeinde im Seeland nicht grosse Wellen zu schlagen. Im Dorfbild jedenfalls sind nur vereinzelte Solarzellen auf Dächern zu entdecken. Eine Ausnahme bildet das Schulhaus Gassacker, wo die Mittel- und Oberstufe unterrichtet werden. Dort steht auf dem Dach je eine kleine Fotovoltaik- und eine  Solar-Anlage. Diese produzieren seit fünfzehn Jahren ohne nennenswerte Probleme Strom und warmes Wasser. Als pädagogische Massnahme können die Schülerinnen und Schüler an einer Anzeigetafel sehen, wie viel Energie die Anlage gerade liefert.

Der sonnigste Ort der Patchwork-Gemeinde Meikirch ist Wahlendorf, das als sehr nebelsicher gilt. «Wahlendorf liegt nur 100 Meter tiefer als der Gurten», sagt Bechler, der selber in dieser Ortschaft lebt. Und er erinnert sich, wie vor rund 30 Jahren der damalige Steuerverwalter von Lyss bei ihm angerufen habe: «Scheint bei euch die Sonne?», habe er gefragt, weil seiner Frau langsam die Nebeldecke auf den Kopf gefallen sei. «Seit 14 Tagen», antwortete Bechler, der heute noch lächelt, wenn er die Anekdote erzählt. Wo ein Licht ist, gibt es auch Schatten, heisst es. Ausser wohl am Frienisberg: «In Meikirch gibt es keine Schattenseite», sagt Bechler. Steuern müsse man schliesslich überall zahlen.

Nebel trübt die Bilanz
In Gals, das am anderen Ende der Skala aufgeführt ist, lebt und arbeitet der Agronom Patrik Niederhauser. Der gleichnamige  Landwirtschaftsbetrieb hat sich weitherum als Beerenproduzent einen Namen gemacht. Seit zwei Jahren wird er als eine Generationengemeinschaft geführt. Betriebsleiter ist der 33-jährige Niederhauser. Er findet auf Anhieb nichts, was er als Schattenseite des Dorfes bezeichnen würde. Dann aber sagt er plötzlich wie aus der Pistole geschossen: «Der Anschluss an den öffentlichen Verkehr ist nicht immer so glücklich.» Da befände sich die Gemeinde am Fusse des Jolimont «zwischen Stuhl und Bank».

Auf die sonnigste Seite seiner Gemeinde muss man den Betriebsleiter gar nicht ansprechen. Die sieht man auf den Dächern der Schuppen, die hinter dem altehrwürdigen Bauernhaus stehen, das an der Dorfstrasse liegt. Denn trotz der offenbar nicht idealen Sonnenbestrahlung setzen Niederhausers seit fünf Jahren voll auf Sonnenenergie.

Dass Gals bei den Messungen mit 4,6 Prozent weniger Sonnenlicht als Meikirch abschneidet, kann er sich nur durch den Nebel erklären, der hier im Herbst und Winter manchmal ziemlich dicht ist. «Aber der Nebel lässt nach, er wird von Jahr zu Jahr weniger», sagt Niederhauser. Die Auswirkungen des Klimawandels machen sich auch in Gals bemerkbar.

Niederhausers haben Zeit, auf noch mehr Sonne zu warten. Denn die 2012 errichtete Fotovoltaikanlage die mit je 108 Quadratmeter Fläche in alle vier Himmelsrichtungen ausgerichtet ist, soll noch mindestens 20 Jahre halten. Während eines Vierteljahrhunderts kann sie Strom ins Netz der BKW einspeisen. Die rund 65000 Kilowattstunden Elektrizität, welche die Anlage letztes Jahr produzierte, decke fast gänzlich den Strom, den der Bauernbetrieb mit den zwei Familien und den bis zu 80 Mitarbeitern jährlich verbraucht.

Die 432 Quadratmeter Solarpanels auf den Betriebsgebäuden sind nicht alles, was Niederhausers in Sachen Sonnenernergie unternehmen. Auf dem Dach der Unterkünfte für die Saisonangestellten ist eine Warmwasser-Solaranlage installiert. Und Patrik Niederhausers Eltern verkleideten vor gut zwei Jahren die ganze Südostseite des Daches ihres Hauses mit einer Fotovoltaik-Anlage. Mit dieser wurde die Generationengemeinschaft zu einem Nettostromproduzenten.

Die Hauptanlage lieferte im letzten Sommer pro Monat bis zu 10 000 Kilowattstunden (kWh). Im Winter fiel die Produktion auf 1500 bis 2000 kWh pro Monat ab. Während rund 1000 Sonnenstunden sei die Anlage gelaufen, sagt Niederhauser, der an der HAFL in Zollikofen Agronomie studierte. Zur Sonnenenergie fand er, lange bevor die Anlagen in Gals installiert wurden. In seinem Erstberuf war er Elektroniker. Drei Jahre lang arbeitete er bei Solarmax in Biel. Auch im Studium habe er sich mit Energie und Landwirtschaft auseinandergesetzt, erzählt der Vater von drei kleinen Kindern.

Widerstand überwunden
Als er seine Eltern von der Idee einer Solaranlage überzeugen wollte, stiess er zuerst auf Widerstand. Als er dann aber verschiedene Offerten einholte und aufzeigen konnte, dass selbst bei einer schlechten Einspeisevergütung die Anlage innerhalb der Mindestlaufzeit von 25 Jahren amortisierbar ist, sagten auch die Eltern Ja zur Investition von rund 200 000 Franken. Er sei immer noch überzeugt, das Richtige getan zu haben, sagt Niederhauser. «Man kann nicht immer nur sagen, man sollte, man muss auch mal handeln.»

Niederhausers sind aber beileibe nicht die Einzigen, die in Gals die Sonnenenergie entdeckt haben. Auf mehreren Dächern entlang der Dorfstrasse sind grössere Solaranlagen zu sehen. Auch die Geflügelfarm Schreyer am Zihlkanal und das Lohnunternehmen Freudiger hätten solar aufgerüstet, sagt Niederhauser: «Deren Anlagen sind sogar noch grösser als unsere.»

Kommt nun ein Eisspeicher?
Mit der Realisierung der Fotovoltaik-Anlage kam Niederhausers Pioniergeist indes nicht zum Erliegen. «Wir überlegen uns, was wir sonst noch in Sachen Nachhaltigkeit machen können», sagt er. An Biogas denkt er dabei nicht. Dafür geben die Abfälle der Beerenwirtschaft nicht genügend Material her. Er überlegt sich, bei den Kühlräumen eine Wärmerückgewinnung zu installieren. Und jetzt studiert er am Einbau eines Eisspeicher im Boden herum.  

Dass in Gals übers ganze Jahr hinweg die Sonne fast 5 Prozent weniger scheint als in Meikirch, wirft also keinen Schatten auf die Nutzung der Sonnenergie. Wichtiger als die blosse Zahl der Sonnenstunden einer Gemeinde ist die Bereitschaft deren Einwohner, die Kraft des natürlichen Lichts auch tatsächlich zu nutzen.   

Stichwörter: Seeland, Sonne, Solarstrom

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