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Lyssbach

Experten massen rekordhohe Uranwerte

In Rapperswil entdeckten Behörden die höchsten in der Schweiz je im Grundwasser gemessenen Werte des radioaktiven Stoffes Uran. Sowohl Kanton wie auch Bund wurden aktiv. Eine direkte Gefahr bestehe nicht. Das Uran sei natürlichen Ursprungs.

Rätselhaft: Beim Oberlauf des Lyssbachs (links im Bild) fanden die Behörden eine ungewöhnlich hohe Urankonzentration im Wasser. Die nahegelegene Deponie sei höchstwahrscheinlich nicht die Ursache. Copyright: Susanne Keller / Bieler Tagblatt

von Mischa Aebi

Experten des kantonalen Amtes für Wasser und Abfall (AWA) staunten, als sie beim Oberlauf des Lyssbaches zwischen Schüpfen und Rapperswil Routinekontrollen durchführten. Ihre Messgeräte registrierten 46 und mehr Mikrogramm Uran pro Liter Wasser. In einem Entwässerungsrohr zum Bach wurden sogar 400 Mikrogramm gemessen - die höchsten Uranwerte, die in der Schweiz im Grundwasser je registriert worden sind. Das steht als Randbemerkung in einem Bericht des Bundesamtes für Gesundheit, wie Recherchen zeigen. Weiter unten im Lyssbach sind die Werte dank der Verdünnung des Wassers durch Zuflüsse wieder normal.

Uran ist nicht nur ein radioaktives Schwermetall, es ist auch sehr giftig. Es kommt im Grundwasser normalerweise nur in kleinsten, schon fast nicht mehr messbaren Mengen vor. Im Kanton Bern liegt die durchschnittliche Konzentration im Grundwasser bei gerade mal 2 Mikrogramm pro Liter Wasser. In Flüssen und Bächen sogar bei weniger als einem Mikrogramm.

Für Grundwasser gibt es anders als für Trinkwasser bis heute keine Urangrenzwerte. Der gesetzliche Grenzwert für Trinkwasser beträgt 30 Mikrogramm pro Liter. Denn über einen längeren Zeitraum von Menschen aufgenommen, schädigt Uran Blut, Knochen und Nieren dauerhaft. Zudem kann es Nierenkrebs verursachen. Kleinkinder sind diesen Gesundheitsrisiken besonders stark ausgesetzt. Ihr Magen-Darm-Trakt absorbiert die doppelte Menge an Uran.

 

Rätsel um Herkunft

Die Routinemessung beim Lyssbach fand 2011 statt. Die Behörde hat die Öffentlichkeit darüber nie informiert. Der Oberlauf des Lyssbaches liegt nicht in einem für Trinkwasser relevanten Gebiet, weshalb keine unmittelbare Gefahr für Mensch und Tier droht. Wohl deshalb hielten es die Behörden bislang nicht für nötig, die Bevölkerung über die erstaunlichen Konzentrationen aufzuklären. «Wir wollten zuerst prüfen, woher das Uran kommt. Wenn eine Gefahr bestanden hätte, hätten wir sofort informiert», sagt Jacques Ganguin, stellvertretender Vorsteher des AWA.

Amtsintern sorgten die hohen Uranwerte beim Lyssbach aber sehr wohl für Aufsehen. Nach den ersten Messungen von 2011 liess man das betroffene Gebiet vorerst durch eine Studentin der ETH Zürich analysieren. Die angehende Erdwissenschaftlerin arbeitete mit dem Amt für Wasser und Abfall, einem Messlabor und einem Spezialisten der ETH zusammen. Die Messungen für ihre Arbeit bestätigten die hohen Uranwerte beim Lyssbach. Hauptziel ihrer Arbeit war es, zu klären, wie die sehr hohen Urankonzentrationen zustande kommen. Es wurden drei Thesen untersucht. These 1: Das Uran ist natürlichen Ursprungs, es wurde durch Verwitterung unter speziellen Verhältnissen im Torfboden beim Oberlauf des Baches angehäuft. These 2: Der auf den Feldern verwendete Dünger enthält Uran, welcher aus irgendeinem Grund zu höheren Konzentrationen im Wasser führt als bei anderen Bächen. These 3: Das Uran stammt aus einer alten Deponie unterhalb der Felder.

Die Studentin konnte in ihrer Bachelorarbeit 2013 die Düngerthese ausschliessen. Die beiden anderen liess sie offen. Das Bundesamt für Gesundheit hielt daraufhin im Strahlenbericht 2013 fest, dass das Uran beim Lyssbach möglicherweise von einer alten Deponie im Gebiet stammt.

 

Kein Problem?

Die Deponiethese sorgte nun erneut für Aufsehen im Amt. Das Rätselhafte: Uran wurde industriell nur für Waffen und Atomreaktoren verwendet. In früheren Jahrhunderten, als seine Giftigkeit noch nicht bekannt war, wurde das Schwermetall auch als Farbpigment eingesetzt. Woher könnte also das Uran im Lyssbach kommen? Die Behörde ordnete neue Abklärungen an.

Diesmal setzte das Amt nicht auf chemische, sondern auf physikalische Analysen: Es setzte einen Strahlenmesser ein, um die Ausbreitung des Urans in der Umgebung des Baches genauer zu lokalisieren. «Ich hoffe, dass wir nach der Strahlenmessung mehr über die Ausdehnung des Phänomens wissen», sagt Ganguin vom AWA. Die Untersuchungen sollen demnächst abgeschlossen sein.

Eines will Ganguin vorweg betont haben: Man könne mittlerweile mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausschliessen, dass das Uran von einer Deponie stamme. Es gebe zwar eine Deponie in der Umgebung. Man habe diese nicht geöffnet. Doch mehrere Umstände sprächen eindeutig dagegen, dass das Uran von dort komme. Man gehe jetzt davon aus, dass beim Lyssbach eine sehr spezielle, aber natürliche Häufung von Uran vorliege, eine sogenannte Urananomalie (siehe weiter unten).

 

Schlecht erforscht

Zumindest eine indirekte Gefahr für die Gesundheit kann die Behörde beim Lyssbach allerdings bis heute nicht ausschliessen: Das Land entlang des Lyssbaches wird landwirtschaftlich genutzt. Möglicherweise nehmen die Nutzpflanzen in der Umgebung das Uran auf. Denn die Böden weisen wegen des Grundwassers auch erhöhte Uranwerte auf.

Die Uranaufnahme durch Pflanzen ist wissenschaftlich allgemein schlecht erforscht. Verkomplizierend ist, dass wohl nicht jede Pflanzengattung das giftige Schwermetall, wenn überhaupt, in gleichem Masse aufnimmt.

 

Gelangt Uran in die Nahrung?

Für die Einhaltung der Grenzwerte radioaktiver Strahlung bei Lebensmitten ist das Bundesamt für Gesundheit zuständig. Es ist nun ebenfalls aktiv geworden: Erste Messungen an Pflanzen wurden bereits durchgeführt: «Wir haben beim Lyssbach Rüben aus einem Boden mit hohem Urangehalt untersucht», sagt Philipp Steinmann von der Sektion Umweltradioaktivität beim BAG. Der Grenzwert sei bei den Rüben eingehalten.

Das BAG wird nun aber bei weiteren Nutzpflanzen aus dem Umfeld des Lyssbaches Uranmessungen durchführen.

 

 

Urananomalie

• Es gibt verschiedene Hypothesen, wie Uran auf natürlichem Weg in den Lyssbach gekommen sein könnte. Möglich ist gemäss dem kantonalen Amt für Wasser und Abfall, dass vor Urzeiten Uranerze vom Rohnegletscher als Findlinge den Weg zum Lyssbach gefunden haben.

Der Grund, warum sich das Uran dann im Wasser so stark anreicherte, dürfte der ausserordentlich torfreiche Boden sein. Er könnte chemische Reaktionen ausgelöst haben, die dazu führten, dass sich besonders viel Uran aus dem Gestein im Wasser auflöste.

 

Der Bund ordnet Massnahmen an

• Das Bundesamt für Gesundheit hat nach den Uranmessungen beim Lyssbach Massnahmen angeordnet: Wird im Gebiet bei Bauarbeiten Erde ausgehoben, muss sie auf Strahlung überprüft und gegebenenfalls gesondert entsorgt werden. Bei der Autobahnausfahrt Münchenbuchsee gibt es die Industriezone Lätti. Im Winter hat die Gemeindeversammlung von Rapperswil zu deren Erweiterung Ja gesagt.

• Sollten hier in nächster Zeit Industrie- und Gewerbegebäude entstehen, müssen dafür möglicherweise Leitungen durch das kritische Gebiet verlegt werden. Wird zu diesem Zweck Material ausgehoben, muss dessen allfällige Strahlung vorsorglich gemessen werden.

• Ins Altlastenkataster wird das Gebiet trotzdem nicht eingetragen: gemäss Altlastenverordnung sind belastete Standorte Orte, deren Belastung von Abfällen stammt.

• Der Boden mit erhöhten Urangehalten gilt per Definition nicht als belasteter Standort, da seine «Belastung» natürlichen Ursprungs ist. Er wird so nicht im Kataster der belasteten Standorte aufgeführt.

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